Offenburg Herrenknecht-Auftritt sorgt für Wirbel

Er weiß zu polarisieren: Unternehmer Martin Herrenknecht (links) ließ manchen Zuhörer der Podiumsdiskussion im Landratsamt mit offenem Mund zurück. Foto: Landratsamt Foto: Lahrer Zeitung

Markige Worte zu Politik und Verwaltung hat der Schwanauer Unternehmer Martin Herrenknecht beim Neujahrsempfang des Landkreises losgelassen. Sie sorgen im Nachgang für Kopfschütteln und Diskussionen bei zahlreichen Politikern der Region.

Ortenau. Es war ein festlicher Abend, am Dienstag im Landratsamt, zu dem Landrat Frank Scherer geladen hatte. 600 Gäste strömten nach Offenburg. Es gab Reden, Unterhaltung, Musik und eine Talkrunde mit Wirtschaftsvertretern. Diese sollten sich darüber unterhalten, weshalb die Ortenau weltweit so erfolgreich ist. Auf den Sofas saßen neben IHK-Präsident Steffen Auer die Unternehmer Nicolas Erdrich, Simone Schreiber und Martin Herrenknecht.

Vor allem der Schwanauer Unternehmer sorgte für Aufsehen. In mehreren Wortmeldungen wetterte er, dass "Deutschland seine Zukunft verpasst" und unter einer "Scheiß-Infrastruktur" leide. Vieles gehe viel zu langsam, und dafür seien Politik und Verwaltung verantwortlich. Im Ausland werde man als Deutscher schon belächelt. Immer wieder polterte Herrenknecht in Richtung Politik. Für die Arbeit der hiesigen Bundestagsabgeordneten hatte er nur ein "mittelmäßig" übrig. Er pries die Leistung der Chinesen und erklärte, wie vorbildlich es dort in Sachen Infrastruktur und Neuerungen laufe. In der Ortenau hingegen seien Straßen- und Bahnprojekte eine Katastrophe. Die Planer für den A 5-Ausbau nannte er "Kamele".

Unterstützung bekam Herrenknecht von Unternehmerin Simone Schreiber von der Rheinauer Maschinen- und Anlagenbaufirma, die von deutlich schnelleren Baufortschritten bei derlei Vorhaben im Nahen Osten berichtete und meinte: "Uns geht’s hier zu gut."

Schon bei der Talkrunde selbst stutzte mancher Zuhörer über die Euphorie, mit der da von Regionen wie China und Nahem Osten geschwärmt wurde. Im Nachgang des Abends, bei anderen Neujahrsempfängen, kochte dieser Unmut hoch, wurde in Gesprächen unserer Redaktion mit Politikern deutlich.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Weiß meinte, dass man sich China nicht als Vorbild nehmen dürfe: "Dann müssten wir auf Umweltstandards, rechtsstaatliche Verfahren, Bürgerinitiativen und anderes mehr verzichten, was in unserem Land zum Glück möglich ist." Sein Kollege von der SPD, Johannes Fechner, nahm’s sportlich: "Viele haben mir auf den Rücken geklopft und gemeint: Mittelklasse von Herrenknecht ist wie ein Ritterschlag." Generell begrüßte Fechner die klaren Worte: "Wir hinken beim Ausbau von Autobahn und Rheintalbahn hinterher. Da ist es gut, wenn jemand Druck macht." Wie China seine In­frastruktur vorantreibe, sei beachtlich, sagt Fechner, "allerdings wollen wir hier natürlich keine Menschenrechtsverletzungen". Bei anderen Zuhörern der Talkrunde sorgten die Herrenknecht-Ansichten für Kopfschütteln, wie sich bei einer Umfrage unserer Zeitung in den Kreistagsfraktionen zeigte.

Grüne kritisieren Loblied auf China und Nahost

Die Vize-Vorsitzende der Grünen, Dorothee Granderath, "musste eine Podiumsdiskussion ertragen, bei der man das Gefühl hatte, dass wichtigen Wirtschaftsvertretern große Probleme unserer Zeit weitgehend unbekannt oder gleichgültig sind". Wenn "auf China und Nahoststaaten das Lob gesungen" werde, dürfte dies "bei Mitarbeitenden in der Kreisverwaltung für einigen Frust gesorgt haben", weil diese "bei oft hoher Arbeitsbelastung fachlich kompetent" arbeiteten. Herrenknecht, so die Grüne, "vertraute offensichtlich darauf, angesichts seines wirtschaftlichen Erfolgs eine Art Narrenfreiheit zu genießen".

Nicht so krass, aber durchaus kritisch urteilt Jürgen Nowak, Fraktionschef der Freien Wähler, über den "herausragenden Unternehmer Martin Herrenknecht": Die "interessanten Ausführungen" hätten "leider in einigen Passagen durch dessen unpassende Wortwahl Schaden genommen." Für Oberkirchs OB Matthias Braun (CDU) ist "Deutschland mit China nicht zu vergleichen". Er nehme "gerne die Dauer von demokratischen Prozessen in Kauf, auch wenn manches schneller gehen könnte und müsste". Wolfgang Brucker als CDU-Fraktionschef sagt: "Wer Martin Herrenknecht kennt, weiß, dass er ein Freund deutlicher Worte ist. Das gefällt dem einen mal mehr, dem anderen mal weniger." Angesichts des Beifalls habe es am Dienstag wohl vielen Zuhörern eher gefallen.

SPD-Chef Günter Gorecky findet, dass man "nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen" sollte. So ist Jürgen Strosack (FDP) von Herrenknecht "klare und bisweilen auch polemische Äußerungen" gewohnt. Er könne "verstehen, dass das nicht alle mögen". In der Sache habe Herrenknecht in vielem recht. "Und glatt geschliffene Reden, die ängstlich um politische Korrektheit bemüht sind, sind auch nicht das Gelbe vom Ei."

Brucker: Wer einlädt, bestimmt das Programm

Für Gesprächsstoff sorgte auch der Auftritt von Europa-Park-Tänzern. Granderath sieht "ein ordentliches ›Geschmäckle‹, wenn der Europa-Park einen Werbeauftritt beim Neujahrsempfang des Landrats hat." Vor allem wenn "die Bürgerschaft beim Seilbahn-Projekt des Europa-Parks Vertrauen in die Unvoreingenommenheit des Landratsamts haben soll".

Für die anderen Kreisräte war der Auftritt indes kein Problem. Nowak sieht ihn "unkritisch", Gorecky als "nicht unpassend" an. Brucker findet, "die Ausgestaltung eines Neujahrsempfangs obliegt dem, der einlädt", und Braun fragt: "Warum soll das einem Landrat nicht erlaubt sein?" Strosack empfindet den Vorwurf, der Auftritt gefährde die nötige Distanz zwischen Verwaltung und Wirtschaft, gar als "hanebüchen".

Zum Auftritt von Martin Herrenknecht: "Ich kenne ihn schon lange und kann seine Äußerungen daher interpretieren. So einen Typ kann man nicht verbiegen und muss mit seinen Worten umzugehen wissen. In der Sache hat er in einigen Punkten recht. Der Ausbau der Infrastruktur könnte schneller gehen. Aber natürlich wünsche ich mir keine Zustände wie in China, gerade was die Menschenrechte betrifft."  Zum Auftritt des Europa-Park-Balletts: "Ich würde das wieder buchen, wenn es in der Ortenau kein anderes Ballett gibt, das so eine Show abliefert. Generell kaufen wir weiterhin Waren und Dienstleistungen von Ortenauer Unternehmen ein."

  • Bewertung
    37