Herbolzheim Auf dem Königssträßle zur Burg

Von Werner Schnabl

Bleichheim. Die Ruine der Kirnburg ist ein beliebtes Wanderziel. Wer sich dem Gemäuer in 380 Meter Höhe im Gefolge des Burgführers Hans-Jürgen van Akkeren nähert, der kräftigt nicht nur seine Wadenmuskulatur, sondern erweitert auch seinen Horizont. Denn mit wissenswerten Details spart van Akkeren ebenso wenig wie der Weg mit beschwerlichen Abschnitten.

Der historisch Bewanderte kennt nicht nur jeden Pfad und jede Kleinserpentine in- und auswendig, sondern auch die rund 850-jährige Geschichte der Kirnburg. Im Rahmen seiner Exkursion "Im Schatten der Burg Kürnberg" bringt van Akkeren Licht in das Gemäuer.

Schon beim Treffpunkt an der Bleichtalhalle gibt der ehrenamtlich tätige Burgführer seinen Zuhörern einige Denkanstöße mit auf den steinigen Weg: Was sagen die Gewannnamen über das frühere Wirtschaften? Wie funktionierte die Wasserversorgung auf der Burg? Warum führt das Königssträßle direkt zum Kastell?

Gebaut 1160, zerstört im 30-jährigen Krieg

Mit jedem Schritt Richtung Kirnburg löst der Hobbyhistoriker Geheimnisse und Mysterien auf. Zuerst die geschichtlichen Appetitanreger: Der Üsenberger Burkhart I. hat die Zitadelle um 1160 gebaut. Sie war 200 Jahre lang Residenz seines Geschlechts. 1219 bei der Ersterwähnung nannte man die Festung "Kürenberc". Später wurde sie an Österreich verkauft. Bis 1564 besaß auch ein gewisser Wolf von Hürnheim Pfandrechte. Nach einem letzten Umbau wurde die Bastei im Dreißigjährigen Krieg von Herzog Bernhard von Weimar zerstört. Bis 1967 diente die Anlage als Lehenssitz der Grafen von Kageneck. Danach fiel sie in den Besitz Baden-Württembergs.

Der Marsch durch den malerischen Ort Bleichheim in eine Waldlichtung ist kurzweilig. Burgherr und -fräulein nebst Knappen in entsprechender Gewandung begleiten die Pilger. Der Volksmund, weiß van Akkeren, nennt die Burg "Kürnberg". Die Herkunft lässt sich vom Berg ableiten: Kirnberg-Kirnhalde. Der Bach trennt die Gewanne, hier wurden erste Mühlsteine gefunden. Ein altes Wort dafür ist "Kürn", später "Kirn". Das Bleichtal galt als größte Produktionsstätte für Mühlsteine im mittleren Breisgau. Van Akkeren deutet auf einen tonnenschweren Findling.

Erster Bergbau im späten Mittelalter

Eine Verschnaufpause am hölzernen Steg tut gut, denn der weitere Anstieg ist steil. Bleichtalromantik ist zumindest für die nächsten Minuten eine abgekaute Vokabel. Das abgestorbene Geäst knackt, der Kammergraben liegt auf halbem Weg bis zur Schlosswiese. Er war im Besitz der Meiger und Burgvögte von Kürnberg auch der Vasallen der Üsenberger. Van Akkeren vermutet den ersten Bergbau bereits im späten Mittelalter und schwingt das mitgeführte Banner: im blauen Schild ein goldener Stern, über einem Dreiberg als Zeichen des Erzglanzes im Stollen.

Keine Wetterkapriolen begleiten den buckligen Anstieg, nur der Wind zeigt seine Stärke. Ein neues Thema bläst durch das Geäst: "Wasser war Lebenselixier". Auf der Burg wurden keine Anzeichen eines Brunnens gefunden. Doch ein Oberflächenabfluss deutet auf die Existenz einer Zisterne hin. Den Überlieferungen zufolge gab es eine Eselfracht für den Wassertransport, weshalb es den "Duttenbrunnen" gegeben haben könnte – nicht nur als Gewannname. Legende, Vermutung, Tatsache? Van Akkeren zuckt mit den Achseln.

Landschaftlich bleicht der Berghang in der Mittagssonne aus, als die Expedition auf das Königssträßle abbiegt, um die letzte Etappe in Angriff zu nehmen. Vorbei am Roevelinshof, auf dem Ackerbau und Viehzucht betrieben und die Versorgung der Kirnburgbewohner sichergestellt wurde. Die Schlosswiese war einst größer und reichte bis zu einem Bildstöckle aus dem Jahr 1766 des Jakob Götz, der den Hof als Erblehen erhielt. In stillem Gedenken an sein Schicksal zieht der Tross an dem Kleindenkmal vorbei. Sodann wird "Kunges weg" (Königsweg) betreten. Hier war sogar die Breite genormt. Die örtliche Herrschaft musste dem königlichen Gebieter Geleit und Schutz gewähren. Was für ein Aufwand für einen Weg!

Das Gewann "Kastenbuck" weist höchstwahrscheinlich auf einen großen Vorratsspeicher hin. Der könnte zur Versorgung des königlichen Heeres gedient haben. Im 14. Jahrhundert führte die Trasse vom Kaiserstuhl nach Nordweil und endete direkt an der Kürnburg. Südlich davon wurden die Vorwerke errichtet. Sie werden dem zentralen Sitz einer Burg vorgelagert.

Die Standortwahl für die Burg war das Ergebnis strategischer Überle­gungen auf Grundlage mathematischer Berechnungen. Der Bergfried maß 36 Meter. Ein feindlicher Angriff konnte somit bei der abschüssigen Geografie in 640 Meter Entfernung erkannt werden. Genau dort, wo einst der neu angelegte Weg zur Kirnhalde auf den Bergrücken traf.

Ausblick entschädigt für mühsamen Aufstieg

Als der Himmel sich öffnet, ist der Blick auf die Burg ungetrübt. Noch ein paar Schritte, dann ist das Ziel erreicht. Unter dem Fragment des Eingangsbogens kann jeder auf individuelle Spurensuche gehen. Der Blick in die Rheinebene und zum Schwarzwald entschädigt für die Mühsal des Aufstiegs. Und die vorherigen Ausführungen van Akkerens ermöglichen es den Exkursionsteilnehmern, in dem grotesken Steinhaufen mehr zu sehen als bloße Mauerreste – nämlich Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst und einer einstmals herrschaftlichen Residenz.

  • Bewertung
    4