Aufruhr im Kinzigtal Zeigt diese Aufnahme einen Wolf?

Aline Fischer
Ein Video, aufgenommen aus einem Auto heraus, soll einen Wolf zeigen, der bei Kirnbach über eine Straße läuft und auf einer Wiese verschwindet. Foto: Screenshot

Aufruhr im Kinzigtal: Ein Facebook-Nutzer hat ein Video in dem sozialen Netzwerk gepostet. Zu sehen sein soll darauf ein Wolf, der über eine Straße und in eine Wiese läuft – und das hier in der Region. Was steckt dahinter?

Wolfach - Es ist dunkel, jemand sitzt im Auto und filmt die spärlich beleuchtete Straße vor sich. Die Kamera schwenkt hoch und fängt ein Tier von hinten ein, das rennt, sich kurz umdreht und dann in der Wiese am linken Rand der Fahrbahn verschwindet. Diese Szene ist auf einem Video zu sehen, das ein Facebook-Nutzer auf seinem Profil gepostet hat. Er behauptet in der Beschreibung, dass das Video am Samstag in Wolfach aufgenommen worden sei und einen Wolf zeige. Ist wirklich ein Wolf unterwegs?

Drei Nachweise im vergangenen Jahr

"Grundsätzlich ist es möglich, dass sich in der Umgebung Wolfachs ein Wolf aufhält", lautet die Einschätzung von Felix Böcker von der Forstwirtschaftlichen Versuchsanstalt Freiburg (FVA). Tatsächlich habe es im vergangenen Jahr im Kinzigtal drei Wolfsnachweise gegeben, bestätigt er auf Schwabo-Nachfrage. Unter anderem waren am 23. April in Mühlenbach vier Schafe von einem Wolf gerissen worden. Der Fall wurde von der FVA untersucht.

Unterscheidung zwischen Wolf und Hund ist schwierig

Die Unterscheidung von Wölfen und wolfsähnlichen Hunden könne jedoch sehr schwierig sein, so Böcker: "Entscheidend sind hier Merkmale wie die Größe der Ohren, der Körperbau, die Färbung, die Zeichnung und auch des Verhaltens." Oft würden die Tiere beispielsweise mit dem Tschechoslowakischen Wolfshund verwechselt, gerade bei kurzen und unscharfen Videos bestehe diese Gefahr. In diesem Fall aber hält es die FVA "für wahrscheinlich, dass es sich bei dem Tier auf dem Video um einen Wolf handelt". Aktuell hätten sich drei bekannte Wölfe im Kinzigtal niedergelassen und lebten dort territorial, einer habe sein Revier im Nordschwarzwald und zwei der Wölfe seien im Südschwarzwald heimisch.

Nachweise auf viertes Tier

Seit Beginn des vergangenen Jahres gibt es zudem Nachweise auf ein viertes Tier, das sich im Bereich des mittleren Schwarzwalds aufhalten soll, so Böcker. "Ob sich dieses Individuum nach wie vor in der Region aufhält und in welchem Raum es sich befindet, ist aktuell nicht bekannt. Um hier nähere Aussagen treffen zu können, sind weitere Nachweise nötig." Das acht Sekunden lange Video lässt wohl auch wegen seiner schlechten Qualität keinen eindeutigen Rückschluss auf einen Wolf zu.

Zeigt das Video tatsächlich Wolfach?

Eine weitere Frage lautet: Ist in dem Video tatsächlich wie auf Facebook behauptet Wolfach zu sehen? Auch hier ist eine Verifizierung aufgrund der wackeligen, grobkörnigen Aufnahme nicht mit hundertprozentiger Sicherheit möglich. Der Facebook-Nutzer, der das Video online gestellt hat, wollte sich gegenüber unserer Redaktion nicht weiter dazu äußern. Ein Bekannter, an den er unsere Redaktion verweist, schickt eine Nachricht aus einem Mitteilungsdienst, wonach es sich bei der Straße, die in dem Video zu sehen ist, um die Talstraße in Kirnbach handeln soll. Es bleiben viele Fragezeichen.

Wolf zieht durch viele Orte

Klar ist jedenfalls: Nicht jede Wolfssichtung bedeutet laut FVA, dass der Wolf in dem Ort, in dem er gesehen wurde, auch heimisch geworden ist. "Wölfe beanspruchen Territorien für sich und ihr Rudel, die eine Größe von 200 bis 300 Quadratkilometern aufweisen. Bei derartigen Maßstäben sind einzelne Orte wie Wolfach oder das Kinzigtal nur kleine Bereiche in möglichen Streifgebieten territorialer Wölfe", so Böcker.

Experten wollen Urheber ausfindig machen

Gemäß bundeseinheitlicher Bewertungskriterien wird ein Wolf dann als territorial angesehen, wenn er über mindestens sechs Monate hinweg in einer Region nachgewiesen werden kann. Der Wolfsrüde GW2120m, der sich im Mittleren Schwarzwald aufgehalten hat, sei bisher nicht in seinem Gebiet heimisch geworden, teilt die FVA mit. Die Meldung weiterer Verdachtsfälle wie mit dem Video der möglichen Wolfssichtung könne helfen, mehr über die aktuelle Situation herauszufinden. ­Die FVA will nun versuchen, den Urheber des Videos ausfindig zu machen, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Das eigene Revier

Neu geborene Wölfe verlassen im Alter von ein bis zwei Jahren ihr Rudel, um selbstständig an einem anderem Ort ein Territorium zu erschließen oder einen Partner zu finden. Entscheidend für die Ansiedlung in einem neuen Gebiet ist laut FVA, dass die Tiere ausreichend Nahrung finden und dass ausreichend Rückzugsmöglichkeiten finde. Beide Kriterien träfen auf das Kinzigtal zu.