Noch einmal «Klimakanzlerin»? Merkel in Island: "Toter" Gletscher Symbol des Klimawandels

Reykjavik - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in Island ein Bild von den Naturgewalten des Landes gemacht und mit den Regierungschefs Skandinaviens über drängende Klimafragen gesprochen.

Die skandinavischen Regierungsspitzen und sie seien sich darüber einig, dass der Klimawandel inzwischen sichtbar werde, sagte die CDU-Politikerin am Dienstag im Anschluss an ein Arbeitsmittagessen auf der Insel Videy bei Reykjavik.

Dies gelte besonders in den nordischen Ländern, aber auch in Deutschland, sagte Merkel. In Island habe man dies erst kürzlich dadurch gesehen, dass man sich von dem Gletscher Okjökull habe verabschieden müssen.

Wissenschaftler hatten den Okjökull am Sonntag auf einer Abschiedszeremonie für tot erklärt, nachdem er bereits vor gut fünf Jahren seinen Status als Gletscher verloren hatte. "Der Preis des Nichtstuns wird mit Sicherheit höher sein als der Preis des Handelns", sagte die Kanzlerin.

Merkel zeigte sich beeindruckt von dem Geothermie-Kraftwerk Hellisheidi, das sie kurz vor dem Treffen mit den Regierungschefs besichtigt hatte. Es sei ein wichtiger Punkt ihrer Reise gewesen, dort die nachhaltige Art der Energieerzeugung gezeigt zu bekommen. In Hellisheidi denke man konsequent in Kreisläufen. "Das Denken in Kreisläufen ist der Schlüssel, den wir uns ganz klar vornehmen müssen, um die globalen Herausforderungen zu bewerkstelligen."

Hellisheidi ist das größte Kraftwerk seiner Art in Island. Dort produzieren die Isländer aus heißem Wasser und Dampf Heizenergie und Strom. Im Rahmen eines Projektes wird auf dem Gelände des Kraftwerks zudem klimaschädliches CO2 aus der Luft eingefangen und in Gestein gespeichert. Ein Video von Regierungssprecher Steffen Seibert zeigte, wie Merkel durch den dichten Dampf ging und sich die Funktionsweisen eines Bohrlochs erklären ließ.

Die Kanzlerin nahm als Gast am informellen Sommertreffen der skandinavischen Regierungschefs teil. Die Länder im hohen Norden wollen großteils deutlich früher als die Bundesregierung das Ziel der Klimaneutralität schaffen, Island beispielsweise bereits 2040 und damit zehn Jahre vor Deutschland. Deutschland bekenne sich zum Zieljahr 2050, sagte Merkel.

Die Bundeskanzlerin hatte sich einst den Beinamen "Klimakanzlerin" erworben, unter anderem wegen einer Reise im Jahr 2007 mit ihrem damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), mit dem sie in roter Outdoor-Jacke vor einem grönländischen Gletscher posiert hatte. Aus Sicht von Umweltverbänden hat Merkel diesen Namen aber längst nicht mehr verdient. Aktivisten werfen Merkel unter anderem vor, in Brüssel strengere Klimaschutzvorgaben für die Autoindustrie verhindert zu haben.

Das Klimaschutzziel für 2020, den Treibhausgas-Ausstoß um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, wird Deutschland klar verpassen, das 2020-Ziel von einer Million Elektroautos auf deutschen Straßen auch. Umweltschützer hoffen dennoch, dass Merkel auf den letzten Metern ihrer Amtszeit - spätestens 2021 soll Schluss sein - noch einmal richtig Dampf macht im Kampf gegen die Erderhitzung.

Bereits nach ihrer Ankunft am späten Montagabend hatte Merkel auf die Kräfte der Natur hingewiesen, die man in Island besonders stark wahrnehmen könne. Ihre bisherige Bekanntschaft mit dem Land sei gewesen, dass sie wegen des Ausbruchs des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010 nur über Umwege aus Amerika nach Deutschland habe zurückreisen können, sagte sie am Montagabend in der Sommerresidenz von Islands Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir im Thingvellir-Nationalpark bei Reykjavik. Die Aschewolke des Vulkans hatte damals den Flugverkehr in weiten Teilen Europas lahmgelegt.

"Ich erwähne das deshalb, weil wir am Beispiel von Island noch einmal stärker lernen können, dass der Mensch mit der Natur pfleglich umgehen muss und dass er ein Stück Demut zeigen muss auch gegenüber der Natur", sagte Merkel. Es tue der Menschheit gut, ab und zu daran erinnert zu werden, welche Kraft, aber auch welche Schönheit die Natur habe, fügte sie hinzu.

Der Greenpeace-Energieexperte Niklas Schinerl forderte konkrete Taten Merkels. "So wichtig der Respekt vor diesem Planeten ist, so klar ist auch, dass nur entschlossene Schritte weg von Kohle, Öl und Gas ihn retten werden", erklärte er. Merkel müsse den Erhalt unserer Lebensgrundlage zur Chefsache erklären und den klimaverträglichen Wandel in Deutschland beschleunigen.

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