Kippenheim Ausgewogen und absolut würdig

Begeisterten in der voll besetzten Synagoge: die Sänger des Chors "Ton-Art". Foto: Masson Foto: Lahrer Zeitung

Einen würdigeren Ort hätte der Kenzinger Chor "Ton-Art" kaum finden können. In der voll besetzten ehemaligen Synagoge in Kippenheim brachte er jüdische Musik vom 15. bis 20. Jahrhundert zu Gehör.

Kippenheim. Den ersten Konzert-Teil prägten gesungene alttestamentarische Bibeltexte über die großen israelitischen Könige David und dessen Sohn Salomo. Dazu merkte Chorleiter Ekkehard Weber vorab an, dass die wohl kaum als Dichter selbst dingfest zu machen sind, ob bei Davids Psalmen oder Salomos Hoheliedern. Gleichwohl hatte der wichtigste jüdische italienische Frühbarock-Komponist Salomone Rossi im toleranten Herzogtum Mantua verpönte mehrstimmige Musik in ansonsten orthodoxen Synagogen eingeführt. Etwa ein vertontes Kedusha-Gebet im christlich-feierlichem Ritus. "Al naharot bavel" über die babylonische Gefangenschaft drückt musikalisch Exil-Verzweiflung aus.

Der in Kippenheim mit zwölf Stimmen stark vertretene Chor mit prächtig ausgewogenen Sopran, Alt, Tenor und Bass beeindruckte ausnahmslos nicht nur mit hohen sängerischen Leistungen (teils auch bei Soli). Es gelang ihm trefflich, jüdische geistliche Musik mit großer Ausdruckskraft und Einfühlung zu interpretieren. Etwa das gesungene zentrale Gebet des Kaddish mit Trauer und Tod, von Rossi einst im Baletto mit wiegendem Dreiertakt komponiert. Das war in der Synagoge gezielt als Gedenken an alle Opfer der Shoah gedacht. Die Zuhörer fielen beim Refrain-Amen nach vorheriger Schnellprobe allesamt mit ein.

Von den Hoheliedern Salomos – quasi biblische Liebeslyrik des frauenreichen Königs – brachte der Chor Vers-Vertonungen von Jehan Mouton, Giovanni Pierluigi da Palestrina, Thomas Morley, Johannes Schulz und Leonard Lechner zu Gehör, allesamt im 16. Jahrhundert entstanden. Etwa das "O amica mea" Morleys oder Moutons getragenes mehrstimmiger Männerchor "Tota Pulchra es", ebenfalls die Schönheit der Freundin lobend.

Im zweiten Teil präsentierte der Chor "neuere Musik mit jüdischen Verbindungen". Auch dabei schwächelte er keine Sekunde. Ebenso wenig beim zeitgenössischen holländischen Komponisten Willem Verkaik mit jiddisch-wehmütigem "Ich hob a kleynem Yingele" oder beim symbolischen Schlaflied "Rozhinkes min Mandlen". Bei Boaz Avnis getragenem "Lacrimosa" über das jüngste Gericht durfte die Zuhörerschaft leise mitsummen – und tat es auch. Von Avi Faintoch, den der Chor bei einer Konzertreise in Israel selbst kennengelernt hatte, erklang unter anderem das fröhlich-jubelnde hebräische Psalmlied auf den Sabbat, schließlich das Heiligungs-Gebet "Keloheinu", vom geborenen Ukrainer Paul Stetsenko vertont.

Mit langem Schlussapplaus würdigten die Zuhörer den vielstimmig makellosen und ausdrucksstarken Auftritt des Chors. Zugaben durften nicht ausbleiben.

Der A capella-Chor "Ton-Art", 1998 von Teenagern aus kirchlicher Jugendarbeit heraus gegründet, ist längst ein eingetragener, gemeinnütziger Verein. Sein Repertoire reicht vom Mittelalter bis zu moderner Popmusik – und eben auch jüdischer. Chorleiter Weber dankte für die Einladung: "Man kann sich kaum einen passenderen Raum für ein solches Konzert vorstellen als eine alte Synagoge."

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