Atelier nun in der Innenstadt Besondere Bilder rühren zu Tränen

Bernadette Vögele bei der Arbeit in ihrem Atelier in der Kirchstraße. Das Bild, eine Auftragsarbeit für einen Kunden, entsteht aus Marmormehl und Kurkuma. Foto: Lübke

Lahr - In der Corona-Zeit nur zu Hause sitzen? Bernadette Vögele ging einen anderen Weg und ist mit ihrem Atelier vom eigenen Dachboden in Reichenbach in die Kirchstraße gezogen. Dort entstehen Kunstwerke aus ganz ungewöhnlichen Materialien.

Wo sich manch einer in der Corona-Hochphase im vergangenen Herbst mehr in seine eigenen vier Wände zurückgezogen hat, hat sich Bernadette Vögele dazu entschieden, raus zu gehen. "Ich bin mit meinem Atelier nicht trotz, sondern wegen Corona umgesiedelt. Im ersten Lockdown wurde mir einmal mehr bewusst, wie wichtig kreatives Tun für den Menschen ist. Deshalb wollte ich mit meinem Atelier sichtbarer werden und habe zum Glück eine Ladenfläche direkt in der Innenstadt gefunden", so Vögele im Gespräch mit der Lahrer Zeitung.

Malen als Kunsttherapie

In der Kirchstraße fallen ihre Bilder im Schaufenster nun direkt ins Auge. Und nicht nur da: Seit dem 18. Mai stellt Vögele auch beim Friseur Krämer in der Alleestraße aus.

Sie malt Bilder für Kunden, die diese –­ der Preis variiert je nach Material und Größe des Kunstwerks –, kaufen können. Die Menschen können aber auch selbst zum Maler-Werkzeug greifen. 90 Minuten Malen als Kunsttherapie mit Bernadette Vögele gibt es für 45 Euro zuzüglich Materialkosten. "Diese Kunsttherapie gilt nicht generell als Kassenleistung, aber trotzdem übernehmen einige Krankenkassen die Kosten. Nachzufragen lohnt sich da auf jeden Fall", so Vögeles Tipp. Im aktuellen Lockdown darf die Reichenbacherin allerdings nur Einzelstunden anbieten.

Farben aus Lebensmitteln

Im Atelier der studierten Kunsttherapeutin entstehen Farben aus Materialien, die wohl die meisten Menschen eher in ihrer Küche als in der Künstler-Werkstatt haben. Vögele arbeitet zum Beispiel mit Zimt, Ingwer und Kurkuma. "Ich habe auch schon einmal Eierschalen benutzt. Nur manchmal muss ich auch auf künstliche Farben zurückgreifen", sagt sie.

Da die Bilder aus organischen Stoffen entstehen, entwickeln sie manchmal ein Eigenleben. "Die Materialien verändern sich zum Beispiel, wenn sie trocknen. Manches platzt auf, anderes zieht sich zusammen. Die Bilder sehen dann am Ende ganz anders aus. Ich steige in Prozesse ein, die ich nicht kontrollieren kann. Das ist für viele Menschen ungewohnt."

Nicht zu kontrollieren sind auch die Emotionen, die beim Malen der Bilder entstehen können. "In dem Bild kann etwas passieren, was einen sehr bewegt. Es ist gar nicht so selten, dass Menschen in meiner Kunsttherapie weinen. Und die Bilder können den Charakter eines Menschen verändern. Eine Frau berichtete mir, dass sie die Bilder immer drei bis vier Tage emotional beschäftigen. Und ich nehme sie jetzt viel selbstbewusster wahr, als vor der Therapie. Sie traut sich mehr", sagt Vögele.

Einen Ansturm an Kunden hat Vögele trotz des Umzugs in die Kirchstraße nicht erlebt. "Die Hemmschwelle, vor einer weißen Leinwand zu stehen ist groß. Und vielleicht stört auch viele der Begriff Kunsttherapie. Wir leben ja leider immer noch in einer Gesellschaft, in der eine Therapie als Zeichen von Schwäche ausgelegt wird." Dabei könne Kunst zum Beispiel bei Depressionen helfen. "Sie kann eigene Kräfte wieder freisetzen", sagt Vögele.

Karriere in der Welt der Zahlen gemacht

Dass sie einmal selbst beruflich als Künstlerin aktiv wird, war lange nicht abzusehen. Denn Bernadette Vögele hat in der Welt der Zahlen und nicht in der Welt der Kunst Karriere gemacht. "Ich habe 30 Jahre im Steuerwesen gearbeitet", sagt sie mit einem Lachen. Doch danach war die gebürtige Schenkenzellerin ein Jahre ehrenamtlich in der Hospiz tätig. "Da haben sich mir ganz andere Daseinsfragen der Menschen gestellt. Deren Hintergründe haben mich immer fasziniert", sagt sie. Nun arbeitet sie in ihrem Atelier unter dem Motto, nicht mehr Soll und Haben zu bilanzieren, sondern der Seele etwas Gutes zu tun.

Beim Blick auf die aktuellen Lockerungen der Corona-Auflagen gehört Vögele zu den Vertretern, die eher dafür plädieren, vorsichtiger zu sein. "Ich denke mir bei den ganzen Öffnungen häufiger gemach, gemach", sagt sie. Trotzdem hofft sie, bald zumindest wieder kleine Gruppen in ihrem Atelier empfangen zu dürfen. "Kunst- und Musikschulen dürfen das ja auch."

  • Bewertung
    2