Schwanau wird 50 Wie aus vier Dörfern eine Gemeinde wurde

Jonas Köhler

Schwanau feiert Jubiläum: Vor einem halben Jahrhundert schlossen sich die vier Ortsteile zur Riedgemeinde zusammen. Doch die Fusion klappte nicht ohne Reibungen. Der damalige Ottenheimer Gemeinderat Hans Weide erinnert sich.

Schwanau - Es ist der nächste Höhepunkt in einem aufregenden Jahr. Nach einer dramatischen Bürgermeisterwahl und vor deren Wiederholung schiebt sich ein Jubiläum ein: Am 1. Juli ist es genau 50 Jahre her, dass die Orte Allmannsweier, Nonnenweier, Wittenweier und Ottenheim zur Gemeinde Schwanau fusionierten.

Bis es jedoch zum Zusammenschluss kam, galt es einige Hürden zu bewältigen. An diese erinnert sich Hans Weide im Gespräch mit unserer Redaktion. Der heute 84-Jährige war vor 50 Jahren bei den Verhandlungen als Gemeinderat von Ottenheim und Protokollant dabei – auch in den internen Sitzungen in denen, so Weide, "die Entscheidungen getroffen wurden".

Die vier damals eigenständigen Gemeinden waren vor 50 Jahren noch eher landwirtschaftlich geprägt. Industrie und Gewerbe waren noch nicht so präsent, kleinere Gemeinden dienten in der Regel mehr als Schlaf- denn als Arbeitsplatz. Das führte oft zu einem Loch im Geldbeutel. Als die Kommunalreform vom Land Baden-Württemberg auf den Weg gebracht wurde, überlegten viele kleinere Gemeinden, mit größeren zusammenzugehen, um strukturell und finanziell besser aufgestellt zu sein. So auch Wittenweier, berichtet Weide. Der damalige Bürgermeister Wilhelm Schlager sei davon ausgegangen, dass seine 500 Einwohner zählende Gemeinde nicht eigenständig bleiben kann und suchte deshalb den Anschluss zu einer anderen Gemeinde. Zunächst zu Nonnenweier, doch dieses lehnte ab. So folgte im Jahr 1971, ein Jahr vor der Gründung Schwanaus, die Eingemeindung von Wittenweier nach Ottenheim.

Bürger wollten lieber eigenständig bleiben

Doch damit war die Kommunalreform noch lange nicht abgeschlossen. Für die damaligen Bürgermeister – neben Schlager waren das Richard Häß in Ottenheim, Andreas Wirth in Nonnenweier und Ernst Reitter in Allmannsweier, war die Zeit keine einfache, blickt Weide zurück. Schließlich mussten sie eine Gemeindereform umsetzen, die sich entgegen der allgemeinen Tendenz richtete. "Wir bleiben, was wir sind", sei der damalige Tenor der Bürger gewesen. "Doch die Bürgermeister haben sich Mühe gegeben, man muss ihnen Kompliment machen. Sie haben die Reform den Bürgern schmackhaft gemacht", erzählt der Zeitzeuge.

Schließlich kam es am 17. Januar zu einer internen Sitzung, berichtet Weide. Der damalige Landrat Georg Wimmer hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Kommunalreform im Ried noch vor seiner Pensionierung abzuschließen. Das Ried sollte dabei in zwei Teile gegliedert werden: einen nördlichen – heute Neuried – sowie einen südlichen mit den vier heutigen Schwanauer Ortsteilen und Meißenheim. Um letzteres auszuarbeiten hatte der Landrat Häß, Schlager, Reitter und Wirth sowie den Meißenheimer Bürgermeister Herbert Reith eingeladen. Die große Frage lautete: Wer soll sich wem anschließen? Wimmer sei dabei offen in das Gespräch gegangen. Schließlich war es, berichtet Weide, eine wütende Äußerung von Nonnenweiers Bürgermeister Wirth, die zum Durchbruch führte. "Wir gehen nicht mit Ottenheim zusammen. Lieber machen wir etwas ganz neues", hatte Wirth gesagt. Diesen Satz griff der Landrat auf und schlug vor: "Machen Sie doch eine Fusionsgemeinde". Dieser Moment war, so Weide, "die Sternstunde Schwanaus". Wirth sei damit "indirekt der Gründer Schwanaus" gewesen.

Doch so leicht war die Fusion nicht, denn zwischen Ottenheim und Meißenheim herrschte "eine gewisse Konkurrenz". Gerade Meißenheim entschied sich für die Fusion nur widerwillig und in der Sorge, bei einer Absage gegenüber dem Landrat "der böse Bube" zu sein. Den Meißenheimern gefiel zum Beispiel nicht, dass der Verwaltungssitz aufgrund der zentralen Lage nach Ottenheim kommen sollte. Dieses und viele weitere Dinge hatte ein Gremium, das mit der Vertragsvereinbarung beauftragt war, bereits ausgearbeitet, bis es zu einer Bürgeranhörung kam.

Meißenheimer wollten sich "dem Armenhaus nicht anschließen"

Vor der Abstimmung in der Meißenheimer Festhalle hatte Bürgermester Reith eingeladen, um den Bürgern zu sagen, was auf sie zukommt. Weide war vor Ort und spricht von einer "demagogisch gehaltenen Rede". In dieser habe der Bürgermeister die finanzielle Situation der Gemeinden verglichen. Meißenheim hatte unter anderem durch die Firma Zürcher deutlich höhere Gewerbeeinnahmen. "Wollen wir uns diesem Armenhaus anschließen?", hatte Reith in die Runde gefragt. "Diese Rede hatte zur Folge, dass die Mehrheit gegen die Entscheidung war", so Weide – und es blieb bei vier Schwanauer Ortsteilen, die sich am 1. Juli 1972 offiziell zusammenschlossen.

Etwas brachten die Meißenheimer dann doch in die junge Gemeinde ein – und zwar ihren Namen. Der geht auf eine Raubritterburg aus dem Mittelalter zurück, die auf Höhe Schwanaus auf der französischen Seite des Rheins stand. Weide erinnert sich, dass in einer Sitzung der Meißenheimer Helmut Schröder – Vater des heutigen Bürgermeisters Alexander Schröder – zu ihm gesagt hatte: "Der Name Schwanau wäre doch schön". Dieser Vorschlag setzte sich letztlich durch.

Das Jubiläum zum 50-jährigen Bestehen wird am Samstag, 16. Juli, gefeiert, verrät der langjährige Schwanauer Bürgermeister Wolfgang Brucker. Von 1999 bis April 2022 war er Rathauschef und hat damit fast die Hälfte der Zeit seit der Gründung mitgestaltet. Im Gespräch mit unserer Redaktion blickt er auf die Entwicklung der vergangenen 50 Jahre zurück.

Identifikation mit Ortsteil ist noch hoch

Die ersten Projekte, die die Gesamtgemeinde Schwanau anging, seien vor allem Hallenbauten gewesen. Nonnenweier und Ottenheim bekamen eine neue Halle für ihre Vereine. Auch Wittenweier wollte eine neue Halle, berichtet Brucker, doch Bürgermeister Wolfgang Wübker wollte diese nicht genehmigen. Schließlich habe Wittenweier keinen Verein, der Hallensport betreibt. "Dann hat Wilhelm Schlager flugs eine Tischtennisabteilung gegründet aus dem SV Wittenweier heraus", erzählt Brucker mit einem Lachen.

Alles in allem habe Schwanau es vor allem gut verstanden habe, den Wandel von einer landwirtschaftlich strukturierten Gemeinde hin zu einer Gemeinde mit Gewerbe- und Wohngebieten zu schaffen, meint Brucker. Es sei beispielsweise eine sehr gute Entscheidung gewesen, das Gewerbegebiet Allmannsweier an den Ortsrand zu setzen. So gab man der Firma Herrenknecht Platz zum ausbreiten und hielt den Verkehr aus dem Ort fern. "Vieles, was sich in Schwanau entwickelt hat, wäre ohne die Firma Herrenknecht nicht möglich gewesen. Aber auch Herrenknecht hätte sich nicht so entwicklen können, wenn die Gemeinde nicht die Fläche gehabt hätte. Das ist eine ganz tolle Symbiose", kommentiert Brucker.

Er glaubt, dass es den Menschen auf rationaler Ebene klar gewesen sei, dass die Gemeinden nicht alleine weitermachen konnten. "Der emotionale Bereich hat eine Weile gebraucht", so Brucker. Schließlich sei es schwierig, aus dem Nichts eine zweite Identität zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang fand Brucker für seinen Vor-Vorgänger Wolfgang Wübker, dem ersten Bürgermeister von Schwanau, lobende Worte. "Der Gemeinde hat jemand wie Wolfgang Wübker mit hoher Kompetenz und Nüchternheit gut getan". Der Hanseate sei, da er "von außen" kam, nie anfällig für Ortsteil-Fragestellungen und damit einhergehende Emotionen gewesen.

Dass für manche Schwanauer auch heute noch ihr Ortsteil an erste Stelle steht – daraus macht Brucker keinen Hehl. Schließlich gebe es immer noch eine Eigenidentität der Ortsteile. Bei Ortsfesten wie den Jubiläumsfeiern in den letzten Jahren lebe die alte Geschichte mit. Für viele jedoch sei auch die gemeinsame Entwicklung der Gemeinde eine wertvolle Sache – und durch diesen Gemeinschaftsgedanken – "trotz aller Unterschiede" – hätte sich die Gemeinde in den vergangenen 50 Jahren gut entwickeln können.

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