Seelbach Tragischer Stoff in neuem Gewand

Von Endrik Baublies

Seelbach. Die Seelbacher Freilichtspiele feiern am heutigen Samstag Premiere. Mit "Romeo und Julia" kommt zum dritten Mal ein Drama aus der Fe­der William Shakespeares auf die Bühne. Was ist das Besondere am Autor und an der Inszenierung der Tragödie im Klostergarten?

Die echte Telefonzelle neben der sparsam dekorierten Bühne ist kein Zufall. Balthasar aus dem Hause Montague hat kein Handy, daher muss er den Notruf mithilfe des gel­ben Häuschens absetzen. Re­gisseurin Katja Thost-Hauser hat die Ge­schichte der verfeindeten Häuser Ca­pulet und Montague, aus "deren un­heilvollem Schoß ein Liebespaar ent­sprang", aus einer fernen Vergangenheit in die 1980er-Jahre verlegt. "Da waren Handys oder SMS noch unbekannt", erklärt Thost-Hauser, die nicht nur Regie führt, sondern auch Julias Mutter, Lady Capulet, spielt.

Die Musik zu ihrer Inszenierung stammt aus derselben Zeit. "Ich ha­be zu der Musik meine Hausaufga­ben gemacht", erinnert sich die Regisseurin, Jahrgang 1972. Ein Großteil des Publikums werde sich an ähnliche Dinge erinnern, ist sie sich sicher. Und: "Jüngere kennen die Musik ebenfalls." Dann gibt es auf der Bühne den optischen Gegens­atz zwischen Punks und Mods, Leder­jacken und Schicke­ria. Der Streit der "zwei Häuser, beide an Ansehen gleich", wird so gut sicht­bar.

Warum wird Shakespeare im Jahr 2014 gegeben? "Es ist das Jahr des 450. Geburts­tags", erklärt Bruno Thost. Er hat vor elf Jahren die Idee der Freilichtspiele nach Seelbach ge­bracht. Neben sei­ner Aufgabe als In­tendant spielt er den Pater Lorenzo. Einig sind sich Vater und Tochter, dass die Tragödie des Liebespaars, "von einem Unstern bedroht", in diesem Jahr ideal für das Ensemble und den Klostergarten ist.

Die ge­samte Truppe besteht zum einem aus professionellen Schau­spielern, über­wiegend aus Wien, und Laiendarstel­lern aus dem gesamten Schuttertal. Das Drama drängt sich für die rund 30 Darsteller förm­lich auf. Es gibt sehr viele kleinere Rollen. Ge­fragt sind Mimen, die an der Choreografie mitwirken: Mit Tanzen und Singen, aber auch Wut und Lärm, bevölkern sie die fiktiven Straßen Veronas. Die Titelfi­guren Ju­lia Capulet und Romeo Montague sind dazu nicht so domi­nant, wie es die Hauptrolle im Drama "Hamlet" vor zwei Jahren gewesen ist. Damit lässt sich die Tragödie mit und für alle Darsteller des Ensembles – aus Wien wie aus dem Schuttertal – in Szene setzen. "Wir sind gleichwertige Partner", erklärt die Regisseurin. Einerseits lerne man als professioneller Schauspieler nie aus. "Andererseits gibt es im Schuttertal viele Talente." Das gelte sowohl für die Darsteller, die seit Jahren dabei sind, wie auch für neue Gesichter auf der Bühne. So haben allen zusammen die komplizierte Choreografie in wenigen Tagen einstudiert. Das Kompliment klingt noch besser beim Blick zur Bühne auf den großen, hölzernen und erhabenen Aufbau, Symbol des Unsterns.

Interessant ist die Sprache bei der Inszenierung im Klostergarten: Im London des ausgehenden 16. Jahr­hunderts war noch die Rede davon, "im Theater ein Stück zu hören". Der Autor, Schauspieler, Regisseur und Intendant William Shakespeare verwendete sehr viel Sorgfalt mit Blick auf den Klang seiner Worte. Katja Thost-Hauser hat sich entschlossen, auch die Sprache an heutige Hörgewohnheiten anzupassen. Das macht Sinn, da die wunderbare Übersetzung August Wilhelm Schlegels um 1800 entstanden ist.

Weitere Informationen: Die Hauptvorstellungen sind ausverkauft. Karten gibt es nur noch für die Zusatzvorstellung am Mittwoch, 17. September.

INFO

Romeo und Julia

Das Drama ist Mitte der 1590er-Jahre entstanden. Ge­druckt wurde "Romeo und Julia" erstmals im Jahr 1597 (die sogenannte "Bad Quarto", wahr­scheinlich ein Raub­druck). 1599 erschien eine Ausga­be, die Shakespeares Truppe, die "Chamberlains Men", autorisiert hat (die sogenannte "Good Quarto"). Eine Neuauflage davon ist 1609 erschienen. Darauf basiert die Ausga­be von 1623, "William Shakespea­re Comedies, Histories & Trage­dies". Die Zitate Shakespeares im Text stammen aus der modernen Verfilmung "Romeo und Juliet" von Buz Luhrmann (1996).

  • Bewertung
    0