Seelbach 1921 ging der Traum vom eigenen E-Werk zu Ende

Jakob, der zwölfjährige Enkel von Werner Weber, zeigte das funktionierende Modell einer Dampfmaschine. Foto: Axel Dach Foto: Lahrer Zeitung

Seelbach. Auch der zweite Vortrag von Carola Joos und Werner Weber zur Geschichte der Kunstmühle in Seelbach fand wieder eine sehr große Resonanz. In der dritten Etage des 1893 erbauten Gebäudes fanden sich zahlreiche Interessierte zur Veranstaltung des Historischen Vereins Mittelbaden-Regionalgruppe Geroldsecker Land ein.

Im Mittelpunkt der Geschichte stand der jüdische Unternehmer und Ingenieur Konrad Goldmann, der später dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fiel. 1904 kaufte Goldmann das gesamte Anwesen, mit der Absicht, ein Elektrizitätswerk für Seelbach und Reichenbach zur errichte. Ende 1905 ging das Werk in Betrieb und versorgte immer mehr Gebäude und Haushalte mit Strom für elektrisches Licht. Am 9. Dezember 1905 berichtete die Lahrer Zeitung in einem leidenschaftlichen Bericht von diesem technischen Fortschritt und seinen klaren Vorzügen. Den Strom produzierte zunächst eine Francis-Zwillingsturbine der Firma Voith.

Kohlen-Knappheit nach dem Ersten Weltkrieg

Ein Jahr später kam noch eine Dampfmaschinenanlage hinzu, und Goldmann konnte nun seinen Kunden durch die höhere Leistung sogar einen günstigeren Strompreis anbieten. Doch der umtriebige Ingenieur wollte nicht nur Strom produzieren, sondern errichtete in den Folgejahren auf dem Anwesen noch eine Metallschraubenfabrik und eine Gummiwäscherei. 1910 baute Goldmann dann eine Maschinen- und Kesselhausanlage mit einer mächtigen 250 PS starken Dampfmaschine. 1913 verkaufte der Unternehmer das Elektrizitätswerk an die Rheinische Schuckert-Gesellschaft Mannheim. Goldmann verließ Seelbach und errichtete in Freiburg eine Kabelfabrik. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Stromleitungen stark beschädigt. Hinzu kam eine dramatische Knappheit an Kohlen, in dessen Folge das Werk nicht mehr beliefert wurde. Die Stromproduktion wurde 1921 eingestellt, und das Netz ging aufgrund des Beschlusses einer gemeinsamen Gemeinderatssitzung von Seelbach und Reichenbach an das E-Werk Mittelbaden über.

1928 pachtete Georg Suhm das Anwesen und errichtete später in der ehemaligen Kunstmühle eine Kistenfabrik. Die ehemalige Gummiwäscherei wurde 1930 in ein Badeanstalt mit Wannen und Brausebäder für die Seelbacher Bevölkerung umgewandelt. 1933 flüchtete Konrad Goldmann vor den Nationalsozialisten in die Schweiz und dann nach Frankreich. Doch er konnte der Gestapo nicht entkommen und kam 1942 im Internierungslager in Drancy bei Paris ums Leben.

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