Offenburg Weltrekord "kribbelt in den Fingern"

Auch beim Heimwettkampf in Offenburg war Johannes Vetter nicht zu schlagen und gewann erstmals das Speerwurfmeeting in der Ortenau. Foto: Heck Foto: Lahrer Zeitung

72 Zentimeter fehlten dem Offenburger Speerwerfer Johannes Vetter im September zum Weltrekord. Und auch, wenn er den Uralt-Rekord gerne knacken würde, so ist sein primäres Ziel für das kommende Jahr die Goldmedaille bei Olympia.

Will man Leistungen in der Leichtathletik disziplinen­übergreifend vergleichen, ist das nicht immer einfach. Wie soll man etwa den 100-Meter-Weltrekord von Usain Bolt mit der Leistung eines Marathon-Läufers oder eines Weitspringers vergleichen? Die Antwort heißt "Result Score", also der Wert, den man durch die persönliche Bestleitung aufstellt. Und zieht man diesen Wert zu Rate, dann ist dem Offenburger Speerwerfer Johannes Vetter in diesem Jahr etwas ganz Großes gelungen. Sein Fabelwurf auf 97,76 Meter im polnischen Chorzow lässt sich auf 1355 Punkte umrechnen, nur Sprinter Bolt (1356) und der derzeitige Speerwurf-Weltrekordler Jan Zelezny (1365) aus Tschechien haben jemals einen besseren Wert erzielt als Vetter, dem im September 72 Zentimeter zum Weltrekord fehlten.

Gestiegene Erwartungen

Es ist eine Weite, die wohl noch vor wenigen Monaten schier unerreichbar schien. Vetters Manager Werner Daniels dachte gar im ersten Moment an einen Zahlendreher, gestand er am Tag nach dem Fabelwurf, der die Leichtathletik-Welt erstaunte. Gleichzeitig weckt der Fast-Weltrekord natürlich Erwartungen – auch bei Vetter selbst. "Natürlich kribbelt der Weltrekord in den Fingern. Wenn man schon mal so weit geworfen hat und es nur an ein paar Stellen noch nicht ganz optimal gewesen ist, will man das noch ausreizen", sagte der gebürtige Dresdener jüngst im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

Fit wie lange nicht mehr

Wichtiger ist Vetter aber etwas anderes: "Die obere Priorität ist, gesund zu bleiben und Olympia-Gold anzugreifen." Dass er das Potenzial für den Sieg in Tokio hat, hat Vetter in diesem Jahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Und auch sein Körper macht derzeit mit. "Ich bin super fit durch die Saison gekommen. Es ist das erste Mal seit mehreren Jahren, dass ich nach der Saison nicht zur Nachbehandlung zum Arzt musste", sagte der Weltmeister von 2017 der dpa.

Warum es ausgerechnet in der Corona-Saison, in der viele Wettkämpfe ausfielen – bekanntlich wurde auch Olympia um ein Jahr verlegt – bei ihm so gut klappte, erklärt Vetter so: "Nach dem Verletzungspech in den vergangen Jahren und einem familiären Schicksalsschlag 2018 hatte ich viele Rückschläge, da war diese Situation leichter für mich anzunehmen. Ich war dankbar, dass ich körperlich und mental wieder in der Lage war, Wettkämpfe zu bestreiten. Deshalb habe ich viel Freude und Spaß am Speerwerfen gehabt."

Hoffen auf Olympia

Diese Freude gilt es nun auch über den Winter ins Olympia-Jahr zu retten. Als Leistungssportler ist Vetter von den derzeit geltenden Beschränkungen kaum betroffen, zudem stehen über die Wintermonate keine Wettkämpfe an. "Ich bin meines Glückes Schmied und muss darauf hoffen, dass sich die Pandemie peu á peu mit einem Impfstoff erledigt, die Lage sich verbessert und Olympia stattfindet", will sich der Speerwerfer, der von Bundestrainer Boris Obergföll trainiert wird, auf sich konzentrieren. Der Coach traut seinem Schützling auch in Zukunft einiges zu. "Johannes besitzt das Potenzial für den Rekord. Er hat die nötigen Reserven", sagt Obergföll.

Vetter in illustrem Kreis

In einem letzten Wettkampf ist Vetter übrigens derzeit noch aktiv. Bei der Wahl zum Welt-Leichtathleten 2020 hat er es unter die besten Fünf geschafft. Ebenfalls nominiert: Langstreckler Joshua Cheptegei (Uganda), der in diesem Jahr auf drei Strecken neue Weltrekorde aufstellte, Stabhochsprung-Weltrekordler Armand Duplantis (Schweden), Kugelstoß-Seriensieger Ryan Crouser (USA) und der zweimalige Weltmeister über 400 Meter Hürden Karsten Warholm (Norwegen). "Ich gehe damit bescheiden um. Es sind ja einige Weltrekorde in diesem Jahr aufgestellt worden", will Vetter seine Nominierung nicht überbewerten.

Verstecken muss er sich mit seinem Fast-Weltrekord jedoch weder bei der Abstimmung noch bei Olympia, auf das bereits jetzt seine Planung ausgerichtet ist.

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