Offenburg Details im Kehler Bankräuber-Fall

Der Angeklagte mit seinem Verteidiger. Foto: Sadowski Foto: Lahrer Zeitung

Alternativlosigkeit und Verzweiflung seien die Triebfedern des Kehler Bankräubers gewesen. So ein Sachverständiger vor dem Landgericht. Die Staatsanwaltschaft forderte am Montag dennoch sieben Jahre Haft.

Offenburg. Ein 41-jähriger Mann aus Straßburg soll im Februar vergangenen Jahres mit Komplizen im Kokain-Rausch eine Bankfiliale in Kehl überfallen haben. Zur Zeit verhandelt das Landgericht Offenburg seinen Fall. Bereits beim Auftakt vorletzte Woche zeigte sich der Angeklagte geständig – seine Komplizen verriet er jedoch nicht (wir berichteten).

Nun hat ein Sachverständiger klären sollen, inwiefern seine Schuldfähigkeit durch Drogenkonsum zum Tatzeitpunkt beeinträchtigt war und ob die Unterbringung in einer Entzugsklinik angebracht sei. Sein Fazit: aufgrund des massiven Kokainkonsums sei der Angeklagte vermindert schuldfähig gewesen. Eine Unterbringung in einer Entzugsklinik empfahl er dringend, um so weitere Straftaten verhindern zu können. Eine eventuelle Abschiebung nach Frankreich gehe "nach hinten los", so der Experte.

Der Sachverständige skizzierte die Stationen eines Lebens voller Gewalt und fehlender Chancen: Als Kind eines alkoholabhängigen Vaters kam der Angeklagte früh mit häuslicher Gewalt in Berührung. Seine Mutter, seine fünf Geschwister und er hätten in "ständiger Angst vor den Übergriffen des Vaters" gelebt, so der Sachverständige. Irgendwann sei es zur Eskalation gekommen: der Vater verletzte den jüngsten Bruder mit einem Messer.

Das Jugendamt griff ein und die Kinder seien in Heimen untergebracht worden. In der geschlossenen Einrichtung sei der Angeklagte im Alter von elf Jahren körperlicher Gewalt anderer Kinder ausgesetzt gewesen, den rauen Sitten habe er sich irgendwann angepasst. Im Heim seien Straftaten, wie ein Diebstahl, eine Art Sport gewesen. Deswegen sei der Angeklagte mit 16 Jahren das erste Mal ins Jugendgefängnis gekommen. Andere Insassen hätten ihn dort körperlich misshandelt.

Als er dann das erste Mal im Erwachsenenvollzug landete, sei das wie eine "Akademie" für ihn gewesen. Er habe sich von älteren Mitgefangenen beibringen lassen, wie man eine Bank überfällt, zudem habe ihm ein Insasse in Nahkampftechniken unterrichtet. Das Resultat nach seiner Entlassung: sechs Banküberfälle in Frankreich nach dem immer gleichen Schema. Mit nicht funktionsfähigen Waffen aber "maximalem Bedrohungsmoment" erbeuteten er und Komplizen bis zu 120 000 Euro. Das Geld sei schnell verjubelt worden. "Der Angeklagte hat das Geld auch zu erheblichem Anteil an seine Familie verteilt."

Auch in Altenheim schlug der Bankräuber bereits vor acht Jahren zu

Der sechste Überfall im Jahr 2001 ging schief, die Folge waren elf Jahre Haft in Frankreich. Der Sachverständige äußerte sich in der Verhandlung kritisch über den Strafvollzug: drei Jahre habe der Angeklagte in Isolationshaft verbracht. Arbeitsangebote habe es nicht gegeben, auch keine Therapie oder Ausbildung. "Man hätte elf Jahre Zeit gehabt dem jungen Mann zu zeigen, dass es auch anders geht", so der Experte. Diese Chance habe man vertan. 2011 überfiel der Angeklagte mit Komplizen eine Bankfiliale in Altenheim, 2012 in Kehl-Goldscheuer. Alternativen habe er keine gesehen. Für die Überfälle wurde er in Deutschland verurteilt und kam 2016 wieder frei. Als Franzose erhielt er jedoch keine Hilfe zur Resozialisierung. Seine Ausweglosigkeit habe zum Banküberfall im vergangenen Jahr geführt, so der Sachverständige.

Neben dem Gutachter kamen am Montag auch drei Angestellten der Bankfiliale zu Wort: ihre Aussagen wurden verlesen. Alle schilderten "Todesangst" und psychische Folgen bis hin zur Lebenskrise. Diese griff auch der Staatsanwalt auf und forderte für den Angeklagten insgesamt sieben Jahre Haft. Der Verteidiger gab zu bedenken, dass sein Mandant sich geständig zeige, er sich bei den Zeugen entschuldigt habe und bereit für einen Entzug sei. Er forderte maximal viereinhalb Jahre Haft, von denen zwei als Entzug zu verbüßen seien. "Wir sollten ihm die Hand reichen, um die er bittet", so der Anwalt.

Die Urteilsverkündung in dem Prozess um den Kehler Bankraub wurde für Dienstag, 21. Mai, ab 14 Uhr angesetzt.

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