50 Jahrer Eingemeindung Lahr brachte den Wylertern mehr Vorteile als Kippenheim

Jonas Köhler

Aufgrund der historischen Verbundenheit könnte man vermuten, dass sich Kippenheimweiler bei der Kommunalreform nach Kippenheim orientiert hat. Doch die Wylerter hatten vor 50 Jahren andere Pläne. Sie sahen in Lahr eine "starke Mutter".

Kippenheimweiler - Bis ins 19. Jahrhundert hinein gehörte Kippenheimweiler als wörtlicher "Weiler von Kippenheim" zu der Gemeinde südlich von Lahr. 1805 wurde man eigenständig und blieb es bis zur Kommunalreform 1972. Die Aufgabe der Eigenständigkeit habe ein bisschen geschmerzt, sei aber mit Blick auf die Vorteile verkraftbar gewesen, berichtet der heutige Ortsvorsteher Tobias Fäßler im Gespräch mit unserer Redaktion. "Die verpflichtende Eingemeindung wäre sowieso gekommen. So konnten wir uns wenigstens orientieren", sagt Fäßler. Diese Orientierung habe bei den Wylertern mit mehr als 90 Prozent der Stimmen einen klaren Wunsch für die Eingliederung nach Lahr ergeben.

"Es wäre nicht möglich gewesen, alle Verwaltungseinheiten in Kippenheimweiler unterzubringen", erklärt der Ortsvorsteher. Er schätze die zentrale Verwaltung in der Stadt. Vor allem jedoch aus finanzieller Hinsicht habe die Eingemeindung nach Lahr Sinn ergeben. Die Finanzkraft des Orts sei nicht groß genug gewesen, um die Infrastruktur alleine stemmen zu können. Durch die größere Verwaltungs- und Finanzkraft seien die Möglichkeiten der Stadt Lahr besser gewesen als die Kippenheims. "Wir haben eine starke Mutter bekommen", blickt Fäßler auf die Eingemeindung zurück.

Einen Bruch mit Kippenheim hätte dies jedoch nicht zur Folge gehabt. "Die Beziehung ist immer noch beständig", sagt der Ortsvorsteher. Immer noch gebe es einige Wylerter, die in Kippenheim arbeiten und auch dort zum Einkaufen hinfahren. Ebenso weist noch die Telefonvorwahl auf die langjährige Verbindung hin, genau wie die kirchliche Zugehörigkeit. Der Radweg, der derzeit zwischen den beiden Orten gebaut wird, soll die Anbindung nochmals stärken.

Klar ist für Fäßler: Ohne die Eingemeindung nach Lahr hätte sich Kippenheimweiler nicht so entwickelt, wie es sich entwickelt hat. Die Versprechen im Eingemeindungsvertrag seien "ausnahmslos erfüllt worden". Allen voran nennt Fäßler die Kaiserswaldhalle. Aber auch der Anschluss an die zentrale Wasserversorgung der Stadt sei ein wichtiger Schritt gewesen. Dies habe zwar Gebühren mit sich gebracht, jedoch hätten damals viele Wylerter ihr Wasser noch aus eigenen Brunnen bezogen. "Das wäre heutzutage undenkbar", kommentiert der Ortsvorsteher.

Nur hin und wieder blicke er mit Wehmut auf die frühere Eigenständigkeit. Manchmal wünscht sich Fäßler sogar, Bürgermeister statt Ortsvorsteher zu sein. "Da könnte man mehr poltern", sagt er. Als die Möglichkeit in Aussicht war, dass sich ein Arzt im Ort niederlassen könnte, dies aber aufgrund der Auslastung in Lahr nicht passierte, hätte er gerne lauter auf die Bedürfnisse Kippenheimweilers aufmerksam gemacht. "Als Bürgermeister hat man schon mehr Gewicht als als Ortsvorsteher", erklärt Fäßler. Meistens mache es jedoch keinen Unterschied, da man bei überregionalen Entscheidungen auch als kleine Gemeinde nur wenig Mitspracherecht hätte.

So freut sich Ortsvorsteher Fäßler und nicht Bürgermeister Fäßler, dass die Stadt Lahr als stärkere Kraft bei überregionalen Fragen die Interessen des Orts vertreten kann: "Wir haben ein gutes Verhältnis zum Gremium. Der Gemeinderat folgt meist den Entscheidungen des Ortschaftsrats."

Besonders betont Fäßler die Zusammenarbeit mit den Nachbarn aus Langenwinkel. "Wir führen eine gute Partnerschaft. Wir haben eine gemeinsame Jugendarbeit und die Wylerter haben auch kein Problem damit, dass die Schule ›Grundschule Langenwinkel – Außenstelle Kippenheimweiler‹ heißt", erläutert er. Darüber hinaus gibt es ein gemeinsames Mitteilungsblatt und die beiden Dörfer haben auch schon gemeinsame Ortschaftsratssitzungen veranstaltet. Von Bedeutung sei dieser Zusammenhalt vor allem bei den Planungen zur neuen Kreisstraße Ringsheim-Lahr gewesen. Auch Kippenheimweiler habe ein Interesse daran gehabt, dass die Trasse Langenwinkel umfährt. "Es war dann schwierig, gegen zwei Stadtteile zu argumentieren", so Fäßler.

"Die Wylerter leben sehr gerne hier", ist sich der Ortsvorsteher sicher. 2000 Menschen leben heute in dem Dorf. Vor der Eingemeindung waren es noch 750, der Ort ist also in den 50 Jahren stark gewachsen. Kippenheimweiler habe sich zu einem "Wohnstadtteil mit Naherholungscharakter" entwickelt. Dabei bezieht sich Fäßler vor allem auf den Waldmattensee, den nicht nur die Wylerter gerne zum Schwimmen und Entspannen besuchen.

Zum Wohlfühlfaktor trage auch das Dorfleben mit einem starken Vereinsangebot bei, schildert der Ortsvorsteher weiter. Kippenheimweiler habe mit Sportvereinen, den Landfrauen, der Feuerwehr und dem Schützenverein einiges zu bieten. Das Angebot werde auch rege in Anspruch genommen. Nicht so aktiv seien die sogenannten Spätaussiedler, die nach Abzug der Kanadier deren Wohnungen übernommen haben. Der Begriff gefällt Fäßler allerdings nicht: "Das sind jetzt Wylerter", stellt er klar und denkt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch diese stärker im Dorf mitmischen.

Bereits jetzt erlebe er im Dorf ein "harmonisches Gesamtbild". Das sei besonders bei der 650-Jahr-Feier deutlich geworden, als alle Wylerter mit anpackten. Fäßler ist stolz auf seinen Ort und ist sich sicher, dass viele Projekte auch im Gemeinderat leichter zu realisieren sind, wenn den Stadträten klar ist, dass die Wylerter gerne selbst mithelfen und dadurch Investitionen eingespart werden.

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