Neuried Mehr "Daumen hoch" als durchboxen

Seit fünf Jahren ist Jochen Fischer Bürgermeister von Neuried. Der Quereinsteiger verrät, warum seinen Job gut für die Familie ist und wem er gerne mal den Mittelfinger zeigen würde. Foto: fr Foto: Lahrer Zeitung

Neuried. Jochen Fischer ist längst im Amt als Bürgermeister von Neuried angekommen. Der Quereinsteiger – er kam aus der Industrie – fühlt sich nach fünf Jahren wohl im Rathaus. Die Lahrer Zeitung hat mal nachgefühlt – passend zu fünf Jahren – mit einem Fünf-Finger-Interview.

 

Nach fünf Jahren im Amt – wofür gibt es von Ihnen "Daumen hoch"?

Den Daumen nach oben gibt es für die Neurieder, die mich als Bürgermeister toll aufgenommen haben und mir als Neuling immer positiv begegnen. Ich möchte ungern ein Projekt hervorheben, weil das ungerecht wäre. Ich bin aber sehr glücklich, dass wir den Breitbandausbau voran bringen und dass mit der Firma Graf ein großes Unternehmen nach Neuried kommt. Vor allem aber bekommen das tolle Miteinander in der Gemeinde und das Engagement der Bürger "Daumen hoch".

Was lief nicht gut? Wofür gibt’s "Daumen runter"?

Ich bin nicht der Typ, der mit dem Daumen nach unten zeigt. Wenn Vorhaben nicht geklappt haben, waren sie nicht gut vorbereitet oder die Bürger dagegen. Dann ist das vollkommen in Ordnung. Negativ besetzt ist allerdings das Thema Geothermie. Da gibt’s ’nen Daumen nach unten, weil die Firma, die die Geothermie betreiben will, die Bürger nicht informiert und nicht im Kontakt mit der Gemeinde steht.

Stichwort Zeigefinger: Welches Thema verdient mehr Aufmerksamkeit? Worauf würden sie gerne besonders hinweisen?

Da gibt es zwei Themen. Zum einen planen wir die Einführung eines "Gemeinderads". Wir planen an 20 Stationen im Gemeindegebiet Leihstellen für Lasten-Pedelecs einzurichten. Mit dem Pedelec sollen Bürger Besorgungen erledigen und so das Auto stehen lassen oder auf die Anschaffung eines Zweitwagens verzichten können. Das andere Thema ist die Digitalisierung. Ich bin froh, dass wir dafür 35 000 Euro an Fördermitteln erhalten. Wir sind gerade dabei ein Konzept zu erarbeiten. Ganz klar ist, dass allein durch die Digitalisierung Prozesse nicht besser werden. Unser Ziel ist, dadurch einen echten Gewinn für die Bürger zu haben.

Bei fünf Jahren im Amt gab es bestimmt auch frustrierende Momente. Wem würden Sie manchmal gerne den Mittelfinger zeigen?

Also (lacht), einer Person würde ich ihn natürlich nicht zeigen, selbst wenn nicht immer jeder Umgang einfach ist. Ich würde viel eher dem Paragrafen-Dschungel und Vorschriften-Wust, mit dem sich eine Gemeindeverwaltung herumschlagen muss, den Mittelfinger zeigen.

Stichwort Ringfinger: Wie wichtig ist ihnen Familie – privat und beruflich?

Privat geht bei mir die Familie immer vor. Da hat mir der Job als Bürgermeister auch sehr geholfen, denn ich bin jetzt viel präsenter daheim. Vorher habe ich in Halle gearbeitet und war nur am Wochenende in Neuried. Aber auch die Familie hier im Rathaus ist wichtig und der Zusammenhalt in der Gemeinde insgesamt. Das habe ich vor allem nach meiner Diagnose mitbekommen. Wir haben sehr viel Unterstützung von den Neuriedern erfahren und dafür bin ich sehr dankbar.

Wer hat von Ihnen die ganze Hand beansprucht, als man ihm den kleinen Finger gab?

Ich würde das lieber umdrehen. Ich kann oft nur den kleinen Finger geben, obwohl ich gerne die ganze Hand reichen würde. Das war auch ein Lernprozess für mich, als ich neu im Amt war. Auch heute noch will ich mich oft zu stark einbringen. Gott sei Dank gibt es die Amtsleiter, die mir von sich aus dann Sachen abnehmen und auch die Damen im Vorzimmer sagen mir, wenn es nötig ist, wieder mehr auf mich zu achten.

Mit wem gibt’s High Five?

(Lacht) Mit mir selbst, weil ich die Stelle angetreten habe. Das war eine gute Entscheidung für mich und ich glaube auch die Neurieder fahren damit nicht schlecht.

Gab und gibt es Situationen, in denen sie sich oder ein Projekt durchboxen?

Es gibt sicherlich Momente, wo ich die Faust balle. Mir ist aber klar, dass so eine Gemeinde nur in Zusammenarbeit mit allen geführt werden kann. Deshalb boxe ich nichts durch, sondern suche einen Weg der Kooperation um Ziele zu erreichen.

Wann mussten sie mit der Faust auf den Tisch hauen?

Gleich am Anfang meiner Amtszeit. Ich war, glaube ich, sechs Wochen im Amt musste ich den damaligen Bauamtsleiter wegen eines Vertrauensbruchs beurlauben. Da hatte ich schlaflose Nächte, auch weil ich nicht wusste, wie der Rückhalt in der Verwaltung für mich ist.

Mit der Hand kann man auch zum Abschied winken. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Weiterhin hier im Rathaus?

Man weiß es nie. In drei Jahren sind zunächst einmal wieder Bürgermeister-Wahlen. Ich nutze die Hand lieber, um den Neurieder Bürgern fröhlich zuzuwinken. Zu meiner Zukunft nur soviel: Ich fühle mich wohl in dem Amt.

  Fragen: Frank Ruppert

150 Bürger sind am 3. Juni 2013 zur offiziellen Amtseinführung des neuen Neurieder Bürgermeisters Jochen Fischer in die Lindenfeldhalle gekommen. "Für mich war das ein toller Tag: Erstmals Bürgermeister und dann war das auch die erste Gemeinderatssitzung in offizieller Funktion für mich", erinnert sich Fischer. In der Wahl hatte er sich wenige Wochen zuvor unter anderem gegen den Amtsinhaber durchgesetzt. 52,36 Prozent hatten für Fischer votiert.

  • Bewertung
    2