Lahr Prozessauftakt: Ex-Dekan Markus Erhart äußert sich

Mannheim/Lahr - Markus Erhart hat vor dem Landgericht Mannheim Fehler eingeräumt, vor allem seinen laxen Umgang mit eigenem Geld. Obwohl er allein von 2013 bis 2017 1,39 Millionen Euro verdient hat, ist der Priester heute offenbar hochverschuldet.

Als Erhart am Dienstag um 9.08 Uhr in Saal B des Landgerichts, Wirtschaftsstrafkammer, geführt wird, klicken zunächst seine Handschellen, die ein Justizbeamter aufschließt, dann die Kameras von einem halben Dutzend Fotografen: Der Fall des Geistlichen, der die Kirche um viel Geld betrogen haben soll, ruft ein starkes Medienecho hervor. In den Besucherreihen haben 30 Menschen Platz genommen, darunter aber keine Ex-Mitarbeiter Erharts aus Lahr, wo er 2004 Pfarrer, 2012 Dekan und 2015 Leiter der "Seelsorgeeinheit an der Schutter" mit rund 17  600 Katholiken wurde. Eigens aus Lahr ist nur eine Frau mittleren Alters gekommen, die in einer Verhandlungspause erzählt, sie kenne Erhart aus Gottesdiensten, die er gehalten hat. Ihn jetzt als Angeklagten zu sehen, berühre sie sehr. Andere Besucher erzählen, dass sie Erhart noch in Mannheim erlebt haben, wo er 1995 zum Priester geweiht wurde. 

> Die Anklage: Obwohl Uwe Siegrist schnell spricht, dauert es 20 Minuten, bis der Oberstaatsanwalt die Anklage verlesen hat. Detailliert listet er auf, weshalb Erhart der Prozess gemacht wird. Der mit 195 000 Euro größte Schaden ist offenbar beim Lahrer Caritasverband entstanden. Erharts Masche hier laut Anklage: Der Priester soll im Namen einer estnischen Firma Rechnungen für Leistungen geschrieben haben, die er zuvor selbst erbracht hatte, allerdings ehrenamtlich. Die fingierten Rechnungen legte er Mitarbeiterinnen des Caritasverbands vor, die dem Priester vertrauten, woraufhin das Geld überwiesen wurde. Empfänger war eine Firma mit Sitz in Tallinn, an der Erhart zu 50 Prozent beteiligt war. Das Honorar wurde zwar in Estland versteuert, der Rest, insgesamt 164 000 Euro, ist aber zurück nach Deutschland auf Erharts Konten geflossen – soweit die Anklage.

 > Erharts Auftritt: Als der Angeklagte den Saal betritt, wirkt er gefasst. Er trägt ein graues Hemd und eine modische Frisur, die Haare sind an den Seiten kurz und in der Mitte lang. Das Blitzlichtgewitter, das über ihm niedergeht, nimmt Erhart äußerlich ungerührt hin. Beim Verlesen der Anklage macht er dann aber eine betretene Miene und wird rot im Gesicht. Als der Vorsitzende Richter Oliver Ratzel ihn im weiteren Verlauf der sechsstündigen Verhandlung fragt, wofür er das ganze Geld ausgegeben hat, ist bei Erhart ebenfalls eine Verunsicherung zu spüren. Das Thema ist ihm peinlich, er weicht aus. Ansonsten antwortet er aber auf alle Fragen ruhig und ausführlich.

Zu Beginn spricht der Angeklagte über seine persönlichen Verhältnisse. Als Adresse nennt er die Justizvollzugsanstalt Mannheim, in der er seit neun Monaten in Untersuchungshaft sitzt. Seine Eltern würden ihn dort besuchen, außerdem Mitglieder des Jesuitenordens, dem er früher angehörte, ehe er erkannte, dass die damit verbundenen Gelübde nicht zu ihm passen, vor allem das Armutsgelübde. Als Jesuit hatte Erhart sein komplettes Einkommen, das er etwa als Religionslehrer an einem Mannheimer Gymnasium bezog, an den Orden abzutreten. Ihm sei nur ein Taschengeld von etwas mehr als 100 Euro geblieben, erzählt er.

 > Erharts Finanzen: Am ersten von 20 Verhandlungstagen geht es Richter Ratzel darum, den Angeklagten und seine Lebensverhältnisse kennenzulernen. Deshalb fragt er Erhart, was er zuletzt verdient hat. Antwort: Sein Nettogehalt als Dekan habe 3500 bis 4000 Euro betragen, und etwa die gleiche Größenordnung habe sein Einkommen aus seiner (Ein-Mann-)Beraterfirma "Erhart und Partner" gehabt, eine Tätigkeit, die er parallel zu seiner Arbeit als Seelsorger ausübte.

Erhart hat mehrere Konten besessen, die von der Kripo in den vergangenen Monaten durchleuchtet worden sind. Das Ergebnis macht Ratzel jetzt öffentlich: Von 2013 bis 2017 kamen 1,395 Millionen Euro rein, wobei 2015 mit Einkünften von 329 000 Euro das beste Jahr war. Trotzdem war bei Erhart offenbar notorisch Ebbe in der Kasse. Am Dienstag erzählt er, dass er Geld hin- und hertransferiert habe, um überzogene Konten auszugleichen.

Wo ist das ganze Geld geblieben? Auf diese Frage Ratzels hat der Angeklagte keine überzeugende Antwort. Erhart sagt, dass er einem Freund geholfen habe, der seine Miete nicht zahlen konnte. Einen weiteren Freund habe er unterstützt, da dessen Fußpflegestudio nicht gut gelaufen sei. Bei eigenen Ausgaben habe er nicht aufgepasst. So habe er sich einen (teuren) Apple-Computer gekauft und bei Reisen nicht darauf geachtet, was das Hotel kostet. "Ich kann nicht mit Geld umgehen", sagt Erhart, der ein erfolgreicher Unternehmensberater mit Tagespauschalen zwischen 1600 und 2200 Euro brutto war.

Seit er im Gefängnis ist, habe er keine Einnahmen, dabei würden immer wieder Mahnschreiben eintreffen. Das Finanzamt fordere mehr als 70 000 Euro von ihm, so Erhart, der auf die Frage nach seiner beruflichen Zukunft meint, er wolle "im Bereich Coaching und Unternehmensberatung" tätig sein.

 > Die Verteidiger: An seiner Seite hat der Angeklagte Edgar Gärtner und Carolin Hierstetter, Mannheimer Fachanwälte für Strafrecht. Gärtner plaudert in einer Verhandlungspause mit Journalisten und sagt dabei über seinen Mandanten, dass er "ein hochintelligenter und bemerkenswerter Mann, aber nicht frei von Sünde" sei. Erhart werde in dem Verfahren einige Anklagepunkt einräumen, andere widerlegen. Über seine eigene Strategie sagt Gärtner, es werde "keine Freispruch-Verteidigung".

 > Erharts Erklärung: Vor allem um Erharts Rolle beim Caritasverband Lahr geht es. Der Angeklagte war dort sowohl Vorsitzender des Caritas-Rats, ein Gremium mit Aufsichtsfunktion, als auch (ehrenamtlich) im operativen Geschäft tätig – in dieser Funktion hat er etwa Personal aquiriert. Eine Doppelfunktion, die nicht satzungsgemäß war, "der Interessenskonflikt ist offensichtlich", stellt Ratzel fest.

Am Ende des ersten Verhandlungstags räumt Erhart ein, dass er Rechnungen für seine estnische Firma beim Caritasverband Lahr eingereicht habe. Sein Fehler sei es gewesen, nicht transparent zu machen, dass er an dem Unternehmen beteiligt war.