Straßburg "Keine Ahnung, wo mein Limit ist"

Seit dieser Saison spielt Tom Robyns beim Zweitligisten Straßburg. Für den belgischen Nationalspieler ist ein Traum wahr geworden. Zum ersten Mal lebt der 27-Jährige das Leben als Profi. Nächstes Highlight: Im April trifft er auf sein Idol Andy Schmid.

Tom Robyns wirkt frisch und aufgeräumt, als er am Dienstagnachmittag für das Gespräch mit unserer Zeitung eine gut besuchte Schiltigheimer Brauerei betritt. Natürlich tut er das: Schließlich kommt der 27-Jährige gerade aus der Kältekammer. Frieren für eine schnellere Regeneration ist die Idee dahinter – Robyns neues Leben als Handballprofi bringt solche ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen mit sich.   Rasante Entwicklung: Im Derby gegen Sélestat hatte sich der belgische Nationalspieler Mitte Februar eine Bauchmuskelzerrung zugezogen, die noch nicht ganz abgeklungen ist. Am Freitag will Robyns im Abstiegskampf gegen Spitzenteam Dijon unbedingt wieder mitmischen. Das letzte Wort haben allerdings die Ärzte. Ähnlich wie bei Robyns, der im letzten Jahr in Belgien noch als Amateur zwischen Sporthalle und seiner Arbeit als Manager bei einem großen Sportartikelhersteller hin und her pendelte, verläuft die Entwicklung beim Zweitliga-Aufsteiger Eurométropole Strasbourg Schiltigheim Alsace Handball, kurz Essahb, rasant.

Robyns kommt in Handballhochburg zur Welt

Erst vor knapp acht Jahren war die Spielgemeinschaft aus den beiden Klubs ASL Robertsau und HBC Schiltigheim hervorgegangen. Inzwischen ist der Verein bereits in der Proligue, der zweithöchsten Spielklasse des Nachbarlandes, angekommen. Und Spieler wie Tom Robyns sollen dabei helfen, dass Straßburg auf der Karte des französischen Handballs endlich so schnell gefunden wird wie der Big Mac im McMenü.   Prototyp des Spielmachers: Robyns, mit 182 Zentimetern Körpergröße und eher schmächtiger Statur der Prototyp eines Spielmachers, strahlt nicht nur im persönlichen Gespräch eine große Ruhe und Abgeklärtheit aus. Vor allem auf dem Parkett glänzt der wendige Regisseur mit Übersicht und überragenden Anspielen.

Mit vier Jahren hatte der in Hasselt, der Hauptstadt der belgischen Provinz Limburg, geborene Robyns das erste Mal einen Handball in die Hand genommen. So weit, so normal. Die Liebe auf den ersten Blick war der in dem Alter noch harzlose Sport für den Steppke allerdings nicht – und dass, obwohl das flämische Limburg im nicht gerade handballverrückten Belgien als Handballhochburg gilt. Stattdessen fuhr Robyns ein Jahrzehnt lang mehrgleisig. Neben dem Handballtraining ging es nach der Schule auch zum Fußball und zum Turnen. "Für mich gab es immer nur Sport. Irgendwann musste ich mich dann allerdings entscheiden, was ich genau machen will", erklärt der 27-Jährige.   Frühes Debüt für Belgien: Die Wahl fiel schließlich auf den Handball. Eine gute Entscheidung, wie sich bereits schnell zeigen sollte. Denn Robyns hatte Talent. Mit Initia Hasselt holte der Neu-Straßburger dreimal die Meisterschaft, spielte regelmäßig im Europapokal, debütierte mit gerade einmal 18 Jahren in der Nationalmannschaft und wurde in seiner letzten Saison für Hasselt zum Spieler des Jahres in Belgien gewählt. "In Belgien ist es relativ einfach, im Handball aufzufallen, da es nicht so viel Konkurrenz gibt", sagt Robyns bescheiden.   Zeit für einen Ortswechsel: Beim Sprung ins kalte Wasser vom Amateur in Hasselt zum Profi im Elsass drängelte sich Robyns dann selbst an der – zugegebenermaßen übersichtlichen – Schlange vor dem Sprungturm vorbei: "Ich habe meinem Nationaltrainer Arnaud Calbry gesagt, dass ich bereit sei und mir vorstellen könnte, im Ausland zu spielen. Als Franzose hat er die nötigen Kontakte zu Vereinen in Frankreich."

Straßburgs Trainer Bruno Boesch zeigt schnell Interesse

Und richtig: Nur wenig später fühlte Essahb-Coach Bruno Boesch bei Robyns telefonisch auf den Zahn. Ende Juli 2018 fuhr Robyns dann, den Jahresvertrag in der Tasche, mit dem eigens für das Frankreich-Abenteuer gekauften Auto nach Schiltigheim, wo der Klub beheimatet ist.   Leben als Profi: Als einer von neun Profis beim Zweitliga-Aufsteiger – diese Mindestanzahl schreibt der Verband vor – kümmert er sich seitdem ausschließlich um den Sport. "Am Anfang habe ich befürchtet, dass ich mich furchtbar langweilen werde als reiner Profi, aber zum Glück war das in all den Monaten hier noch nie der Fall." Kein Wunder: Bei sieben Trainingseinheiten in der Woche, plus Spielen an den Wochenenden, ist genug zu tun. Dazwischen nimmt Robyns Koch- und Sprachkurse und erkundet die Gegend.

Umstellung auf Profidasein dauert eine Weile

Die Umstellung von der Amateurliga in Belgien auf den Profisport in Frankreich dauerte allerdings seine Zeit: "Hier ist alles viel professioneller. Und auch die Gegner waren mir am Anfang körperlich oft überlegen. Ich bin dauernd umgefallen", erinnert sich Robyns an seine Anfänge im Elsass: "Aber inzwischen kann ich mich behaupten." Auch in Sachen Ernährung hatte der Spieler noch einiges zu lernen: "In Belgien bin ich direkt von der Arbeit zum Training und habe mir spät am Abend noch irgendwas reingeschoben. Jetzt ernähre ich mich bewusster, um die ganze Trainingsarbeit nicht zunichte zu machen, und versuche viel zu schlafen."   Großes Potenzial: Dass der Aufsteiger aus Straßburg in der 2. Liga kein Kanonenfutter darstellt, hat er auch seinem Regisseur zu verdanken. Mit einer Serie von sechs ungeschlagenen Spielen am Stück stand das Boesch-Team zwischendurch richtig gut da, steckt nach drei knappen Niederlagen in Folge als Vorletzter aber inzwischen wieder mitten im Abstiegskampf. "Wir haben leider keinen breiten Kader. Aber wenn wir nicht zu viele Verletzte haben, können wir die Klasse halten", zeigt sich Robyns optimistisch. "Sollten wir auch im nächsten Jahr 2. Liga spielen, kann hier wirklich viel passieren. Hier passiert gerade einiges, der Verein kriegt immer professionellere Strukturen. Der Klub hat definitiv die Chance zu wachsen und Rugby als Sportart Nummer drei nach Fußball und Basketball in Straßburg zu verdrängen."   Große Nachfrage: Ob Robyns allerdings auch in der kommenden Spielzeit in Straßburg bleibt, ist ungewiss. Zwar würden die Elsässer den Belgier gerne halten, doch auch andere ambitionierte Zweitligisten haben bereits ihre Fühler nach Robyns ausgestreckt.

Entscheidung über Vertragsverlängerung noch nicht gefallen

"Meine Freundin kommt aus Straßburg und ich fühle mich sehr wohl hier. Aber vielleicht kann ich noch mehr erreichen, denn ich weiß nicht, wo mein Limit ist", sagt Robyns, dessen Arbeitgeber in Belgien ihn für ein Jahr freigestellt hat für den "Testlauf Handballprofi." Dieser wird nun definitiv verlängert, ob in Straßburg oder anderswo. "Ich will mir später im Leben nicht vorwerfen müssen, es nicht wenigstens versucht zu haben."   Duell mit dem Vorbild: Vorher steht für den Spielmacher aber noch ein anderes Highlight an. Am 14. April trifft Robyns in der EM-Qualifikation mit Belgien auf die Schweiz – und damit im direkten Duell auf sein großes Idol Andy Schmid. Noch nie hat sich Belgien für ein großes Turnier qualifizieren können, doch 2020 könnte es endlich klappen, hofft Robyns: "Bei einer Welt- oder Europameisterschaft dabei zu sein, wäre ein absoluter Traum. Gegen Frankreich haben wir mit nur einem Tor verloren. Wir müssen endlich aufhören zu denken, dass wir als kleines Land sowieso keine Chance haben. Die anderen Teams kochen soch schließlich auch nur mit Wasser."

"Ich war echt aufgeregt, da ich niemanden im Verein kannte", erinnert sich Tom Robyns an seine ersten Tage in Schiltigheim. Doch zum Glück sei er von den Mannschaftskameraden sehr gut aufgenommen worden. "Zum Einstand haben wir zusammen gegrillt und dann ging es zum Teambuilding in die Vogesen." Doch nicht nur aus dem eigenen Team bekommt Robyns Unterstützung, auch beim Ligakonkurrenten Sélestat gleich um die Ecke spielen ein paar gute Freunde. Mit Thomas Cauwenberghs, Simon Ooms und Jeroen De Beule sind gleich drei Mitspieler aus der belgischen Nationalmannschaft und Ex-Kollegen von Initia HC Hasselt beim Nachbarverein beschäftigt. Alle drei Monate besucht Robyns seine Familie und Freunde in der Heimat und kommt mit belgischem Bier für das Quartett zurück. "Die anderen machen es genauso und dann organisieren wir einen belgischen Abend zusammen", schwärmt der 27-Jährige.

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