Offenburg Borofsky und das "blaue Wunder"

Anna Higgs fühlt sich am Fuß des Borofsky-Kunstwerks "Freedom – male/female" auf dem Kulturforum Offenburg am wohlsten. Nachts, wenn es beleuchtet ist, erinnert es sie an ihre Heimat. Foto: Ast Foto: Lahrer Zeitung

Von Heidi Ast

Offenburg. Geboren wurde Anna Higgs in Dresden. Seit 1984 lebt die Bildende Künstlerin und Malerin in Offenburg und arbeitet im Ihlefeldarial. Wenn sie einen Perspektivwechsel braucht, zieht es sie nach draußen­ – zu Jonathan Borofskys Werk "Freedom – male/female".

Ihr Atelier hat Higgs im obersten Stock. Dort wird es im Sommer regelmäßig sehr heiß – an Schlaf ist oft nicht zu denken. Dann geht die Künstlerin raus, auf den großen Platz in der Mitte des Areals. Der ist nachts auch ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Dann geht es rund um die 2000 in Offenburg eingeweihte Figur "Freedom male/female", die an den geschichtsträchtigen Freiheitskampf der Badener erinnert, nicht gerade leise zu. Für Higgs kein Problem: Sie mag es, mit den jungen Menschen, die dort die Nacht zum Tag machen, ins Gespräch zu kommen. Angst vor Übergriffen oder Problemen hat sie keine. "Habe ich eigentlich nie", betont die Künstlerin. "Die jungen Leute dort finden mich cool." Die Frau, die ihr Alter nicht preisgeben will hat den Eindruck, dass beide Seiten von diesen nächtlichen Gesprächen profitieren. "Sie hören ja auch keine Vorwürfe von mir, weil sie zu laut wären." Aber nicht nur wegen den interessanten Gesprächen mit jungen Menschen kommt Higgs nachts gerne an den Fuß des Borofsky-Kunstwerks. Wenn es illuminiert ist, erinnert es die Wahl-Offenburgerin an ihre Heimat Dresden. Genauer gesagt an das "blaue Wunder", eine Brücke in Dresden-Loschwitz. "Die Brücke hat man im Zweiten Weltkrieg grün angemalt und so versucht, zu tarnen. Damit sie nicht von Bomben getroffen wird", erklärt Higgs. am nächsten Tag hätten die Dresdener befunden, die Brücke sehe eher blau als grün aus. Also bekam sie den Namen blaues Wunder. Die Geschichtsschreibung hat eine nicht ganz so romantische Erklärung für den Namen parat: Das blaue Wunder bekam seinen Namen, weil diese Brücke eine der ersten mit einer großen Spannweite war, die komplett aus Metall bestand. Manche sagen, die Brücke sei schon immer blau gewesen –­andere sagen, die grüne Farbe hätte sich eben im Laufe der Jahre in der Sonne verändert und sei blau geworden. Welche Version stimmt oder nicht, macht für Higgs Gefühle und ihre Emotionen, die sie beim Anblick der Borofsky-Statue verspürt, keinen Unterschied. Für die Künstlerin ist das Werk des Amerikaners eine wunderbare Inspiration und eine Metapher für den Perspektivwechsel, den man ab und an mal braucht.

Anna Higgs selbst stellt Zeitdokumente her. "Was habe ich in dieser Zeit gesehen und was macht das mit mir?" – diese Frage ist für jedes ihrer Werke der Ausgang, der Ansatz, die wichtigste Frage dahinter. "Wenn etwas bedrohliches passiert, muss ich es mir mit meiner Kunst von der Seele schaffen", erklärt sie. "Ich habe Bilder für drei Leben in mir." Ihr Lebensmotto: "To paint is to live again." (Zu malen heißt, nochmal zu leben.) Als Gründungsmitglied des Vereins Spinnerei-Kreativraum am Mühlbach in Offenburg träumt sie davon, eines Tages etwas ähnliches wie das Borofsky-Kunstwerk für das wieder zum Leben erweckte Spinnereigebäude in Offenburg zu erschaffen.

Oft wird Higgs bei der Arbeit von Klängen aus der benachbarten Musikschule begleitet. Dann muss sie auch viel an ihren Vater denken, der Kapellmeister in Dresden gewesen ist. Ihn habe die Musik noch bis ins hohe Alter geistig fit gehalten. Das ganze Kulturforum mit seinen Grünflächen und Bäumen erinnert sie an eine parkähnliche Anlage, die ihr Vater für zwölf Mark gekauft hatte.

Die Serie

Eine Bank am Wegesrand, die Hängematte im Garten oder eine Lichtung im Wald – in der Serie "Mein Lieblingsplatz" stellt unsere Zeitung Orte vor, an denen sich Menschen aus dem Landkreis besonders wohlfühlen. Haben Sie auch so einen Lieblingsplatz? Dann schicken Sie uns ein Foto von sich an diesem Ort und beschreiben Sie, was Ihnen daran besonders gut gefällt. Per E-Mail an kreisredaktion@lahrer-zeitung.de.

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