Schwanau "Europa liegt in unseren Händen"

Ex-Bundesaußenminister Sigmar Gabriel hat am Dienstagabend beim Martin Herrenknecht Forum über die Zukunft Europas gesprochen. Dabei zeichnet er ein düsteres Bild für den alten Kontinent, zeigt aber auch Chancen auf.

 

Schwanau. Ein Schwergewicht der deutschen Politik und intensiver Beobachter des Weltgeschehens zu Gast bei Herrenknecht: Das gibt es nicht alle Tage in Schwanau. So findet auch der Gastgeber nur lobende Worte. "Das war der beste Vortrag, den wir bisher hörten", sagte Martin Herrenknecht vor etwa 200 interessierten Zuhörern, darunter wie immer viele regionale Unternehmer und Lokalpolitiker. Vorab sagte Herrenknecht schon: "Ich vermisse Sie in der aktuellen Regierung".

"Herausforderungen für Europa in einer unbequemen Welt" betitelte Gabriel seinen etwa 45-minütigen Vortrag. Was der 58 Jahre alte Ex-SPD-Parteichef und heutige Bundestagsabgeordnete da alles erzählte war spannend, aber nicht neu. Den gleichen Vortrag hat er bereits auf der internationalen Sicherheitskonferenz in München im Februar dieses Jahres gehalten. Seine Analysen und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, sicher treffend, zeichnen ein düsteres Bild Europas und der EU, wobei beide Begriffe oft als Synonyme verwendet werden.

Gabriel denkt etwa, dass das Zeitalter der Europäer vorbei sei, ihnen es an einer geopolitischen Strategie im Gegensatz zum expansiven China massiv mangele und die EU im Begriff sei, sich selbst zu schwächen und sich auf ein historisches Abstellgleis zu fabrizieren. Dabei erinnert er immer wieder an historische Ereignisse wie beispielsweise die chinesische Schiffsflotte, die früher einmal, lange Zeit vor den europäischen Seefahrern, weltweit führend gewesen war, aber durch eine Fehleinschätzung des damaligen Kaisers vor mehr als 600 Jahren, elementar an Bedeutung verloren hatte, woran China lange zu knabbern hatte.

Der Grund laut Sigmar Gabriel: China, das riesige Reich, habe sich zu sehr auf sich konzentriert und war "saturiert" gewesen. "Präzise das droht auch Europa", mahnte er. "Uns fehlt der Blick, auf das, was um uns herum passiert."

Angesichts einer erodierenden EU, in der "ganz viel Unordnung" herrsche durch Spaltung, Nationalismus und Protektionismus, ist Gabriels Appell, sich nicht zurückzuziehen, wie damals die Chinesen, die "dann für fast 600 Jahre von der weltpolitische Bühne verschwunden sind", sondern für ein Mehr an Europa einzustehen. "Es liegt an uns allen, die EU stärker zu machen", sagt Gabriel. Die Werte für die die EU stehe, wie etwa Gleichheit, Freiheit, Solidarität und Demokratie, seien gerade in jetziger Zeit von herausragender Bedeutung, es lohne sich, für sie zu "kämpfen".

In einer Zeit, in der autoritäre und illiberale Regime nachweislich immer mehr Vorschub bekämen und sich der Weltpolizist USA zunehmend aus der Weltpolitik verabschiede, müsse es ein geeintes sowie starkes und handlungsfähiges Europa geben.

Gabriels Auftritt kam gut an bei den Gästen

Sonst drohe, genauso wie es auch schon Joschka Fischer in seinem lesenswerten Buch "Der Abstieg des Westens" schreibt, der Niedergang des alten Kontinents mitsamt seiner Interessen und Werte, die für die neuen Machtzentren nicht viel zählten. Der Verlierer seien nicht nur der Apparat EU mit seinen Institutionen, denn vor allem auch die Mitgliedsstaaten und deren Bürger. Wenn Deutschland wirtschaftlich nicht so dominant wäre, hätten die USA und andere Machtzentren kaum Interesse an uns, lässt sich aus den Analysen Gabriels schließen.

Der Auftritt von Sigmar Gabriel kam beim Publikum gut an. "Es war sehr interessant, wie Gabriel die weltpolitischen Zusammenhänge erklärte", hörte man von den Freien Wählern aus Schwanau. Der SPD-Kreisvorsitzender Karl-Rainer Kopf sagte zu Gabriels Vortrag "hervorragend" und bedauert, dass er offensichtlich keine Rolle mehr spielt in der aktuellen Regierung. Er glaube aber, dass Gabriel bald wieder an vorderster politischer Front stehen werde.

  • Bewertung
    1