Schlimmer Trend Kinderpornos werden zum Schulhof-Hit

Kinderpornos in Kinderhänden: ein besorgniserregendes Phänomen Foto: Stein

Ortenau - Jugendliche aus der südlichen Ortenau sollen sich auf einem Schul-Laptop kinderpornografische Videos angeschaut haben. Die Aufsicht der betroffenen Mittelstufe hatte die Schüler erwischt und am Dienstagmorgen der Schulleitung gemeldet, die wiederum die örtliche Polizei informierte. Es hätte (un-)passender nicht sein können: Als diese Meldung am Freitagmorgen über den Ticker läuft, ist gerade ein Pressegespräch im Gange. Thema: der sprunghafte Anstieg von Kinderporno-Fällen.

Im Fe­bruar wurde am Offenburger Polizeipräsidium eine neue 13-köpfige Ermittlungsgruppe gegründet – die "EG Ki-Po". Warum, das offenbarten die Statistiken, die Kripo-Chef Wolfgang Jäger und EG-Leiter Volker Olbrisch den Medienvertretern vorlegen: Präsidiumsweit, also in der Ortenau, in Rastatt und in Baden-Baden, vervierfachte sich die Zahl der aktenkundigen Fälle von Kinderpornografie zwischen 2018 und 2020: von 48 auf 195. Bei Jugendpornos gab es eine Zunahme von 16 auf 21 Fälle. Ein Trend, den die Region nicht exklusiv hat, wie Jäger erklärte: "Wir erleben weltweit eine wahre Schwemme."

Es wird unterschieden – zwischen dem tatsächlichen Missbrauch und der sogenannten Schulhof-Kriminalität. In letzterem Fall werden Kinder und Jugendliche selbst zu Tätern. "Es ist mittlerweile cool und angesagt, sich einschlägige Videos oder Bilder übers Internet zuzuschicken", berichtet Olbrisch. Hinter 75 Prozent der Fälle steckten "keine pädophilen Neigungen". Die Folgen freilich sind für die Betroffenen dennoch gravierend. "Es handelt sich definitiv nicht um Bagatelldelikte", sagt Jäger. "Zumal der Gesetzgeber gerade dabei ist, den Tatbestand zu verschärfen." Bald soll das Beschaffen, Verbreiten oder auch nur der Besitz von Kinder- und Jugendpornografie vom Vergehen zum Verbrechen hochgestuft werden. Bedeutet: Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr.

Bekommen die Ermittler Beweismaterial in die Hände, geht es nicht lange und es klingelt an der Wohnungstür. "Oft sind die Eltern Anschlussinhaber des Internetvertrags und gelten zunächst selbst als Beschuldigte, in den meisten Fällen stellt sich dann heraus, dass die minderjährigen Kinder verantwortlich sind", so Olbrisch. Die Beamten sichern vor Ort alle Datenspeicher, vom Computer bis zum USB-Stick, die dann ausgelesen und von der Ermittlungsgruppe anschließend bewertet werden.

"Die Kollegen arbeiten am Anschlag. Was sie zu sehen bekommen, sind die Abgründe der menschlichen Fantasie", berichtet der EG-Leiter. Die Beamten würden bis an die Grenzen des Erträglichen geführt, und manchmal auch darüber hinaus. "Wir bekommen bei Bedarf professionelle Hilfe, aber unsere Arbeit ist definitiv nicht gesund."

Nachrichtendienste müssen Inhalte melden

Hinweise zu kinderpornografischem Material erhalten die Ermittler von "NCMEC", eine halbstaatliche Organisation, die sich um vermisste und ausgebeutete Kinder kümmert, mit Sitz in den USA. Dort steht der Großteil der Server der großen Nachrichtendienste wie Whatsapp oder Facebook. Sie sind verpflichtet, relevante Bilder und Videos zu melden, weltweit.

Warum die Zahlen vor allem in der Ortenau so stark gestiegen sind – sie machten 2020 drei Viertel aller Kinderporno-Fälle im Präsidiumsbezirk aus – vermag die Polizei nicht zu sagen. Auch auf die Frage, ob Corona und die damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen ein Grund für den schlimmen Trend sind, gebe es keine abschließende Antwort.

Klar ist indes: Die Beamten wollen das Thema stärker in den öffentlichen Fokus bringen. Kripo-Chef Jäger: "Wir müssen vor den Fall kommen", also Prävention statt Repression. Die Expertin auf diesem Gebiet bei der Offenburger Polizei ist Susanne Steudten. Sie weiß, "dass viele ungewollt mit Kinderpornografie konfrontiert werden und sich viele unwissentlich strafbar machen". Problematisch seien vor allem große Chatgruppen mit teils unbekannten Personen. "Da sollte man ganz genau hinschauen", sagt Steudten. "Wer illegale Inhalte zugeschickt bekommt, sollte diese sofort löschen und dem Gegenüber schriftlich deutlich machen, dass man das nicht will."

Die Polizei ist bereits in den Schulen unterwegs, hat eine Beratungsstelle und eine Hotline eingerichtet. Künftig soll die Präventionsarbeit noch verstärkt werden. Im Herbst sind Videoclips in den sozialen Medien geplant. "Um den Trend zu stoppen, müssen wir auch Eltern, Lehrer, Trainer und Betreuer sensibilisieren."

Im eingangs beschriebenen Fall sind die Ermittlungen angelaufen. Die Betroffenen müssen mit unangenehmen Fragen und harten Strafen rechnen, macht Jäger deutlich. "In diesem Bereich gibt es kein Augenzudrücken."

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