Oberhausen SC Sélestat als Kaderschmiede Frankreichs

Direkt hinter der Grenze produziert der französische Zweitligist SC Séle­stat die Nationalspieler von morgen. Rund 500 Spieler sind in dem Mega-Verein aktiv. Auch ein Klub aus der Region profitiert besonders von der starken Arbeit des Nachbarn.

 

Von Nervosität oder Anspannung war im Gesicht von Christian Omeyer keine Spur zu entdecken. Wie sein Zwillingsbruder Thierry, seines Zeichens fünfmaliger Weltmeister in den Diensten von Paris St. Germain, vor dem Siebenmeter, hatte der Sportdirektor des französischen Zweitligisten SC Sélestat Alsace Handball unmittelbar vor dem Achtelfinalmatch im französischen Pokal gegen Nimes sein bestes Pokerface aufgesetzt, als es galt die Frage zu beantworten, wer denn an diesem Tag das Centre Sportif Intercommunal als Sieger verlassen werde: "Wenn alle 100 Prozent geben, ist für uns vielleicht etwas drin", gab sich der 41-jährige ehemalige Rückraum-Shooter von Séle­stat recht zuversichtlich. Ob sich der Sportdirektor im Vorfeld der Pokal-Partie mit seinem Bruder kurzgeschlossen hatte, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich aber hätte ein Gespräch mit Bruder Thierry, der seine große Karriere ebenfalls bei Sélestat begann, die Zuversicht etwas gemindert, schließlich hatte sich Paris dem Spitzenteam aus Nimes wenige Wochen zuvor noch in der Meisterschaft geschlagen geben müssen. Und dennoch wirkte die Reaktion Omeyers keinesfalls aufgesetzt, vielmehr zeugt sie von dem Selbstverständnis, dass der langjährige Erstligist vor sich herträgt. Nur bei einer Frage geriet der Sportdirektor etwas ins Stocken. Der nach der Zahl seiner Spieler: "Insgesamt werden es wohl so 20 Teams und 500 Spieler sein. Davon sind mindestens 350 Kinder und Jugendliche", schätzt Omeyer.  

> Mega-Klub Sélestat: "Sélestat Alsace ist eine Maschine", beschreibt auch TuS Oberhausens Trainer Francois Berthier den großen Nachbarklub, der gewissermaßen im Vorgarten von Rheinhausen, nur 30 Kilometer entfernt, spielt. Und Berthier muss es schließlich wissen. Nicht nur dass der 52-Jährige in Sélestat wohnt und dort als Sportlehrer viele potenzielle Handballtalente von morgen betreut, vielmehr verbrachte der Franzose einen Großteil seines Lebens beim Klub. Mit kurzen Unterbrechungen ist er dem Verein seit 1983 verbunden. Erst als Profi, später als Trainer der ersten Mannschaft und schließlich der A-Jugend. Als Spieler habe er so ziemlich jede Position gespielt, auf die ihn der Trainer gestellt hatte, erinnert sich Berthier. Als Kreisläufer oder auf der Mitte. "Im Elsasspokal gegen Straßburg stand ich sogar im Tor. Wir haben mit einem Zähler gewonnen."  

> Riesiges Potenzial: Über drei Hallen verfügt der Verein laut Berthier. 2300 Zuschauer fasst die moderne Multifunktionsarena "Centre Sportif Intercommunal", in deren Eingangsbereich die Spieler der ersten Mannschaft auf einem riesigen Banner ihre finstersten Mienen aufsetzen. Sogar über eine Mannschaft für Menschen mit Behinderungen verfügt der 1967 gegründete Traditionsverein.  

> Trumpfkarte Jugend: Das Potenzial des Klubs ist enorm. Vor seinem Wechsel über die Grenze zum Landesligisten aus Oberhausen stand Berthier mit der U18 Sélestats noch im Finale um die Meisterschaft. Mit im Kader junge Talente wie Edouard Kempf oder Valentin Kieffer, beides Stützen der französischen U21-Nationalmannschaft und vermutlich in Zukunft auch im A-Team zu finden.

Während der sprunggewaltige Rechtsaußen Kempf inzwischen seinen Weg in die Landeshauptstadt zu Paris Saint-Germain gefunden hat und es dort an der Seite von Thierry Omeyer im Starensemble auch mit seinen lediglich 19 Jahren auf ordentliche Spielanteile bringt, ist Torhüter Kieffer fester Bestandteil der ersten Mannschaft Sélestats. Noch. Denn im Sommer 2019 endet der Vertrag mit dem Sprössling des ehemaligen Bundesliga-Keepers des TuS Schutterwald, Jean-Luc Kieffer, der sich heute um die Betreuung der Sélestat-Keeper kümmert. "Ich möchte wieder 1. oder zumindest 2. Liga spielen", sagt Kieffer junior im Gespräch mit der Lahrer Zeitung. "Vielleicht ja sogar in Deutschland."  

> Option Ortenau?: Dass der einstige Bundesligist Schutterwald damit keine Option mehr sein dürfte, ist Kieffer klar. Wie tief der TuS inzwischen gefallen ist dagegen nicht. "Spielen die jetzt nicht in der 3. Liga?", erkundigt sich der Torhüter nach dem Ist-Zustand des Südbadenligisten. Und bei den Ansprüchen des U21-Nationalkeepers fällt natürlich auch der TuS Oberhausen durch. Dabei hält Kieffer große Stücke auf seinen einstigen Jugendtrainer und heutigen TuS-Coach Berthier, der in der Rheinmatthalle einige bekannte Gesichter aus Sélestat um sich geschart hat. Fünf Franzosen spielen beim Landesligisten. Darunter mit Altmeister Arnaud Freppel und vor allem seinem guten Kumpel und ehemaligen Mitspieler aus der U18, Flavio Zamolo, langjährige Weggefährten. Fliegender Wechsel also zwischen Sélestat und Oberhausen? Nicht ganz. Schließlich sei der deutsche Handball viel körperlicher, erläutert Berthier. "Zwei Eltern aus Frankreich wollten ihre Söhne herschicken, aber wir mussten ablehnen, da sie körperlich zu schwach waren."  

> Große Familie: Ein Spieler, der Sélestat nicht als Sprungbrett genommen hat, sondern vielmehr den umgekehrten Weg wählte, ist dagegen Francis Franck. Der heute 47-Jährige aus der Nähe von Metz, der genau wie Kieffer auf der Torhüterposition spielte, war in den 1990er Jahren zunächst für einige französische Top-Klubs (darunter Paris St. Germain) im Einsatz, bevor es ihn zur TSG Friesenheim in die Bundesliga zog. Nach drei Jahren in Ludwigshafen ging es zurück in die Heimat, wo der 56-malige Nationalspieler und WM-Bronzegewinner von 1997 bei Sélestat anheuerte. Sein Trainer? Na klar: Francois Berthier. "Der Verein ist wie eine Familie für mich", sagt Franck, der heute im Gemeinderat der 20 000 Einwohner-Stadt sitzt. "In den letzten Jahren habe ich nur drei oder vier Spiele verpasst", erzählt der 47-Jährige am Rande der Partie gegen Nimes, die sein Klub schließlich knapp mit 27:30 gegen den haushohen Favoriten verlor. "Ich sitze immer ganz vorne rechts, direkt am Spielfeldrand". Die Pokalniederlage konnte Edelfan Franck dabei nach eigenen Worten gut verkraften: "Der Pokal ist nicht so wichtig, für uns zählt nur der Aufstieg."

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