Offenburg Alkohol bleibt größtes Problem

Andreas Wahl-Kordon ist Arzt und Experte in Suchtfragen. Foto: Oberbergkliniken

Ortenau. Zum 29. Mal jährt sich morgen der Anti-Drogen-Tag der Vereinten Nationen. Der Suchtexperte und Ärztliche Direktor der Oberbergkliniken in Hornberg, An­dreas Wahl-Kordon, äußert sich im Gespräch mit unserer Zeitung zum Konsum von legalen und illegalen Drogen in der Ortenau.

Welche Drogen werden im Ortenaukreis besonders konsumiert?

Unsere Erfahrung in der Klinik besagt, dass sich Suchtprobleme durch alle Regionen ziehen und in allen Gesellschaftsschichten vorkommen. Detaillierte Statistiken liegen auf Kreisebene allerdings nicht vor.

Weinanbau ist in der Ortenau sehr verbreitet, auch viele Brauereien sind hier ansässig. Schlägt sich das im Konsumverhalten der Ortenauer nieder?

Zunächst einmal ist es aus medizinischer Sicht egal, ob man sich mit gutem badischen Wein oder mit billigem Fusel betrinkt. Problemtisch ist vor allem, dass Alkohol in Deutschland nicht tabuisiert ist. Im Gegenteil, sein Konsum ist praktisch allgegenwärtig und toleriert.

Besteht also kein Zusammenhang zwischen Anbaugebiet und Konsumverhalten?

Der Konsum ist in solchen Regionen wohl weiter verbreitet und kulturell tiefer verwurzelt. Dies kann die Grenzen des Konsums verschieben. Exakte Daten gibt es dazu aber keine.

Wie entwickelt sich aus Ihrer Sicht der übermäßige Konsum von Alkohol?

Alkohol ist weiterhin ein riesiges Problem. Noch weit vor illegalen Drogen. Und die Tendenz ist dabei nicht positiv.

Wieso trinken so viele Menschen mehr, als ihnen guttut?

Die Menschen neigen einfach dazu, Rauschmittel zu konsumieren. Solange es Drogen gibt, wird immer ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung süchtig sein. Das liegt auch an der Genetik und der Biologie unseres Gehirns. Es gibt Menschen, die einen Stoffwechsel im Gehirn haben, der eher dazu neigt, eine Sucht zu entwickeln. Bei anderen ist das eben weniger der Fall. Es gibt natürlich auch Unterschiede zwischen den einzelnen Substanzen: Crystal Meth zum Beispiel dringt direkt in die biochemischen Suchtmechanismen im Gehirn ein und macht sehr viel rascher abhängig als etwa Alkohol.

Welche Prozesse spielen sich bei der Entstehung einer Sucht im menschlichen Gehirn ab?

Wir haben ein sogenanntes Belohnungssystem in unserem Gehirn. Hat eine gewisse Substanz ein schönes Gefühl hervorgerufen, signalisiert das System, dass es dieses Gefühl immer wieder haben möchte. Das kann schnell aus dem Ruder laufen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird der Zwang, eine gewisse Sub­stanz haben oder ein gewisses Verhalten an den Tag legen zu müssen, immer größer. Das Gehirn fordert den Wohlfühl­effekt immer stärker ein.

Welche Wege können aus diesem Teufelskreis führen?

In der Regel ist bei stoffgebundenen Abhängigkeiten eine vollständige Abstinenz das Ziel. Wenn die Suchterkrankung noch nicht fortgeschritten ist, reicht dazu manchmal schon die eigene Einsicht. Vielen Menschen hilft auch der Besuch von Selbsthilfegruppen. Bei schweren Suchterkrankungen mit entsprechenden Folgeschäden sind jedoch stationäre Therapien unerlässlich. Nur so und mit einer guten Nachsorge lässt sich die Sucht überwinden.

Wie ist die Entwicklung beim Konsum von illegalen Drogen und Medikamenten?

Auffallend ist, dass sich eine Verschiebung hin zu stimulierenden Substanzen abzeichnet. Amphetamine etwa oder Metamphetamine werden für Partys, aber auch für die Arbeit genommen. Es gehe häufig darum, das Maximale aus sich herauszuholen. Erleichtert wird das Ganze dadurch, dass die Verfügbarkeit von Drogen insgesamt sehr hoch ist.

Warum schrecken viele Menschen selbst vor derart gefährlichen Substanzen nicht zurück?

Vielen Menschen ist die Gefahr nicht bewusst. In Deutschland sind wir in den letzten Jahren gerade bei Heroin und Kokain auf einem relativ niedrigen Niveau angekommen. Das kann dann schnell bagatellisiert werden. Wohin das führt, sehen wir – es werden wieder mehr harte Drogen konsumiert. Die Drogenmafia trägt natürlich dazu bei: Mit den immer größeren Möglichkeiten, die das Internet bietet, steuert sie ihre Zielgruppen direkt an.

Sind bestimmte Berufs- oder Bevölkerungsgruppen besonders suchtgefährdet?

Ja. Menschen, die bereits suchtkranke Personen in der Familie haben, müssen vorsichtig sein. Denn der genetische Anteil der Sucht ist hoch. Zudem sind Bevölkerungsgruppen betroffen, in denen es selbstverständlich ist, dass viel und früh konsumiert wird – Familien etwa, die Kindern den täglichen Konsum wie selbstverständlich vorleben. Und auch psychisch erkrankte Menschen sind stärker suchtgefährdet. In der Personengruppe mit hohem sozioökonomischen Status wird die gesundheitlich verträgliche Alkoholzufuhrmenge besonders häufig überschritten.

Die Fragen stellte Frank Schoch.

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