Oberwolfach "Entscheidend ist, was herauskommt"

Die Luft steht fast still. Obwohl es schon Montagnachmittag, gegen 16 Uhr, ist, fühlen sich die Temperaturen bis zu 35 Grad auf dem Hof der Oberwolfacher Familie Bonath schier unerträglich an. Eberhard Müller vom Balinger Grünen-Ortsverband hat gerade appelliert, dass der Artenreichtum von Wiesen alle fünf Jahre bestimmt werden sollte und die Landwirte dann automatisch einen Bonus bekämen. Dafür gibt es kräftigen Applaus von den rund 30 Anwesenden.

Es ist nicht der erste Moment, bei dem Andre Baumann, Staatssekretär des Landesministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft, an diesem Nachmittag leicht ins Schwitzen gerät – und das nicht aufgrund der unbestreitbaren Hitze.

Er ist der Einladung der hiesigen Landtagsabgeordneten Sandra Boser (Grüne) gefolgt und nimmt sich mehr als zwei Stunden Zeit, um die Sorgen und Nöte der Oberwolfacher Bauern sowie der politischen und gesellschaftlichen Vertreter anzuhören und darauf einzugehen. Meistens drehen sich die Gesprächsthemen um das Mindestflurkonzept, die Schwierigkeiten der Offenhaltung, die Biotopkartierung nach Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Richtlinie und natürlich den Wolf.

Bonus vorgeschlagen

"Es wäre ja schön, wenn alles immer so unbürokratisch gehen würde", erwidert Baumann auf Müllers Aussage. Mit einem Bonus könne auch Schindluder betrieben werden und da solche Beiträge durch Steuergelder finanziert werden, müsse alles ordnungsgemäß zugehen, betont der Staatssekretär.

Ein leichtes Lüftchen fegt durch die Bäume und in der Ferne ist das Läuten von Glocken hörbar. Auf dem steilen Hang des Hausherrns, Michael Bonath, grast nämlich ein Heer von Zwergziegen. Das imposante Anwesen mit Hof, das auf dem hohen Berg über dem Frohnbach thront, wurde Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet und gehörte als sogenanntes Staigerhaus zur damaligen Grube Wenzel, dem heutigen Besucherbergwerk.

Bonath ist vorbildlich, was die Offenhaltung in Oberwolfach, einer Gemeinde mit 85-prozentigem Waldanteil, anbelangt. Auf zwei Hektar Grünland weiden insgesamt 20 Zwergziegen. 2013 fing Bonath mit zwei dieser Tiere an, die extrem steilen Hanglagen offenzuhalten.

Mit Kühen begonnen

Von 2003 bis 2013 setzte der Oberwolfacher sogenanntes Pensionsvieh, das vom Nachbarn kam, ein. Davor waren es ausschließlich eigene Mutterkühe. Nach 2013 kamen noch Zwergziegen hinzu und seit 2015 wird alles mit diesen Tieren gemacht, erläutert Bonath.

Der Landwirt hat bereits einen Landschaftspflegerichtlinien(LPR)-Vertrag über den Landschaftserhaltungsverband (LEV) Ortenaukreis mit dem Land Baden-Württemberg geschlossen, nachdem der Gemeinderat Oberwolfach das Offenhaltungskonzept verabschiedete (wir haben berichtet). Auch am Weidezaunprojekt möchte er teilnehmen. Die Bewilligung wird – dem LEV zufolge – voraussichtlich im April 2019 erfolgen.

"Das Ganze mache ich in meiner Freizeit", sagt Bonath und meint die Zeit, die er am Hang verbringt, um Pfähle in den Untergrund zu klopfen. Das probiert Baumann ein wenig später auch selbst auf einer Wiese mit 100-prozentiger Steigung aus. Dort steht ein Wolfszaun, der Bonaths vielen Zwergziegen Schutz bieten soll. 90 Prozent des Materials wird gefördert, 80 Prozent kommt netto beim Oberwolfacher an; der eigene Arbeitseinsatz gilt als Eigenleistung.

Stimmiges Ergebnis

"Ich wünsch mir den Wolf nicht", versichert Baumann. Aber ein einziger sei eben nun mal da und das Land fördere entsprechende Zäune schon ab 90 Zentimetern. Denn: "Geht der Schäfer und Weidezaunhalter, verschwindet auch die Tier- und Pflanzenvielfalt", schlussfolgert der Staatssekretär.

Bonath besitzt zudem eine FFH-Mähwiese, die als solche – nach mehr als 20 Jahren der Beweidung – seit 2016 kartiert ist und theoretisch alle sechs Jahre auf ihre Kriterien überprüft wird.

Der Frage, was passiert, wenn sich bei einer Wiese durch Bewirtschaftung eine andere Artenvielfalt im Laufe der Zeit entwickelt hat, weicht Baumann aus und antwortet mit einem Satz, den er an diesem Nachmittag noch öfter aussprechen wird: "Entscheidend ist das, was herauskommt." Das Ergebnis soll stimmen. Wichtig sei nur – egal ob Beweidung oder Heumahd – dass die Flächen offengehalten werden.

Ins Schwitzen kommt der Staatssekretär dann erneut, und zwar wegen der Biotopkartierung. Der Oberwolfacher Martin Welle, Landwirt mit 20 Hektar im Nebenerwerb, fragt, wie es sein könne, dass zum Beispiel eine Straße unter den Artenschutz falle. Zudem sei es ihm am 14. Mai dieses Jahres eröffnet worden und er habe – und nur, weil er es wusste – kurzfristig, einen Tag vor Ende der Frist, am 8. Juni, noch Widerspruch eingelegt. Die FFH-Kartierung käme für Welle einem Vertrauensbruch gleich.

Sogar Oberwolfachs Bürgermeister Matthias Bauernfeind merkt an, dass die Art und Weise, wie die Gutachter die Flächen innerhalb weniger Stunden eingeschätzt haben für Unmut unter den Bauern gesorgt hat, auch, weil es nicht kommuniziert wurde. Er regt daher an, zukünftig eine Bürgersprechstunde vor einem solchen Verfahren anzubieten.

Baumann gibt schließlich zu: "Ich weiß, da ist viel Vertrauen verloren gegangen." Es gebe gute und schlechte freiberufliche Botaniker-Büros, die von der Landesregierung damit beauftragt wurden. Und letztere müssten eben erst einmal geahndet werden, Stichproben gebe es ja.

Vertrauen herstellen

Das Vertrauen möchte Baumann auch durch solche Vor-Ort-Besuche wiederherstellen. "Da müssen sie aber oft kommen", witzeln die Landwirte unisono. "Ich warte auf Einladungen", erwidert Baumann keck, der zwar einige Male leicht in Bredouille gerät, sich trotz hitziger Debatten und nahezu 35 Grad nicht aus der Ruhe bringen lässt.   

                                               Melanie Steitz

Die Hofnachfolge ist in Oberwolfach auch ein Thema. Der älteste Eigentümer ist 85 Jahre alt. Die solide Basis besteht aus 40- bis 50-Jährigen. 13 Oberwolfacher haben bereits LPR-Verträge mit einem Fördervolumen von 50 000 Euro geschlossen, so Regina Ostermann, Geschäftsführerin des Landschaftserhaltungsverband (LEV) Ortenaukreis.