Wolfach "Ich bin nicht die klassische Lehrerin"

Barbara Moser, die neue Schulleiterin des SBBZ Wolfach, neben dem Schild Ihres Parkplatzes am Herlinsbachweg: Die 52-Jährige ist in ihrem Job und im Kinzigtal gut angekommen. Foto: Steitz

Wolfach - Leckerer Kuchen steht auf dem Tisch. Barbara Mosers Mutter hat ihn kurz zuvor gebacken und ihrer Tochter für den Interviewtermin mit dem Schwarzwälder Boten mitgegeben. Auch im Gespräch wird deutlich, die 52-jährige, neue Schulleiterin des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums (SBBZ) Wolfach, ist gut im Kinzigtal angekommen.

 

Sie sind nach 33 Jahren wieder zurück ins Kinzigtal gekehrt und seit August neue Schulleiterin des SBBZ Wolfach. Warum haben Sie Ihre Heimat nach dem Abitur so lange verlassen?

Ich habe hier sehr gerne gelebt und wollte nicht unbedingt weg; hab mich Hornberg sehr verbunden gefühlt. Als ich später einer Freundin erzählt habe, dass ich nach Berlin gehe, sagte sie: "Was? Du gehst nach Berlin? Du bist doch immer im Wald." Aber ich musste etwas anderes entdecken, weil ich wissbegierig und neugierig bin.

Und dann kam Berlin: das wilde Leben...

Nee, dann kam Berlin: sehr anstrengend, 1990 nach dem Mauerfall. Ich habe in Berlin das sogenannte Anerkennungsjahr in Kliniken gemacht und dort erstmals intensiv mit geistig behinderten Jugendlichen und Erwachsenen gearbeitet (siehe Info). Das hat mir so gut gefallen, dass ich mir einen Platz in Berlin-Steglitz gesucht habe, wo ich an Sonderschulen arbeiten konnte.

Sie sind eine Allrounderin auf Ihrem Gebiet?

Ja, genau. Ich bin nicht die klassische Lehrerin, die in die Schule möchte und bilden, sondern ich bin von meiner Berufsbiografie her sehr an der Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Menschen interessiert. Das steht für mich im Vordergrund. Ich schaue immer, in welchem Umfeld kann man ihnen die bestmögliche Chance geben, sich zu entfalten und ein wertvoller Mensch in einer Gemeinschaft zu werden.

Woher nehmen Sie den Ansporn, Menschen zu helfen, die schlechtere Startbedingungen im Leben haben?

Ich kann nicht sagen, woher das kommt, denn ich stamme überhaupt nicht aus einer pädagogischen, sondern einer Baufamilie. Vielleicht ist es die christliche Erziehung und mein Menschenbild, das ich mir so hoch halte. Das hat sich durch Erfahrungen so entwickelt und ist mein roter Faden.

Sie haben im Vorfeld Ihre Kollegen kennengelernt und an SBBZ-Veranstaltungen teilgenommen. Was hat Ihnen dabei gefallen?

Ich hab dieses Haus hier während der letzten zehn Tage vor den Schulferien erleben und begleiten dürfen. Das ist nicht selbstverständlich.

Warum?

Ich habe schon verschiedene Einrichtungen kennengelernt und jede hat ihre eigene Kultur. Diese hier war von Offenheit, Herzlichkeit und Neugierde geprägt. Das finde ich super. Ich durfte die Kollegen bei ihrem täglichen Job begleiten und sah, dass sie sehr unterschiedlich mit den Jugendlichen arbeiten, was ich richtig gut finde, weil die Kinder auch im Laufe ihrer Schulzeit lernen müssen, mit verschiedenen Menschen und Strukturen klar zu kommen. Aber allen Lehrern war gleich, dass sie eine sehr schülerzugewandte Arbeitsweise haben und der Unterricht klar ausgerichtet ist; da wurde etwas gefordert.

Sie sind damit zufrieden?

Ja. Diese Mischung, jemanden zu motivieren und Leistung abzuverlangen, ihn aber menschlich zu halten, das finde ich toll. Hier hat keiner Theater gespielt, ich habe Lehrer erlebt. Vor den Schulferien habe ich ihnen meine Vorstellungen für das kommende Jahr vermittelt. Dabei habe ich einbezogen, was ich in den Zwei-Augen-Gesprächen mit ihnen gehört habe. Und ich glaube, mein Job ist es, das zu verbinden und eine Schule – einen Organismus – daraus zu bauen.

Wie stellen Sie sich das SBBZ in fünf Jahren vor?

Ich sehe uns als einen Dienstleister an, der für die Schulen in der Umgebung und Eltern eine Institution ist, die Menschen ausbildet und ihnen alle Bildungswege ermöglicht. Wir können in Zusammenarbeit mit Partnern auf den Hauptschulabschluss vorbereiten und im Auge behalten: "Wo geht es denn eigentlich hin nach der Schule? Wie sind die Fördermöglichkeiten vom Arbeitsamt? Wie können wir da unterstützen?" Ich denke Schule von hinten, wo es für die Absolventen hingeht.

Sie scheinen ein richtiger Glücksgriff für die Stadt Wolfach zu sein, die es schwer hat, Schulleiter-Posten (Herlinsbachschule) nach zu besetzen. Wurde Ihnen das vom Lehrerkollegium auch so signalisiert?

Ja. Mit Elis Grassinger (Anm. d. Red.: Interimsleiterin nach Fränzen ab Februar 2017) habe ich als Erste nach der Bewerbung gesprochen. Sie klang sehr begeistert und ich fragte: "Wollen Sie nicht den Job machen?" Doch sie sagte: "Ich gehe in Rente." Dann war klar: Das ist in Ordnung, es ist wirklich ein Platz da und ich nehme ihn gerne ein. Die Kollegen zeigen mir auch, dass es gut ist, weil sie sich Führung wünschen. Ich habe eine große Wertschätzung gegenüber Petra Fränzen und viele Dinge gesehen, die sie gemacht hat. Ich denke, sie hat eine gute pädagogische Arbeit geleistet und dafür Dankeschön; darauf kann ich aufbauen.

Was kommt auf Sie zu?

Ich bin jetzt neu hier. Vieles um mich herum ist in Aufruhr: Grundschule hier – Schulgebäude da, Gemeinschaftsschule – aber ich kenne nichts anderes aus Berlin, da gibt es auch ständige Baustellen. Ich glaube auch, wir werden unsere Linie finden und sind flexibel genug – je nachdem, was bildungspolitisch hinzu käme – mitzumachen.

Berlin-Wolfach – das ist ein harter Kontrast...

Für mich nicht, weil ich schon immer viel in Hornberg war. Ich sage immer, ich mache eine Schwerpunktverlagerung. Sobald es ging, kam ich früher mit meiner Familie nach Hornberg, um den Urlaub bei meinen Eltern und Geschwistern zu verbringen. Das ist auch ein Teil von mir.

Was mögen Sie am Kinzigtal?

Ich mag die Mentalität und dass die Menschen hier positiv auf andere zugehen. Ich habe die Natur vermisst und fühle mich im Kinzigtal ausgesprochen wohl. Ich möchte einfach meinen nächsten Lebensabschnitt hier verbringen.

Die Fragen stellte Melanie Steitz.

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