Seelbach Theater: Shakespeare ist moderner denn je

Seelbach - Shakespeares "Der Sturm" hat die Premierengäste am Samstag im Klostergarten begeistert. Es war eine zeitgemäße Inszenierung mit Anklängen an die Moderne – etwa an die Forderung junger Leute nach mehr Klimaschutz.

Zum Auftakt streiten Besatzung und Passagiere auf einem Boot, das gerade am Kentern ist. Unter Geschrei der Passagiere und der vergeblichen Gegenwehr der Besatzung geht das "Schiff" auf der Treppe im Klostergarten unter. In dieser ersten Szene der Romanze "Der Sturm" haben die Darsteller aus Seelbach den ersten gelungenen Auftritt.

In der zweiten Szene folgt ein längerer Dialog, in dem Prospero (Christian Hauser) seiner Tochter Miranda (Shania Bohy) die Vorgeschichte der Handlung erzählt: Er will Rache nehmen für seine Vertreibung – "angeblich wegen Zauberei" – als rechtmäßiger Herzog von Mailand. Miranda ist ein naives, kokettes, etwas vorwitziges und noch pubertierendes Mädchen, das sich in den gestrandeten Ferdinand (Vincent Daiber) verliebt – dieser Handlungsstrang wird ein Happy End haben. Liebe ist, das gehört zur Kernaussage der Romanze, stärker als Magie.

Vor dem Schiffbruch bevölkerten der Zauberer und seine Tochter sowie Ariel und Caliban die einsame Insel. Den "Halbmenschen", den Prospero versklavt hat, verkörpert Katja Thost-Hauser, die auch Regie führt. Caliban wettert: "Du hast mich sprechen gelehrt, dass ich fluchen kann." Das verspricht also nichts Gutes für diesen Teil der Handlung. Die Rolle des Luftgeists Ariel hat Thost-Hauser doppelt besetzt: Britta Petersen und Gernot Kogler gehen eine sehr gut gespielte Symbiose des Weiblichen und Männlichen in einer Rolle ein.

Eine weitere Handlungsebene ist Prosperos – zuletzt gescheiterte – Rache am Usurpator, seinem Bruder Antonio (Klaus Meile). Der Magier hatte den Sturm heraufbeschworen, da auch der Usurpator samt Hofstaat auf einem an der Insel vorbeischippert.

Unter den Gestrandeten sind Alonsa (Verena Rohkohl), die Königin von Neapel, mit Sohn Ferdinand. Der Kellermeister Stephano (Gabriel Michailidis) und der Hofnarr Trinculo (Siegfried Wacker), die zu den Neapolitanern gehören, bilden zusammen mit Caliban einen weiteren Handlungsstrang. Den hat die Regie zu einer astreinen Farce ausgebaut: Caliban will Rache an Prospero nehmen. Hier hat Shakespeare die aus den Fugen geratene Welt der Gestrandeten wieder mit dem Schicksal der Inselbewohner verwoben: Antonio will Sebastian (Frank Schwörer) verleiten, dass er seine Schwester Alonsa tötet. Es geht also um mehrere Komplotte und eine Liebesgeschichte.

Schulstreik Thema bei den Freilichtspielen

Eine gute Idee ist die Wahl der Kostüme, für die Jenny Thost – wie immer – verantwortlich ist: Der Hofstaat tritt schwarz-weiß gekleidet auf die Bühne. Die starre Maske Verena Rohkohls, die mitunter zur Fratze wird, ist der einzige Farbtupfer. Den setzt die Seelbacherin aber auch nur sehr sparsam, dafür umso wirkungsvoller ein. Die vielen Ensemblemitglieder, die bei den Tänzen und der gesamten Choreografie mitwirken (ein dickes Lob an Silvia Franke und Shirlei Rodrigues de Paiva Kogler) sind durch die Kostüme zu unterscheiden. Das hilft auch, die Ebenen zu trennen.

Das Bühnenbild zeigt krasse Gegensätze: Ein idyllischer Sandstrand ist mit Unrat übersät. Beim Sturm am Anfang sorgen Passagiere und Besatzung für noch mehr Müll. "Der Sturm" aus der Renaissance spielt in Seelbach somit im Hier und Heute. Auch ein schlichtes Bild am Anfang des Stücks sagt sehr viel aus: Lara Krämer hält das Schild "Skolstrejk för future" hoch­ – ein Anklang an die Schülerbewegung "Fridays for Future".

"Und allem Anfang wohnt ein Zauber inne": Hermann Hesse hat das Gedicht "Stufen" nach einer langen Krankheit 1941 geschrieben. Darin beschwört der Dichter, dass es immer einen Neuanfang geben kann. Bei den Freilichtspielen bestand die Magie eines Neuanfangs aus einem Abschied. Bruno Thost, der die Idee der Freilichtspiele vor mehr als 16 Jahren hatte und der bei allen Aufführungen immer sehr präsent war, hat vor wenigen Tagen seine letzte Ruhestätte auf dem Seelbacher Friedhof gefunden. Das gesamte Ensemble hat das mit einer bravourösen Darbietung bei den ersten Aufführungen der diesjährigen Freilichtspiele gewürdigt. Die wird sich Bruno Thost sicher genau so gewünscht haben. Der stehende Applaus am Ende der Premiere wurde dem gerecht.

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