Straßburg Elsässer fühlen sich eingesperrt

Verschärfte Grenzkontrollen und Ausgangssperre – seit mehr als einer Woche haben es deutsch-französische Grenzgänger besonders schwer. Betroffene berichten vom Gefühl, überwacht zu werden und von der Stimmung im Corona-Risikogebiet Elsass.

Am Abend des 16. März kündigte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für den nächsten Tag den Beginn einer 15-tägigen Ausgangssperre in Frankreich an. Enden wird diese erst am Dienstag, 31. März, – falls sie nicht verlängert wird.

Straßburg. Seit fast zwei Wochen Woche gilt in Frankreich der "Confinement" – auf Deutsch "Eindämmung". Trotzdem spitzt sich die Situation auch im Elsass weiter zu.

  Elsässerin fällt die Decke auf den Kopf: "Ich dreh durch", erklärt Carolin Hauser im Gespräch mit der Lahrer Zeitung und lacht. Seit zwei Wochen ist die Elsässerin bereits zu Hause – sie fühle sich wie eingesperrt, sagt sie. Eigentlich hat sie einen Bürojob in Deutschland, da sie aber in einem Dorf südlich von Straßburg lebt – also einem Corona-Risikogebiet – hat ihr Arbeitgeber sie freigestellt. "Hier ist es total gruselig – alles ist leer auf den Straßen", so Hauser auf Nachfrage. Mittlerweile gebe es auch Corona-Fälle in ihrer Nachbarschaft. Nur noch das Nötigste dürfe sie draußen erledigen. "Jeder von uns muss jeden Tag eine neue Bescheinigung ausdrucken." Darin müssen sie, ihr Mann und ihr Sohn eintragen, wieso sie vor die Tür gehen. "Es ist wie im Gefängnis", findet Hauser. Die Polizei sei nie weit weg, Beamte würden regelmäßig durch die Ortschaft patrouillieren. Wer keine Bescheinigung hat, muss 135 Euro Bußgeld zahlen. Unterkriegen lässt sich die Elsässerin davon nicht: "Ich habe jetzt eine To-Do-Liste für zu Hause", sagt sie – die arbeite sie nun ab. Auch das Einkaufen werde immer unheimlicher: "Sie sagen bei uns, man muss die Artikel erst einmal abseits 24 bis 48 Stunden stehen lassen oder desinfizieren", berichtet Hauser. Das würden viele Franzosen nun so machen. Sie habe den Hinweis von einer angeheirateten Verwandten bekommen, die im Krankenhaus arbeite, erklärt sie. Einkaufen generell laufe nur noch streng nach Regeln. "Sie lassen nur zehn Leute auf einmal in den Laden", schildert die Elsässerin. Für Ältere wären Zeiten morgens reserviert und medizinisches Personal dürfe immer sofort in den Laden. "Das ist auch richtig so", findet sie.

Pendler beschreibt Kontrollen als unaufgeregt: "Langsam bin ich schon genervt", sagt Frank Rauschendorf gegenüber der Lahrer Zeitung. Bis vor einigen Tagen pendelte er noch regelmäßig aus der nördlichen Ortenau nach Straßburg. Dort arbeitet er als Moderator der Kindernachrichten beim deutsch-französischen Fernsehsender Arte. Dann bekam er eine E-Mail seines Arbeitgebers: Einer seiner Kollegen habe sich womöglich mit dem Coronavirus infiziert – für ihn bedeutete das vorerst häusliche Isolation. Die Grenzkontrollen, die er davor noch mitgemacht hat, beschreibt er gegenüber der LZ als unspektakulär. "Ich wurde gar nicht wirklich kontrolliert", so der 33-Jährige. Auf dem Weg zurück nach Deutschland sei er aber angehalten worden, die Polizei habe einige Fragen gestellt. "Die Stimmung war ganz normal", erinnert sich Rauschendorf. Vorerst muss er noch zu Hause bleiben. "Immerhin habe ich meinen Balkon", sagt er und lacht.

Wahl-Straßburgerin fühlt sich eingesperrt: "Alles ist so ein bisschen surreal", beschreibt Stefanie Hintzmann die aktuelle Situation in Straßburg. Die 33-jährige Deutsche lebt und arbeitet in der Eurometropole. "Ich wohne ja sehr zentral, da kriege ich vieles mit", erzählt sie im Gespräch. Die breiten Straßen der Stadt seien oft leer, auf dem Platz vor dem Fenster ihrer Ein-Zimmer-Wohnung sehe sie kaum noch Menschen. Allerdings: "Ich sehe jeden Tag mehrere Polizeistreifen – ohne Pause." Neulich habe sie eine unschöne Situation beobachtet: Ein älterer Herr habe auf einer Bank vor ihrem Haus gesessen. Sie sei auf ihn aufmerksam geworden, weil die Polizei laut auf ihn eingeredet habe. "Sie haben kein Recht, hier zu sein", hat Hintzmann einen der Polizisten sagen hören. Der Mann hatte offenbar seine Bescheinigung nicht dabei. "Das hat was Erdrückendes", beschreibt die junge Frau. Sie selbst sei am Sonntag kontrolliert worden. "Ich war keine zehn Minuten draußen", erinnert Hintzmann sich. Die Beamten seien freundlich gewesen, wollten aber ihre Bescheinigung sehen. Auf dem Weg zum Einkauf – mit einem Jutebeutel in der Hand – hätte die Polizei bisher wenig Interesse an ihr gezeigt. Trotzdem: "Ich habe das Gefühl, als würde ich mich strafbar machen, wenn ich vor die Tür gehe", erklärt sie. Zu Beginn der Ausgangssperre sei die Stimmung beim Einkaufen noch angespannt gewesen, nun seien die Leute aber wieder etwas lockerer. "Die Menschen lächeln weniger", fällt der 33-Jährigen aber auf. Hamsterkäufe beobachte sie in Frankreich nicht. "Klopapier gab es hier in Straßburg immer", sagt sie und lacht.

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