Selestat Tour de France als schöne Bescherung

Die fünfte Etappe von Saint-Die-des-Vosges nach Colmar hat die Tour de France am Mittwoch in das Herz der Vogesen geführt. Nicht nur für die Einwohner von Kintzheim war die Etappe ein echtes Highlight – auch viele Besucher aus Deutschland kamen auf ihre Kosten.

Die Szenen, die sich am Mittwochnachmittag unweit der deutsch-französischen Grenze abspielten, hatten etwas von einer sommerlichen Weihnachtsbescherung mit Volksfestatmosphäre. Bier und Wein, Klappstühle und in einigen Garagen wurden mehrgängige Menüs aufgetischt, während die Einwohner von Kintzheim und ihre zahlreichen Besucher auf die schnellen Radler warteten.

Mit jedem Monat, jeder Woche, jedem Tag, jeder Minute war die Anspannung bei den Einwohnern von Kintzheim gestiegen, um endlich die volle Dröhnung Tour de France direkt vor der eigenen Haustür abzubekommen – um sich dann urplötzlich zu entladen. Als das Peloton gegen 15.30 Uhr durch die 1600-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Sélestat bretterte - Hitze hin oder her – jubelten die zahlreichen Fans am Wegesrand den Sportlern zu und schwenkten ihre gelben Elsass-Fahnen. Doch wie bei jeder Bescherung war auch hier das Spektakel viel zu schnell wieder vorbei. Mit einem Affenzahn machten sich die Profis auf den sechs Kilometer langen Anstieg zur Hohkönigsburg und entschwanden den Blicken der Kintzheimer.

Auch wenn die Party schnell wieder vorbei war, freuten sich Anwohner wie Raphaëlle Sipp über das Event, das sich schon Stunden vor der Ankunft der Fahrer im Ort mit Begleitfahrzeugen, mobiler Gendarmerie und Animationswagen, die mit lautstarker Musik auf sich aufmerksam machten, angekündigt hatte. Sipp hatte zur Feier des Tages extra die Fassade des Hauses passend im Tour de France-Stil mit zwei Rennrädern dekoriert.

Doch nicht nur Einheimische wohnten am Mittwoch dem sportlichen Großereignis in Kintzheim bei. Gefühlt ein Drittel aller Fahrzeuge, die im nicht abgesperrten Bereich der Gemeinde kreuz und quer geparkt wurden, hatten ein deutsches Kennzeichen.

400 Kilometer Anreise, um die Tour de France zu erleben

Wolfgang Kremers und sein Arbeitskollege Stefan Tech hatten sich sogar extra aus Bonn auf den 400 Kilometer langen Weg ins Elsass gemacht, um dem Spektakel beizuwohnen. Während es für Tech das erste Tour-Erlebnis war, ist Kremers ein alter Hase. Seit 20 Jahren begleitet der begeisterte Radsportler die Tour. "Früher habe ich mir sogar extra immer meinen Jahresurlaub genommen, um bei der Tour dabei sein zu können", berichtete Kremers. Was ihm besonders an dem Event gefällt? "Am Radsport selbst ist es die Bewegung und der Fahrtwind, die mich immer wieder glücklich machen", schildert der Rheinländer. "Und hier vor Ort sind es die netten Menschen. Man kommt sofort in Urlaubsstimmung."

Während die zahlreichen Amateurradsportler aus Deutschland, die sich am Mittwochnachmittag privat auf den Weg zur Hohkönigsburg machen wollten, von den Sicherheitskräften die rote Karte gezeigt bekamen – sie mussten absteigen und schieben, die Höchststrafe – profitierte die Tourismusindustrie im Elsass beträchtlich von der Tour. "Für die Leute hier ist die Tour natürlich etwas ganz Besonderes. Und auch aus Deutschland waren in den letzten Tagen mehr Urlauber hier", freute sich Fabien Baumann von der Tourist-Information in Kintzheim.

Auch den rund ein halbes Dutzend Hubschraubern, die während des Rennens über Kintzheim und Umgebung flogen, um eifrig Aufnahmen von Land, Leuten und Radsportlern zu drehen, kann Baumann nur Positives abgewinnen. "Ich habe nur zwei Minuten nachdem das Fernsehen die Live-Luftaufnahmen von der Gegend gezeigt hatte, die erste telefonische Buchung bekommen. Für uns ist es also definitiv von Vorteil, dass die vielen Fernsehkameras die Dörfer auf der Weinstraße und die schöne Umgebung einfangen", berichtete Baumann.

Als Sieger in Colmar fuhr dann übrigens der slowakische Ex-Weltmeister Peter Sagan ein. Er setzte sich im Sprint gegen den Belgier Wout van Aert und den Italiener Matteo Trentin durch.

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