Offenburg Bluttat in Arztpraxis: "Ich würde ihn nicht verteidigen"

 Foto: Lahrer Zeitung

Offenburg - Reinhard Kirpes ist nicht nur Mitbegründer der Initiative "Zu-Flucht Offenburg", sondern auch Rechtsanwalt für Strafrecht. Den Somalier, der mutmaßlich einen Arzt erstochen hat, würde er jedoch nicht verteidigen – er sei zu sehr eingebunden.

 

Weder politisch, kirchlich noch institutionell gebunden, ist die Initiative "Zu-Flucht Offenburg". Ein gutes Dutzend Menschen – Deutsche, Nichtdeutsche sowie "Doppelstaatler" – engagieren sich hier dafür, der "Schrägheit und Dummheit die momentan vorherrscht, entgegenzutreten", sagt Reinhard Kirpes, Mitbegründer der Organisation und Anwalt für Strafrecht.

"Wir wollen offen für alle sein, den Menschen, die wir noch erreichen, die Möglichkeit geben, Diskussionen unter anderem über die Flüchtlingssituation führen zu können und natürlich aufklären", sagt Kirpes. Letzteres ist dem Anwalt so wichtig, dass er bei den Veranstaltungen, die die Initiative auf die Beine stellt, Referenten einlädt, die Experten zu den jeweiligen Themen sind. So kommt im Februar beispielsweise zum Thema "Traumata bei Flüchtlingen" der Leiter der Psychotherapeutischen Arbeitsgemeinschaft für Migranten Freiburg, Gehad Mazarweh. Zum Thema Rassismus lud Kirpes den gefragten Populismusforscher und Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, Andreas Zick, ein. "Die Diskussionsrunden werden gut angenommen. Es freut uns, dass wir noch Menschen erreichen und sie aufklären können", so Kirpes. So hätten bei der jüngsten Veranstaltung "Sicheres Afghanistan?", bei der ein Flüchtling berichtete, die Stühle nicht gereicht. "Rund 120 Menschen hatten sich im Zentrum des Bürgerparks, wo unsere Veranstaltungen stattfinden, eingefunden."

Das, was sich derzeit auf den Straßen abspiele, sei für ihn kein Neuland: "Allein zwischen 1990 und 2000 kam es zu 184  Tötungsdelikten durch Rechtsradikale." Auch ihm wurde nach einem Vortrag mit einem Besuch in seiner Kanzlei aus der rechten Szene gedroht. Doch er würde sich nicht einschüchtern lassen. Auch habe er volles Vertrauen in die liberale Grundhaltung der Stadt Offenburg. Dasselbe gelte für die Justiz. "Miteinander reden, das ist es, worauf es ankommt", ist er sich sicher.

Und dennoch, es gebe einiges, was geändert werden müsse. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitiert er Artikel eins des Grundgesetzes. Das ist für den Anwalt das A und O. Es ärgere ihn, dass sich einige Menschen nicht daran halten und dieser kurze und dennoch "alles sagende" Satz immer wieder in Vergessenheit gerate. "Es ist unfassbar und beängstigend, was ich derzeit im Fernsehen alles zu sehen bekomme", sagt Kirpes. Was viele Menschen vergessen, sei die Tatsache, dass die Flüchtlinge hier gebraucht werden – vor allem auf dem Arbeitsmarkt. "In Deutschland beschweren sich Menschen, vor allem in der Politik, über den Flüchtlingszustrom, gleichzeitig werden weiter Waffen in die Länder geliefert, aus denen die Menschen hierher kommen." Fluchtursachen zu bekämpfen sehe anders aus. Auch werde vor lauter Politik vergessen, dass es in Deutschland die dritte Gewalt, die Judikative, gibt.

Im Hinblick auf den Somalier, der in Offenburg einen Arzt erstochen haben soll, wünscht sich Kirpes einen engagierten Anwalt. "Es sollte ein Verteidiger sein, der sich mit dem Menschen intensiv auseinandersetzt – vor allem auch in psychologischer Hinsicht." Niemand wisse bisher, was der mutmaßliche Täter erlebt habe. Als Vergleich nennt der Anwalt einen Verkehrsunfall, nach dem Betroffene oft eine Reha von sechs Wochen in Anspruch nehmen: "Was Flüchtlinge auf ihrer Reise über Wochen und Monate erlebt haben – Folter, Vergewaltigung, Hunger und Angst – auch das braucht Zeit, verarbeitet zu werden – länger als sechs Wochen." Dass er das weiß, ist einem Aufenthalt auf dem Balkan 1999, kurz nach dem Ende des Kriegs, geschuldet. "Ich habe das Grauen und Verderben gesehen. Ich konnte monatelang nicht schlafen. Das hat mich ein Stück meiner psychischen Stabilität gekostet."

Er selbst würde den mutmaßlichen Täter nicht verteidigen. Kirpes: "Ich habe zahlreiche Mandanten, die Patienten des Arztes waren. Nicht selten saßen sie in meiner Kanzlei und haben Tränen vergossen." Somit sei er zu sehr eingebunden. Andernfalls hätte er den Somalier gern durchs Verfahren begleitet. "Die Aufklärung der Tat wird ein Stück weit den Rechtsfrieden wieder herstellen – und darum geht es."

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