Offenburg Kein Platz mehr für Frauen in Not

Ortenau/Offenburg - 36 Frauen aus der Ortenau und ihre Kinder sind im vergangenen Jahr ins Offenburger Frauenhaus geflüchtet, fast alle von ihnen wurden zuvor Opfer psychischer und körperlicher Gewalt. Die Corona-Krise macht die Situation für sie noch schlimmer.

Auswirkungen der Krise sind spürbar 

"Zunächst ist es erfreulich, dass wir im Frauenhaus keinen Corona-Fall haben", erklärt Petra Fränzen vom Verein "Frauen helfen Frauen Ortenau". Sie spürt dennoch die Auswirkungen der aktuellen Situation: Im Vergleich hätten die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses rund 30 Prozent mehr Anfragen von Hilfesuchenden bekommen. Die Zimmer im Frauenhaus seien aktuell restlos belegt.

Anlaufstelle ist im Januar umgezogen

Erst im Januar sei die Frauenhilfe in ein neues Haus in Offenburg gezogen, das alte Haus habe man inzwischen noch zusätzlich bezogen. Insgesamt seien nun 47 Plätze von Frauen und ihren Kindern in den beiden Häusern belegt. "Glücklicherweise konnten wir alle verfügbaren Zimmer trotz der Hygienemaßnahmen nutzen, weil jede Frau ihr eigenes Bad hat."

Fränzen und ihre Kolleginnen hätten aber bereits rund zehn weitere Frauen wegen der Vollbelegung abweisen müssen, im gesamten vergangenen Jahr mussten 34 Frauen abgelehnt werden. "Das sind die schwersten und traurigsten Gespräche für uns. Wir versuchen dann, auch weiterhin den Kontakt zu halten. Zimmer reservieren können wir aber natürlich nicht."

Für eine Aufnahme bestehen bestimmte Voraussetzungen 

Für eine Aufnahme in das Frauenhaus, dessen Standort zur Sicherheit aller Bewohnerinnen geheim ist, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein: "Zuerst müssen wir telefonisch ein Gespräch führen, dann überlegen wir eigentlich mit den Frauen persönlich in der Beratungsstelle, ob wir ihnen zunächst ambulant helfen können. Die Frauen müssen auch eine Wohnung vorweisen, denn wir nehmen keine obdachlosen auf", erklärt Fränzen. Viele Frauen bringen auch ihre Kinder mit, die Jungen dürfen aber nur bis zu zwölf Jahre alt sein.

Öffentlichkeit als wichtiger Faktor 

Zu Beginn der Krise habe vor allem die psychosoziale Begleitung gelitten und es konnten keine persönlichen Gespräche stattfinden. Inzwischen geht das mit Spuckschutz und einer kurzen Unterhaltung an der Tür. Dennoch ist sie froh, wenn die Regeln weiter gelockert werden, sagt Fränzen. In der momentanen Situation würden die Probleme der Frauen nicht mehr nach außen treten, denn die Öffentlichkeit sei ein wichtiger Faktor.

Die Gewalt der Männer gegen ihre Frauen und deren Duldsamkeit seien ein Teufelskreis, aus dem sich viele Frauen erst nach langer Zeit auszubrechen trauten. "Manche brauchen dafür bis zu sieben Jahre. Viele Frauen ertragen die Gewalt bei sich, aber wenn sich der Partner zum Beispiel auch gegen die Kinder richtet, ist es für manche vorbei".

Kurzarbeit verschlimmert die Situation der Frauen

Der trinkende, prügelnde und sozial schwach gestellte Ehemann sei bei Weitem nicht die Realität: "Nicht nur die Häufigkeit, mit der häusliche Gewalt vorkommt, wird unterschätzt, sondern auch über den betroffenen Personenkreis herrschen falsche Vorstellungen. Gewalt macht weder vor Bildung noch vor Wohlstand Halt", erklärt Fränzen. Die Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit in Kombination mit der ungewohnt vielen Zeit Zuhause und der Familie verschärfe die Situation weiter.

Frauen bleiben, bis sie auf eigenen Beinen stehen

Die meisten Bewohnerinnen im Frauenhaus verhielten sich entgegen der naheliegenden Vermutung aber nicht ausschließlich demütig und dankbar. Einige seien vielmehr wie "pubertierende Teenager, die sich nichts sagen lassen und ihre neu gewonnene Freiheit entdecken", so Fränzen. Dennoch gelten für Alle bestimmte Regeln, das Miteinander sei ähnlich wie in einer Wohngemeinschaft – nicht immer konfliktfrei, aber überwiegend gut. Bis zu sechs Monate blieben die Frauen in der Zufluchtsstätte in Offenburg – so lange, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen.

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