Straßburg Anschlag trifft Straßburg ins Herz

Straßburg - Eine Stadt, eine ganze Region in Schockstarre. Straßburg erlebt kurz vor Weihnachten die traurigsten Tage seit langem. Der heimtückische Terroranschlag bewegt die Menschen. Am Morgen nach dem Blutbad ist nichts mehr wie es war.

Was aus den Lautsprechern der Tram auf dem Weg von Kehl nach Straßburg tönt, klingt nach Normalität – die Situation ist es aber nicht. Es handelt sich um eine automatische Ansage: Aus Sicherheitsgründen hält die Tram während des Weihnachtsmarkts nicht an jeder Station. Die Meldung klingt hohl, angesichts der aktuellen Ereignisse. Die Stimmung im Zug am Mittwochmorgen, am Tag eins nach dem Anschlag, ist gedämpft. Die Menschen unterhalten sich flüsternd. Viele Passagiere starren ins Leere oder sind mit ihren Handys beschäftigt, um sich über die Folgen des Anschlags auf dem Laufenden zu halten.

Kurz nach der Grenze bahnen sich mehrere französische Polizeiautos ihren Weg mit Blaulicht und Sirenen Richtung Deutschland. Der Busbahnhof Straßburg liegt verlassen da. Die Altstadt, gelegen auf einer Insel in der Ill, ist morgens gegen zehn Uhr wieder frei zugänglich. Jedoch fällt auf: Polizei und Militär patrouillieren auf den Straßen der Innenstadt. Es sind nur wenige Menschen, aber viele Kamera-Teams unterwegs. An den Straßen vor der Ill-Insel parken Übertragungswagen. Immer wieder sind Sirenen in der Ferne zu hören.

Teile der Innenstadt sind noch großräumig mit Absperrband gesichert. An der Kreuzung Rue du Saumon und Rue des Chandelles sind die Spuren des Verbrechens noch zu erkennen. Der Bereich wird durch viele schwerbewaffnete Polizisten gesperrt. Manche Passanten gehen vorbei, andere werden langsamer, bleiben erschrocken stehen. Orientierungslose Fußgänger werden von Polizisten umgeleitet. Wegen der Parlamentswoche sind ohnehin viele Kameras in der Stadt. Jetzt sammeln sie sich rund um die Orte des Geschehens in Cafés und auf der Straße.

Pierre Braesch steht vor seinem Schnellimbiss und weist Gäste bedauernd ab. Sie würden erst später am Mittag öffnen, vertröstet er. Keine 50 Meter weg von einem der Tatorte befindet sich sein Laden. "Ich bin geschockt", erzählt Braesch unserer Zeitung. Dienstagnacht sei er da gewesen, als es geschah. Schüsse habe er gehört, dann Menschen an seinem Fenster vorbeirennen sehen. "Innerhalb von fünf Minuten war die Straße leer und jede Menge Polizei rückte an", berichtet der Gastronom, während er nervös seine Zigarette raucht.

Passanten suchen Plätze für ihre Trauerblumen

Am späten Vormittag sind die gesperrten Bereiche wieder zugänglich, viele der Geschäfte in den betroffenen Straßen sind aber noch geschlossen. Das gleiche gilt für die Weihnachtsmärkte auf den Plätzen der Innenstadt.

Immer wieder sieht man Menschen mit weißen Rosen auf der Straße. Jill Riches aus England ist eine von ihnen. Die Übersetzerin sucht einen Platz, um ihre Blume niederzulegen. Dienstagabend sei sie mit einer Freundin in einem Restaurant festgesessen – mitten im Geschehen. Lautes Knallen und Schreie sei ihnen aufgefallen, ihre amerikanische Freundin konnte die Geräusche als Schüsse identifizieren. Die Angestellten des Restaurants rieten den Gästen im Innern zu warten, später war der Weg über den Kleberplatz von Polizisten gesperrt. Die umliegenden Restaurantbesitzer hätten sich per Handy ausgetauscht. So seien ihnen auch Bilder von leblosen Menschen auf einer der Straßen zu Gesicht gekommen. "Da wussten wir, dass es ernst war", berichtet die 64-Jährige, immer noch ganz bewegt. Erst spät in der Nacht sei es möglich gewesen, die Innenstadt zu verlassen.

Auf dem Rückweg nach Deutschland kommt die Straßenbahn aufgrund der Kontrollen aus dem Takt. In Kehl werden nur die vorderen Tramtüren geöffnet, um die Personenkontrolle durch die Polizei zu erleichtern. Dutzende Beamte sind rund um den Kehler Bahnhof im Einsatz.

Aufgrund der aktuellen Ereignisse ergibt sich auch für die Beamten eine ungewohnte Situation: Grenzkontrollen an den Rheinübergängen um Straßburg. Wegen der intensiven Fahndungsmaßnahmen im Straßen- und Schienenverkehr kommt es laut Bundespolizei, die bei den Kontrollen auch durch Einsatzkräfte des Polizeipräsidiums Offenburg unterstützt werden, zu Verzögerungen beim Grenzübertritt an der deutsch-französischen Grenze. Die Stimmung an der Grenze ist wie in der ganzen Region von tiefer Trauer und Bestürzung geprägt. Fassungslosigkeit über die schreckliche Tat macht sich breit.

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