Seelbach Balkon wird zur Bühne

Herbert Wickertsheim musiziert allabendlich auf seinem Balkon. Foto: Youtube-Screenshot: Röckelein

Seelbach - Jeden Abend ab 19 Uhr ist für rund 20 Minuten in weiten Teilen Seelbachs Musik zu hören. Gespielt wird sie von Herbert Wickertsheim.

Blick über den Luftkurort vom Balkon aus 

Der 70-Jährige bewohnt mit seiner Frau Trudy ein Haus in Hanglage in der Schwarzwaldstraße, unweit der Waldgrenze. Vom Balkon im dritten Obergeschoss aus hat man einen schönen Blick über den Luftkurort. Dort oben postiert sich Wickertsheim, der von allen "Herbie" genannt wird, jeden Abend und spielt und singt – Volkslieder, Märsche, Evergreens. "Das hallt ganz schön ins Tal", weiß der Pensionär. Zumal er mit einer Musikbox die Lautstärke seiner Stimme und Instrumente nach oben treibt. Freunde und Bekannte, die gut einen Kilometer entfernt wohnen, können seine Konzerte noch hören, wenn der Wind günstig steht.

Wie sind die Reaktionen?

"Einmal hat einer an der Tür geklingelt und gesagt, ich soll endlich mit dem Gedudel aufhören", berichtet Wickertsheim mit einem Schmunzeln. Der Empfehlung ist er nicht gefolgt, da die große Mehrheit der Reaktionen positiv ausfällt. Sei es, dass die Menschen, die abends vor seinem Haus zusammenkommen, nach seinen Konzerten Beifall klatschen oder die Autohupe betätigen – wenn sie den Auftritt in ihren Fahrzeugen verfolgen, um die Abstandsregel einzuhalten. Wickertsheim erhält viele Dankesnachrichten in sozialen Netzwerken, manchmal werden vor seiner Haustür auch eine Flasche Sekt oder eine Schachtel Erdbeeren abgelegt – von Menschen, die seine Live-Musik mögen.

Betätigen der Autohupe ersetzt Beifallklatschen

Darüber hinaus ist Wickertsheim bei einer Wahl, zu der das Internetportal "Gemeinsam im Schuttertal" und die Julabo-Stiftung aufgerufen hatten, unter die "Helden im Schuttertal" gewählt worden, so der Titel der Aktion. Es ging darum, Menschen auszuzeichnen, die in der Corona-Krise besonders mit anpacken und die Gesellschaft am Laufen halten, im Großen wie im Kleinen. Und Wickertsheim sorgt mit seinen Balkonkonzerten eben für Abwechslung, nicht nur bei seinen direkten Nachbarn, sondern auch bei Menschen, die weiter entfernt wohnen.

Weshalb macht er das?

Auslöser war eine Aktion von Künstlern in ganz Deutschland, die am 22. März in ihren Privatwohnungen in einer Art gemeinsamem Konzert Ludwig van Beethovens "Ode an die Freude" spielten – als Zeichen für Solidarität und Lebensfreude in schwierigen Zeiten, gerade auch für Künstler. Davon ließ Wickertsheim sich inspirieren. Anfang April hat er mit seinen Konzerten begonnen – seither ist er jeden Abend zu hören, ohne Ausnahme. Er will weitermachen, so lange es geht.

Wickertsheim ist Vollblutmusiker, bereits als Schüler hat der gebürtige Freiburger begonnen, Musik zu machen. Seine regelmäßigen Corona-Konzerte bereiten ihm Freude, betont er, "außerdem geben sie mir eine Aufgabe". Denn der pensionierte Lehrer stellt täglich ein neues Programm zusammen, schließlich soll für Abwechslung gesorgt sein. Dabei erfüllt er auch musikalische Wünsche und übt Stücke ein, die er zuvor noch nie gespielt hat, zuletzt etwa den Evergreen "Those were the Days".

Andere Kompositionen, etwa das "Bajazzo"-Lied, nimmt er immer wieder dran, weil es vielen Zuhörern besonders gut gefällt. Außerdem erklingen Songklassiker wie "My way", "Time to say goodbye" oder "Hallelujah", mit dem "Böhmischen Traum" aber auch Mal eine Polka, mit "Aber bitte mit Sahne" auch mal ein Schlager und mit "Muss i denn" auch Mal ein Volkslied. Bei seinen Corona-Konzerten hat Wickertsheim bisher insgesamt mehr als 80 verschiedene Stücke gespielt. Rund 20 Minuten dauert so ein Auftritt – danach isst der 70-Jährige zu Abend.

Bei Balkonauftritten über 80 Stücke gespielt

Wickertsheim ist ein musikalisches Multitalent, bei seinen Balkon-Auftritten spielt er Saxofon, Aerophon – ein digitales Blasinstrument – und Mundharmonika. Darüber hinaus beherrscht er Gitarre, Klarinette, Flöte, Bass, Dudelsack und Schlagzeug. Zu erleben ist das alles bei gemeinsamen Konzerten mit seiner Frau Trudy – die beiden treten seit 40 Jahren als Duo "Hot and Sweet" auf, jedenfalls bis die Pandemie kam.

Und was macht seine Flüchtlingsband?

Vor vier Jahren hat Wickertsheim die Lahrer Flüchtlingsband "The Worlderers" gegründet, die zurzeit aus acht Asylbewerbern besteht. Normalerweise trifft man sich montags zu einer zweistündigen Probe im Gemeindesaal der Christuskirche, allerdings fallen diese Proben wegen der Corona-Krise flach. Wickertsheim ist es wichtig, dass der Kontakt zu den Bandmitgliedern bestehen bleibt, deshalb ist er zu Online-Proben übergegangen, auch wenn er so immer nur mit einem oder zwei Flüchtlingen gleichzeitig üben kann.

Eine Probe der ganzen Gruppe sei unter diesen Bedingungen nicht möglich. Trotzdem arbeitet man auf ein Ziel hin, einen Auftritt in der evangelischen Kirche in Seelbach anlässlich des Rosenfests Ende Juni. Die Musiker werden ihre Parts einzeln spielen, hinterher wird alles zu einem Musikvideo zusammengeschnitten, das auf der Plattform "Gemeinsam im Schuttertal" gezeigt wird.

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