Offenburg Immer mehr Kinder in Heimen

Das Ortenauer Jugendamt ist mit immer schwierigeren Fällen konfrontiert, erklärt dessen Leiter Heiko Faller. Foto: Polizei

Offenburg - Der Jugendhilfe-Etat des Kreises wird in den kommenden beiden Jahren weiter steigen. Jugendamtsleiter Heiko Faller sieht zwei Gründe dafür: Zum einen werden die Fälle immer komplexer, zum anderen sind immer mehr Eltern überfordert.

Nettoressourcenbedarf ist seit 2012 um 72 Prozent gestiegen

Lagen die Ausgaben für die Jugendhilfe in der Ortenau 2019 noch bei 36,5 Millionen Euro, so werden diese im nächsten Doppelhaushalt erneut ansteigen. Fast zehn Prozent kommen 2021 oben drauf, berichtete Jugendamtsleiter Heiko Faller in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses.

2022 sollen die Ausgaben dann von den rund 40 Millionen Euro erneut um etwa vier Prozent auf 41,3 Millionen steigen. Damit setzt sich ein seit Jahren anhaltender Trend fort: "Der Nettoressourcenbedarf der Jugendhilfe ist seit 2012 um 72 Prozent gestiegen", erklärte Faller weiter.

Vor allem zwei Bereiche seien für die Kostensteigerung verantwortlich: Die Heimunterbringung (allein vier Millionen Euro von 2018 bis 2020) und die Eingliederungshilfen für Kinder mit seelischer Behinderung (plus 1,4 Millionen Euro).

Faller bietet auch eine Erklärung dafür: "Wir haben es in der Jugendhilfe mit immer komplexeren Fällen zu tun", konstatiert er. Dabei würden immer individuellere Hilfen nötig, die dann mehr kosten. "Wir nehmen aber auch eine Zunahme von Eltern im Ortenaukreis wahr, die mit ihren Kindern überfordert sind", ergänzt der Jugendamtsleiter.

Das Ergebnis seien eine steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die in Heimen untergebracht werden. "Weil wir immer anspruchsvollere Fälle und Kinder haben, die in den Familien einfach nicht mehr betreut werden können.

Durch die Pandemie mehr Gewalt in Familien

Da braucht es das professionellere Umfeld in den Heimen." Als Ursache sehe er wiederum eine gesellschaftliche Entwicklung: Kinderarmut, Medialisierung und Zuwanderung.

Faller erkennt darin eine "besorgniserregende Entwicklung". Doch wie kann man dem begegnen? "Wir werden versuchen uns noch stärker sozialraumorientiert aufzustellen" Wo gibt es welchen Unterstützungsbedarf? Wo welche Hilfen? Nächstes Jahr wolle seine Behörde dazu ein Konzept vorlegen. Auch setze er verstärkt auf Prävention, den hohen Bedarf wolle man erst gar nicht entstehen lassen, so Faller.

"Die große Herausforderung wird sein, dass die Heimzahlen nicht weiter steigen", prognostizierte die Offenburger Alt-OB Edith Schreiner für die CDU. "Ich gehe davon aus, dass uns Corona da noch mehr bescheren wird".

Führe doch die durch die Pandemie zusätzlich zugespitzte Situation zu mehr Gewalt in den Familien. "Die Entwicklung der Heimunterbringung erschreckt einen schon", konstatierte Grünen-Sprecherin Heike Dorow.

Die plädierte dafür, die Präventionsmaßnahmen so niederschwellig wie möglich zugänglich zu machen. Lukas Oßwald von der Linken Liste Ortenau adressiert eine vermeintliche Wurzel des Problems: "Die Kinderarmut ist die wesentliche Ursache für diese Entwicklung."

Ausschussmitglied Martin Adam prognostizierte, dass die Kostensteigerung in der Heimunterbringung nicht dauerhaft so weitergehen werde.

Experte befürchtet zukünftige Personalnot

A dam selbst ist Leiter einer stationären Jugendhilfeeinrichtung und als sachkundiger Bürger Teil des Gremiums. "Es wird schlicht kein Personal mehr geben, das bereit ist, sich der Herausforderung zu stellen", brachte der Psychologe seine Einschätzung auf den Punkt.

Auch er sieht eine dramatische Entwicklung bei den Jugendhilfefällen, ähnlich wie Jugendamtsleiter Faller. Früh einzugreifen könne helfen, doch oft würden Eltern die Hilfe nicht annehmen, das Problem gar nicht wahrhaben wollen.

Der Ausschuss sprach sich schließlich einstimmig für die vorgestellten Eckpunkte des Jugendhilfehaushalts 2021/22 aus.

Die Fraktionen von CDU, Freien Wählern, Grünen, SPD und FDP haben vorgeschlagen, die Kinderschutzambulanz zu einem "Childhood Haus" zu erweitern. Dort erhalten von Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche koordinierte Hilfe.

Außerdem können Ermittlungsverfahren gebündelt werden, um in Prozessen nicht mehrfach aussagen zu müssen. Ein Förderantrag bei der "Childhood Foundation" wurde bereits eingereicht – eine Bedingung für eine Förderung ist die künftige Bezeichnung "Childhood Haus". Eine Förderung einer Teilzeitstelle Sozialpädagogik bis 2022 wurde auch bereits zugesichert. Eine Kreisförderung ist damit bis dahin nicht nötig.

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