Oberweier Mord an Offenburger Arzt verunsichert Awil Abdi aus Somalia

Awil Aaden Abdi wohnt in Oberweier. Dass er aus Somalia geflüchtet ist, ist eine Tatsache, der viele Menschen im Ortenaukreis nun skeptisch gegenüberstehen, sagt er. Foto: Goltz

Oberweier - Er war Patient beim getöteten Arzt und kennt den mutmaßlichen Täter. Dass die grauenhafte Tat das Leben der Somalier hier nun erschwert, verärgert Awil Aaden Abdi. Denn wie er sind die meisten auf der Suche nach einem friedlichen Leben.

 

"Wir haben unsere Heimat verlassen, um ein sicheres Leben führen zu können. Das hat unser Leben ein Stück weit wieder unsicher gemacht", sagt der 21-jährige Somalier Awil Aaden Abdi mit Blick auf die Bluttat in Offenburg, bei der ein Arzt vermutlich von einem 26-jährigen Somalier erstochen wurde (siehe Info). Er kannte den mutmaßlichen Täter. "Wir haben oft zusammen Fußball gespielt", erinnert sich Abdi. Das war 2015, das Jahr, in dem beide in Deutschland Zuflucht gesucht haben. Nur ein Jahr später habe sich der 26-Jährige verändert: "Er hat immer wieder von Verfolgung gesprochen – wenn ein Hubschrauber über uns hinwegflog oder Polizisten unseren Weg kreuzten." Mehr und mehr habe sich sein Landsmann zurückgezogen, so weit, dass er mit keinem mehr gesprochen habe. "Nicht mal mehr auf eine Begrüßung bekamen wir eine Antwort", sagt Abdi.

Auch den Arzt kannte der 21-Jährige, er war Patient bei ihm. "Ich konnte es nicht fassen, als ich die Nachricht im Radio gehört habe", erinnert sich Abdi, der zu dieser Zeit seiner Arbeit als Logistiker bei Zalando in Lahr nachging. Der Mediziner sei einer der wenigen in Offenburg gewesen, der jedem Flüchtling mit offenen Armen entgegen kam. "Er war bei uns sehr beliebt. Wir haben uns bei ihm verstanden gefühlt und ihm vertraut", sagt der junge Somalier.

Vertrauen, das ist unter anderem etwas, was die geflüchteten Menschen sich hier erhoffen. Denn das habe Abdi in seiner Heimat außerhalb der Familie nicht finden können. Man wachse aus dem Kindesalter heraus und werde daraufhin schnell in die Realität – den vorherrschenden Bürgerkrieg im Land – hineingeschmissen. "Ich saß in der Schule, als ich mitgenommen wurde. Ich sollte Soldat werden", erinnert er sich. Fünf Tage habe man ihn festgehalten, bevor es ihm gelang zu flüchten.

Die Flucht nach Offenburg

Abdi war bewusst, dass er nicht nach Hause zurückkehren konnte. Nachdem er Zuflucht in einer anderen Stadt in Somalia gesucht hatte, dort jedoch keine Arbeit fand, machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Äthiopien. Weiter ging es durch den Sudan bis nach Libyen. Geld war auf seiner Reise nicht nur Mittel, um weiterzukommen, es war auch Mittel, um nicht getötet zu werden: "In Libyen kam ich ins Gefängnis. Ich musste in ein Handy die Nummer meiner Mutter eintippen, ihr wurde gedroht: Entweder sie schicke so schnell wie möglich Geld nach Libyen oder sie würden mich umbringen", schildert Abdi seine Erlebnisse. Seine Familie hatte das Geld zusammengekratzt, sodass er seine Reise fortsetzen konnte.

Das erste Mal wieder mit seiner Mutter gesprochen habe er, nachdem er in Italien angekommen war. Mit einem 100-Mann-Boot hatte er von Libyen eine 24-Stunden-Fahrt hinter sich. "Ich konnte ihr sagen, dass es mir gut geht, dass sie sich keine Sorgen machen muss."

Mit dem Zug fuhr er nach Karlsruhe. Von dort aus kam er nach Mannheim und schließlich nach Offenburg. Nachdem er eine Aufenthaltserlaubnis erhalten hatte, musste er die Flüchtlingsunterkunft, in der auch der mutmaßliche Täter wohnte, verlassen. "Eine Wohnung zu finden, war schwer", sagt Abdi. Trotz guter Deutschkenntnisse, die er sich in einem einjährigen Kurs aneignete, und einer Arbeitsstelle sei er oft abgelehnt worden. In Oberweier hat er nun eine Wohnung gefunden, die er sich mit einem Mann aus Nigeria teilt. Gerade solche Dinge würden in Zukunft für Somalier nochmals schwerer werden. "Was in der Arztpraxis geschehen ist, sitzt nun in den Köpfen der Menschen. Ein Somalier überlegt sich nun zweimal, ob er seine Herkunft gleich preis gibt", sagt Abdi. Diese Tatsache verärgert den 21-Jährigen. "Das hat uns das Leben hier erschwert", fügt er an.

Er könne die Menschen verstehen, die nun Angst haben. "Aber wir können nicht alle in einen Topf geworfen werden", verteidigt er sich und kreidet dabei auch die Begrifflichkeiten "Flüchtling" oder "Somalier" an. "Es war ein Mensch, der diese Tat begangen hat. Genau so würde man darüber reden, wäre es ein Deutscher."

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