Schutternerin erzählt "Ich war an Bord der Wilhelm Gustloff"

Christine Bohnert-Seidel

Am Sonntag, 30. Januar, vor 77 Jahren sterben mehr als 9.000 Menschen beim Untergang der Wilhelm Gustloff in der Ostsee. Die Schutternerin Maria Bayer, damals zweieinhalb, überlebt eine der größten Katastrophen der Schifffahrtsgeschichte.

Schuttern - Gegen Nachmittag legte das Kreuzfahrtschiff an der Danziger Bucht Richtung Kiel ab. Am Abend des 30. Januars 1945, kurz nach 21 Uhr, trafen Torpedos das Schiff. Erinnerungen an diesen Tag, bei dem tausende Menschen in die Tiefe der Ostsee gerissen wurden, hat Maria Bayer nicht. Aber ein Trauma ist ihr geblieben. Noch nie wagte sich Bayer ans Rückenschwimmen. "Sofort bekam ich Panik und begann zu schreien", erzählt die Schutternerin. Warum das so ist, erfuhr sie erst im Alter von 30 Jahren im Gespräch mit einem Arzt, der wie sie aus der Gegend um Allenstein stammte.

Bayer gehört zu den rund 1.200 geretteten Passagieren – sie trug eine Schwimmweste. Diese ließ die Kinder mit dem Kopf gegen den Himmel nach oben treiben. Ihre Kindheitsgeschichte vor und nach dem Unglück hat die Schutternerin in den Jahren wie ein Puzzle zusammengefügt: Bayer war das jüngste Kind von sieben Geschwistern. Die Mutter war kurzfristig im Januar 1945 zum Vater nach Salzburg gereist, der dort im Lazarett lag. Die älteren Geschwister waren in einem Kloster untergebracht. Maria und ihr Bruder Bruno sind bei einem ehemaligen Nachbarn, einem früheren SS-Kapitän, und dessen Familie in Danzig untergekommen. Nachdem jedoch die Alliierten näher rückten, ist die Familie ohne die Beiden geflohen und selbst mit einem Schiff untergegangen. Maria und Bruno wurden halb erfroren und nahezu verhungert von der Polizei entdeckt und in ein Kinderheim in Danzig gebracht. "Schwestern sind durch die Reihe gegangen und haben uns mitten ins Gesicht geschlagen, wenn wir nicht mit geschlossenem Mund gegessen haben", erzählt Bayer. Die leibliche Familie war davon ausgegangen, dass die Kinder mit der Kapitänsfamilie ums Leben kamen. Aus Angst vor einer Bombardierung wurde das Kinderheim in Danzig evakuiert und den Kindern Ende Januar 1945 ein Platz auf der Wilhelm Gustloff gesichert.

An das Unglück selbst hat Bayer keine Erinnerung mehr.

Nach der Rettung wurden die Kinder auf Waisenhäuser im Westen verteilt. "Meine erste Station muss wohl Westberlin gewesen sein", so Bayer. Noch heute kann sie die Süße von einem ersten Kaugummi schmecken, den ihr vermutlich ein amerikanischer Soldat zugesteckt hat. 1947 kam Bayer mit ihrem Bruder nach Lahr ins Reichswaisenhaus. Dort war der Schutterner Schreinermeister Karl Bohnet, Hausleiter. Die Ehe mit Paula Bohnet, geborene Maier, blieb kinderlos. Aber der Wunsch nach einem Kind ungebrochen. Karl und Paula Bohnet nahmen die Geschwister bei sich auf. "Zum ersten Mal habe ich so was wie ein Zuhause in unendlicher Liebe gespürt", erzählt die 79-Jährige.

Dann kam die Familienzusammenführung. Eine Tante hat die Kinder über eine Mission in München ausfindig gemacht. Die Eltern lebten im Osten von Deutschland. Maria und Bruno sind nach Hause gekommen. "Aber wirklich zuhause gefühlt habe ich mich nie", so Bayer. Nach zwei Jahren setzten sich die Eltern mit dem Ehepaar Bohnet in Verbindung. "Ich war krank an Leib und Seele", sagt Bayer. Karl und Paula Bohnet haben Maria Bayer adoptiert. In Schuttern hat sie bis heute ihr Zuhause.

Bis zu 9.000 Menschen starben, 1.200 konnten gerettet werden

Die Wilhelm Gustloff sollte im Januar 1945 verwundete Soldaten und Zivilisten aus Ostpreußen über die Ostsee in den Westen des Reiches transportieren. Nach dem Durchbruch der Roten Armee an der Ostfront war das Gebiet über den Landweg größtenteils abgeschnitten. Über die genaue Anzahl der Passagiere – und letztendlich auch der Opfer – gibt es verschiedene Angaben. Offiziell wurden knapp 8.000 Menschen registriert, nach Ende der offiziellen Zählung drängten aber noch etwa 2.500 weitere Passagiere an Bord. Rund 8.800 Menschen sollen Zivilisten gewesen sein, darunter viele Kinder sowie etwa 1.500 Angehörige der Wehrmacht. Die vier Kapitäne an Bord kannten die drohende Gefahr durch sowjetische U-Boote, konnten sich aber nicht auf ein angemessenes Vorgehen einigen. Ein sowjetisches U-Boot sichtete das Schiff und traf es aus rund 700 Metern Entfernung mit drei Torpedos. Eine Stunde später sank das Schiff, etwa 23 Seemeilen vor der Küste. Der Einschlag der Torpedos sorgte für einen Stromausfall, sodass die Funkanlagen ausfielen. Notrufe waren so nicht möglich. Erst nachdem die Wilhelm Gustloff rote Leuchtsignale geschossen hatte, nahm Begleitschiff Löwe Kontakt auf und informierte weitere Schiffe über das Unglück. Herbeieilende Schiffe konnten 1252 Passagiere retten. Ausgehend von mehr als 10.000 Passagieren wäre der Untergang der Wilhelm Gustloff mit bis zu 9.000 Toten die bis heute größte Katastrophe der Seefahrtsgeschichte bezogen auf ein einzelnes Schiff. Zur hohen Zahl der Opfer trugen mehrere Umstände bei: Etwa 1000 Menschen waren im Wintergarten des Schiffs eingeschlossen, dessen Fenster aus Panzerglas bestand und so kein Entkommen zuließen. Zudem verfügte die Wilhelm Gustloff über viel zu wenig Rettungsboote. Die wenigen Ruderboote waren schnell überfüllt, einige waren zudem bei einer Außentemperatur von minus 20 Grad noch vereist und konnten nicht seetüchtig gemacht werden. (jk)