Offenburg Mit "Händen lesen" öffnet Welten

Stefan Rendler überprüft den Text, den er gerade auf seiner Braille-Maschine in Blindenschrift geschrieben hat. Foto: Peterkord Foto: Lahrer Zeitung

"Ohne seine Schrift geht nichts", meint der Offenburger Bezirksgruppenleiter für den Blinden- und Sehbehindertenverein, Stefan Rendler zum Welt-Braille-Tag. Louis Braille, Erfinder der Blindenschrift, wurde heute vor 211 Jahren geboren.

Offenburg. Vorsichtig streicht der 47-Jährige mit den Fingern über das Blatt. Stefan Rendler ist seit mehr als 20 Jahren blind und hat sich, wie Millionen Menschen weltweit, an die Brailleschrift herantastet. Er liest und schreibt diese Schrift fließend. Die nach ihrem Erfinder benannte Brailleschrift ermöglicht zahlreichen Menschen rund um den Globus das lesend und schreibend teilzuhaben und verändert damit ihre Welt nachhaltig. Deswegen will Rendler auf die Schrift auch nicht mehr verzichten. "Sicherlich gibt es viele digitale Hilfsmittel mit Sprachwiedergabe und anderen Funktionen, aber für mich ist die Brailleschrift nicht zu ersetzen." Trotz des Vordringens digitaler Medien kommt der traditionellen Blindenschrift für die gesellschaftliche Integration von blinden und sehbehinderten Menschen nach wie vor eine wesentliche Bedeutung zu.

Das "Lesen mit den Händen" ist für ihn fester Bestandteil im Alltag. "Für Menschen, die im hohen Alter erblinden, ist das schwer zu lernen. Aber als Hilfsmittel ist die Schrift unheimlich wertvoll. So auch an der Tastatur von Bankautomaten. Auf dem Zifferblock ist die Fünf nicht nur für Sehende zu erkennen, sondern auch für Blinde zu erfühlen.

Louis Braille erblindete bereits im Alter von gerade einmal vier Jahren. Er verletzte sich in der Werkstatt seines Vaters mit einer Ahle und verlor daraufhin sein Augenlicht. Zwei Begegnungen waren es, die ihn wohl zu einer grandiosen Idee inspirierten. Einer seiner Mitschüler berichtet ihm von manchmal üblichen geprägten Buchstaben, die er durch Ertasten lesen konnte und ein Hauptmann der französischen Armee machte ihn mit der von ihm entwickelten "Nachtschrift" bekannt. Die Erfindung von Charles Barbier stützte sich zum Teil auf das Abtasten von Punkten, um Buchstaben zu lesen.

Braille entwickelte diesen Ansatz zu einem Schriftsystem, mit dem man durch sechs abtastbare Punkte in zwei Reihen Buchstaben darstellen konnte. Der damals gerade einmal 16-Jährige verhalf damit vielen Betroffenen dazu, wieder lesen zu können.

Braille als Vollschrift wird im Durchschnitt mit achteinhalb Jahren erlernt, die Kurzschrift im Schnitt einige Jahre später. "Beschriftungen in Braille in Aufzügen, an Türen oder auf Medikamentenpackungen sind extrem wichtig für uns", betont Render. Deswegen freut er sich auch, wenn er auf fehlende Beschriftungen dieser Art aufmerksam gemacht wird. Als Bezirksgruppenleiter setzt er sich in der gesamten Ortenau für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen ein.

Die Weltblindenunion (WBU) rief den 4. Januar zum Aktionstag aus, um auf die zentrale Bedeutung der Brailleschrift und das Schicksal blinder und stark sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen. Wer blind ist kann mit Hilfe der Blindenschrift von klassischer bis moderner Literatur, über Fachliteratur Gedrucktes lesen.

  • Bewertung
    1