Offenburg Haben Polizisten richtig gehandelt?

Verhandelt wird der Fall Yves R. coronabedingt in der zum Gerichtssaal umfunktionierten Reithalle Offenburg. Foto: Ditfurth

Offenburg - Im Zentrum des zweiten Verhandlungstags im Fall des "Waldläufers von Oppenau" stand das Verhalten der vier Polizisten bei der eskalierten Kontrolle am 12. Juli. Dieses hatte bereits im Sommer Fragen aufgeworfen – nun übte die Verteidigung Kritik.

Die Staatsanwaltschaft Offenburg wirft dem mittlerweile 32-jährigen Yves R. unter anderem Geiselnahme sowie gefährliche Körperverletzung vor. Mit einer Schreckschusswaffe soll er am 12. Juli vier Beamte bei einer Kontrolle in einer von ihm illegal besetzten Waldhütte in Oppenau gezwungen haben, ihm ihre Pistolen auszuhändigen.

Mit den Waffen flüchtete er in den Wald – und blieb darin tagelang verschwunden. Ein Großaufgebot der Polizei durchkämmte die Umgebung. Erst am sechsten Tag seiner Flucht wurde R. unweit von Oppenau gefasst. Bei seiner Festnahme soll er einen SEK-Beamten mit einem Beil am Fuß verletzt haben. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft hatte R. in seiner Erklärung beim Prozessauftakt größtenteils eingeräumt.

Die Polizeibeamten hätten absolut richtig gehandelt, hieß es im Sommer vom Polizeipräsidium Offenburg. Am Freitag wurde deutlich, dass die beiden Verteidiger des "Waldläufers" das nicht uneingeschränkt gelten lassen wollen.

Körperkontrolle gegen vorherige Absprache?

Kritische Fragen musste vor allem der Beamte beantworten, der von Yves R. vergangene Woche in einer Erklärung als "herablassend" beschrieben worden war. Er habe sich von seinen "Sticheleien" provoziert gefühlt, so R.. Mit dem Einsatzleiter sei die Kommunikation zuvor entspannter gelaufen, diesem gegenüber hatte sich R. auch ausgewiesen.

Während der Einsatzleiter draußen vor der Hütte mit der Zentrale sprach, habe er eigenständig mit einem zweiten Kollegen entschieden, die Durchsuchung an Yves R. vorzunehmen, erklärt der besagte Polizeibeamte auf Nachfrage der Verteidigung. R. habe das abgelehnt, der Beamte ihm daraufhin gedroht, ihn dann herausholen zu müssen.

Als die beiden Polizisten sich auf ihn zu bewegten, sei die Situation eskalierte.

Der Angeklagte hatte bereits vergangene Woche erklärt, dass er Angst gehabt habe, festgenommen zu werden – für den mehrfach vorbestraften R. eine Horrorvorstellung. Wegen gefährlicher Körperverletzung verbrachte er bereits dreieinhalb Jahre im Gefängnis.

R. sei nicht erklärt worden, warum konkret er durchsucht werden solle, so die Verteidigung am Freitag. Die Körperkontrolle zu diesem Zeitpunkt habe zudem gegen eine Absprache zwischen dem Einsatzleiter und ihrem Mandanten verstoßen.

Schlag mit der Axt sei eine willentliche Handlung gewesen

Zunächst sei R.s Rucksack durchsucht worden, schilderte der Einsatzleiter. Der zunächst widerwillige R. habe vorgeschlagen, sich selbst durchsuchen zu lassen, sobald er diesen wiederbekäme. Um zu deeskalieren habe er sich darauf eingelassen, erklärte der Einsatzleiter.

Er sei daraufhin vor die Tür, um beim Durchsuchen des Rucksacks zu helfen. Eine konkrete Absprache über das weitere Vorgehen habe es unter den Polizeikollegen aber nicht gegeben.

Neben den Zeugenaussagen der von Yves R. entwaffneten Beamten wurde auch ein rechtsmedizinisches Gutachter aus Freiburg gehört. Dieser attestierte dem Angeklagten, dass der Schlag mit der Axt nach einem SEK-Beamten am Tag seiner Verhaftung kein "Reflex" gewesen sei.

Der Elektroschocker habe offensichtlich nicht die volle Wirkung erzielt, erläutert der Rechtsmediziner. Der Schlag mit der Axt sei eine willentliche Handlung gewesen, Alternativen – verharren oder flüchten – wären möglich gewesen. "Man kann nicht von Reflex im medizinischen Sinn sprechen, aber es ist als Reaktion zu verstehen", erläuterte er.

Der Schmerz selbst bei voller Wirkung eines Elektroschockers sei vergleichbar mit einem Krampf, nur eben am ganzen Körper. Grundsätzlich seien Elektroschocker hilfreich, um auf die Schusswaffe verzichten zu können.

So geht's weiter

Der nächste Verhandlungstermin findet als "Kurztermin" am Dienstag, 9. Februar, statt. Der dann folgende vierte Termin am 15. Februar ist sowohl der Kriminaltechnik, als auch den "Umfeldzeugen" des Angeklagte vorbehalten. Ein Urteil wird für den 19. Februar erwartet.

  • Bewertung
    5