Pakt der Flößer Der harte Alltag der Wolfacher Flößer

Hans-Gottfried Haas
Die Flößerei bleibt in Wolfach als altes Handwerk weiterhin lebendig. Das zeigt auch diese Aufnahme auf dem Jahr 2004. Foto: Haas

324 Jahre trennen Ralf H. Dorweilers "Pakt der Flößer" und die stimmungsvolle Lesung, die der Autor kürzlich im Wolfacher Flößermuseum gehalten hat. Das Buch beschäftigt sich mit dem harten Alltag der Wolfacher Holzhauer und Flößer.

Wolfach - Mitte November liegt schon Schnee bis herunter ins Tal, während die Waldbesitzer mit ihren Knechten unweit der Schlössle-Ruine tüchtig Stammholz zum Flößen vorbereiten. Die Herausforderungen bei der Handarbeit an den steilen Hängen mit Unterstützung durch Pferde werden lebensnah beschrieben.

Flößerlokal ist Ausgangspunkt der Handlung

Verstärkt tritt als Ort des Geschehens die Gaststube im "Ochsen", unweit der Stadtbrücke an der schmalen Vorstadtstraße ins Blickfeld. Nach der Vorbesprechung aktueller Handelspläne in diesem Flößerlokal geht es zur Versammlung ins Schloss – genau dahin, wo gut 300 Jahre später gespannte Zuhörer und interessierte Flößerfreunde mit dem leidenschaftlich rezitierenden Autor tief in das Leben ihrer Vorfahren eintauchen wollen.

Sohn des Anführers der Schiffer ist Hauptperson

Zur Hauptperson, aus deren Erlebniswelt und in deren Blickfeld das abenteuerliche Geschehen seinen schicksalshaften Lauf nimmt, wird der 17 Jahre junge tatendurstig und voller Zuversicht in ein verantwortungsvolles Flößerleben hineinschreitende Jacob Finkh, dessen Vater nicht ganz unumstritten die stolze Wolfacher Schifferschaft anführt. Man wird Zeuge des pulsierenden Lebens zwischen der Kernstadt und dem "Ochsen" in der Vorstadt mit dem beengten Familienleben im elterlichen Haus und den vielfältigen geschäftlichen und privaten Begegnungen im Wirtshaus.

Wirtstochter spielt wichtige Rolle

Zigmal geht es so zu Fuß vor allem gen Feierabend über den Gassensteg hin und her. Für den jungen Jacob spielt dabei auch Dorothea, des Ochsenwirts und Schifferschaftsrechners Johann Gerbers Töchterlein, spürbar mehr als nur eine Nebenrolle. Von feinfühlender Erzählkunst geleitet beginnt sich der Leser immer mehr mit den handelnden Personen zu identifizieren, um sich schließlich gänzlich in das spätmittelalterliche Leben im Flößer- und Amtsstädtchen hineinversetzt zu fühlen.

Historisch fundierte Einblicke in Stadtleben und Flößerei

Bald ganz ein Sympathisant von Jacob und dessen geradlinigem Vater Ludwig sowie dessen Onkel Leopold teilt der mitfiebernde literarische Zeuge des Geschehens auch deren Einschätzung der Kollegen und bisweilen auch Kontrahenten, angefangen mit Paul Schmider, Kurt Gebele und Josef Bollacher bis zu Werner Immanuel Lempp mit dessen besonderer Verantwortlichkeit für das Flößen auf Wolf und Kinzig.

Auch für Kenner der Flößergeschichte spannend

Völliges Neuland erschlossen wird dem noch so kundigen Verfolger Wolfacher und Kinzigtäler Flößergeschichte mit dem über viele Jahre angelesenen Wissen aus den fachkundigen historischen Abhandlungen etwa eines Franz Disch, Josef Krausbeck, Hans Harter, Rolf Pfefferle und vor allem Otto Schrempp nach dem kurzen "Abenteuer Kinzig" die fantastische Fahrt auf dem Riesenfloß von Willstätt rheinabwärts. Eingangs ist die lebendige Vorstellung bei der Lektüre des Romans zusätzlich geprägt durch das Verfolgen der mutigen Parforceritte der neuzeitlichen Flößergilden aus Wolfach und Schiltach auf Wolf und Kinzig mit sogar europaweit bestandenen Abenteuern.

Die Vogesenflößer als Konkurrenz

Zuvor wird im Roman ebenso lebensnah und absolut nachvollziehbar auch noch die Konkurrenz mit "Vogesenflößern" als zusätzliche Herausforderung für die biederen Wolfacher ins Spiel gebracht. Schnell gewinnt so auch der wackere Gustave Fletzer aus Schirmeck die Sympathie des Lesers. Die nach langen oft hinterhältigen Querelen schließlich mit einer Absprache beendeten bis in raffinierte Hinterhalte hinein sich austobende Feindschaft gab dem Roman den Titel: "Der Pakt der Flößer" So wird Ende März für einige Zeit auch Straßburg zum Ort des Geschehens.

Pulsierendes Leben am Rhein

"Auf dem Rhein" steht über mehreren Kapiteln, die sich mit der Zeitspanne zu Beginn bis Mitte des Monats April anno 1698 befassen. Dabei lernt man bei verschiedenen Anlandungen auch das pulsierende Leben entlang des noch ungebändigten Rheins und vor allem in etlichen Hafenstädten kennen – und natürlich auch die besonderen Herausforderung bei der gefährlichen Passage unterhalb des Loreley-Felsens. Dies alles ist mitunter so in das Erleben des jungen Burschen aus dem Schwarzwald miteinbezogen, dass man unwillkürlich beispielsweise in der Domstadt Köln zu dessen die große Welt bestaunenden Begleiter wird. Tragischer Höhepunkt der Floßfahrt mit einem ganzen Dorf an Bord: der Unfalltod von Vater Ludwig Finkh, dessen betroffener Zeuge man wird.

Vom verträumten Wolfach in die Metropole Amsterdam

Natürlich hält der Roman noch viele Überraschungen und Seitenblicke parat. Das Bekanntwerden Jacobs mit der niederländischen Kaufmannstochter Isabella de Groot, führt nicht zuletzt zu überstürzenden Ereignissen nach der Ankunft in Amsterdam.

Realistisches kulturelles Zeitbild

Absolut beipflichten kann man Autor Ralf H. Dorweiler, dass es ausdauernder tiefgründiger wissenschaftlicher Schwerstarbeit bedurfte, sich aus unendlich vielen historischen Quellen ein realistisches kulturelles Zeitbild als Grundlage für das Romanschreiben zu erarbeiten. Das ist so hervorragend gelungen, dass die Lektüre den Leser von Beginn an voll in den Bann zieht und keinen Zweifel aufkommen lässt, dass sich das alles tatsächlich genau so und nicht anders aus dem verträumten Schwarzwaldstädtchen heraus bis hin zur Weltmetropole Amsterdam schicksalhaft fortentwickelt haben kann.

Das Buch

Das Werk erweitert rückblickend den Horizont auf die Zeitepoche des ausgehenden Mittelalters mit vielen Facetten des Lebens in damaliger Zeit. Dies bekräftigt auch Yvonne Schulze in ihrer Rezension: "Die Gefahren, die so eine Reise für die Flößer mit sich brachte und welches Geschick und jahrelange Erfahrung vonnöten waren, um diese schwimmenden Dörfer an ihren Zielort zu bringen, wird vom Autor sehr gut und bildhaft beschrieben". Das Buch von Ralf H. Dorweiler ist im Jahr 2017 erschienen. Das Taschenbuch kostet 12,90 Euro und ist unter der ISBN 9 78 34 04 17 44 61 erhältlich.