Offenburg Von Opfern und auch Mördern

Schwarzwälder-Bote
Die Film-Crew (von links) Daniel Gerhard, Emre Özlü, Frank König und Sebastian Lermen vor der Gedenkstätte Illenau. Foto: Lötsch

Kinos in Offenburg und Lahr zeigen Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Illenau

Lahr/Offenburg (red/rha). Stehende Ovationen für die jungen Filmemacher Frank König und Emre Özlü. Mit ihrer Dokumentation über die Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Achern trafen sie einen Nerv. Die von SWR-Moderatorin Ursula Nusser präsentierte Premiere am 7. Oktober in der Gedenkstätte wurde zum Triumph.

Mit dem 90-minütigen Film legen die Autoren mehr als ein Stück Ortenauer Geschichte vor. Fast jede Gemeinde war in der Illenau vertreten, sei es durch Patienten, sei es durch Pflegepersonal. Prominentester Insasse war für einige Monate der Volksschriftsteller und Bestsellerautor Heinrich Hansjakob. Seine Erinnerungen bilden auch das textliche Fundament des Films.

Von 1842 an revolutionierte die Illenau die Psychiatrie. Kranke werden nicht mehr einfach nur eingesperrt, verwahrt, unter Kontrolle gehalten. Sie werden therapiert, beschäftigt, integriert – als Mitmenschen behandelt. Im Lauf der Jahre wird aus der Anstalt auch ein Wirtschaftsfaktor. Ackerbau, Viehzucht, Wäscherei, Energieerzeugung.

"Die Illenau" wird geradezu sprichwörtlich in der Region – und über die Grenzen Badens und Deutschlands hinaus berühmt. Für finanzkräftige Patienten – etwa aus dem russischen Adel – wird es Mode, sich hier behandeln zu lassen.

Umso drastischer mutet das Ende der Heil- und Pflegeanstalt an. In der Nazizeit wird sie vom Schutzraum für die Hilfsbedürftigen zur Todesfalle. "Wohin bringt ihr uns?" Die bange Frage eines zur Vernichtung vorgesehenen Mädchens an den von den Nationalsozialisten eingesetzten Anstaltsleiter bleibt unbeantwortet. Weit über 200 Patienten werden in den berüchtigten grauen Bussen in die Vernichtungsanstalt Grafeneck deportiert und dort noch am Tag der Ankunft ermordet. Die Angehörigen erhalten Schreiben mit fingierten Todesursachen.

Zum 175. Jahrestag der Gründung haben die Filmemacher nun Spuren von Ärzten und Patienten, von Opfern und Mördern gesucht, widmen sich auch der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte einer Einrichtung, die nach der Räumung zu einem multifunktionalen "schlossartigen Gebäudekomplex" geworden ist.

Packende Bildsprache, bewegende Spielszenen, Interviews mit Zeitzeugen und der Illenau verbundenen Menschen – die Dokumentation verknüpft die Stränge von 175 Jahren badischer, deutscher, europäischer Geschichte.

 Forum-Kino Offenburg:

Sonntag, 15. Oktober, 11 und 18 (anschließend Filmgespräch mit Regisseurs Frank König) Uhr

Mittwoch, 18. Oktober, 20 Uhr

Sonntag, 22. Oktober, 11, 18 und 20 Uhr   Forum-Kino Lahr: Mittwoch, 18. Oktober, 20 Uhr (anschließend Filmgespräch mit Regisseurs Frank König)