Ringsheim "Medizinisch ein Schwachsinn"

Rund 100 Bürger sind der Einladung der Klinik-Initiative "LEBEN" und der Gemeinde Ringsheim gefolgt: Im Bürgerhaus gab es Infos zur Auswirkung des Gutachtens Agenda 2030 auf die Krankenhauslandschaft in der Region – und eine lebhafte Diskussion.

 

Ringsheim. Rede und Antwort standen die Vorsitzenden der Kreistagsfraktionen Klaus Muttach (CDU), Günter Gorecky (SPD), Jürgen Nowak (FW), Alfred Baum (Grüne), sowie der Sprecher der Initiative Helmut Rau sowie Ettenheims Bürgermeister Bruno Metz.

Der Erhalt des Ettenheimer Krankenhauses im Verbund mit Lahr ist für die Menschen im Südbezirk eine zentrale Forderung, wie in der Diskussion deutlich wurde. Einigkeit bestand unter den Fraktionsvorsitzenden aber in der Tatsache, dass ein "Weiter so" in der Klinikstruktur des Ortenaukreises, besonders aus wirtschaftlichen Erwägungen nicht möglich sei. An den vier Standorten Offenburg, Lahr, Achern und Wolfach werde nicht mehr gerüttelt, so Metz. "Doch was kommt danach?" Ettenheim habe aufgrund der vorhandenen Struktur mit den Fachabteilungen Fußchirurgie und Schmerztherapie eine Chance verdient, so Metz.

Muttach erklärte, dass die Mittelzusage für den Bau eines OP-Gebäudes in Ettenheim die Chance für das Krankenhaus als Versorgung in der Fläche erhöhe. "Ich bin mir sicher, dass wir die Weichen richtig stellen werden", sagte Muttach. Ähnlich argumentierte Nowak, die Überprüfungsklausel für die kleinen Häuser Ettenheim, Oberkirch und Kehl sei die richtige Antwort. Dem Ettenheimer Krankenhaus bescheinigte er eine hohe Fachkompetenz. Gorecky sieht Lahr-Ettenheim als eine Einheit, denn Ettenheim sei in medizinischer und finanzieller Sicht erfolgreich gewesen, wofür er Applaus der Besucher erntete. Einen schweren Stand hatte Baum, der sich zu seiner emotionalen Beziehung zum Klinikum Oberkirch bekannte. Sein Vorschlag, medizinische Versorgungszentren als neue Art der Versorgung auf dem Land zu etablieren, wurde mit Protest quittiert.

Rau sprach von einer großen Betroffenheit in der Region. Die Zentralisierung sei als Allheilmittel verkauft worden und "viele sind an der eigenen Größe kaputtgegangen". Ein Versorgungszen­trum sei kein Ersatz für eine Klinik, so Rau. Er vermisse eine vernünftige Abwägung der Alternativen.

Kritische Stimmen in der Diskussionsrunde kamen besonders vonseiten der Ärzteschaft mit Boris Weber vom Praxiszentrum Ettenheim, Theo Vetter und Ingo Schilk vom Krankenhaus Ettenheim sowie den Ärzten Reinhard Jäger und Franz Michael Hecht, ebenfalls aus Ettenheim. Drastisch formulierte es Weber: "Das Gutachten ist medizinisch gesehen ein Schwachsinn, das sollten sich die Kreisräte nicht zu eigen machen." Die Grundversorgung müsse von der Maximalversorgung getrennt sein, auch als Chance für kleine Häuser. Für Patienten mit kleinen Problemen seien kleine Häuser der Ansprechpartner, argumentierte Schilk, Chefarzt der Schmerztherapie in Ettenheim, in großen Häusern würden sie "auf den Fluren liegen". Hecht stellte nach langjähriger Erfahrung fest, dass 80 Prozent der Patienten in kleinen Häusern versorgt werden können.

SPD-Kreisrat Karl-Heinz Debacher sah in der Entwicklung eine Entsolidarisierung in der Region. Charlotte Götz, Ortsvorsteherin von Münch­weier, war sichtlich erbost über einen Friesenheimer Kreisrat, der bei einer Gemeinderatssitzung gesagt habe, dass sich nach seiner Meinung die Diskussion erübrige, da für Friesenheim so oder so keine Nachteile zu erwarten seien. Für Ruth Volz von der Sozialstation Ettenheim und Sozialarbeiterin Brunhild Kamphues ist die wohnortnahe Versorgung besonders für ältere und demente Menschen von großer Bedeutung. Laut Rusts Bürgermeister Kai-Achim Klare müsste man die Diskussion vom Fuß auf den Kopf stellen, die Frage müsste lauten: "Wie kriege ich eine funktionierende dezentrale Versorgung zustande?"

Moderiert wurde die Veranstaltung vom Ettenheimer Stadtrat und "LEBEN"-Mitglied Thomas Breyer-Mayländer. Gastgeber war Bürgermeister Pascal Weber, der zu Beginn die Ringsheimer Resolution vorstellte.

Das Bündnis für den Erhalt und Ausbau aller Ortenauer Kliniken plant Kundgebungen in den Städten, deren Häuser von Schließungen betroffen wären. Für Ettenheim rufen die Vertreter von Gewerkschaften, Parteien, Jugendorganisationen, Pflegekräften und Patienten auf Samstag, 26. Mai, ab 10.30 Uhr zur Demo auf. Treffpunkt ist auf dem Marienplatz.

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