Nach sechs Jahren Flucht 50-Jähriger Todesfahrer muss für zwei Jahre ins Gefängnis

Marc Eich
Mit dem VW (rechts) raste der damals 44-Jährige im April 2016 in den Gegenverkehr. Zwei Menschen, die in einem entgegenkommenden Seat saßen, starben dabei. Foto: Eich

Gerechtigkeit für die Opfer eines 50-jährigen Todesfahrers: Der Mann war 2016 unter Alkoholeinfluss bei Villingen-Schwenningen in den Gegenverkehr gerast – zwei Ortenauer starben. Nach sechs Jahren auf der Flucht wurde er nun verurteilt.

Villingen-Schwenningen – Es war einer der aufsehenerregendsten Fälle der vergangenen Jahre – der nun fast still und heimlich ein Ende fand. Sechs Jahre nach einem schrecklichen Verkehrsunfall auf der Bundesstraße 523 zwischen Schwenningen und Tuningen ist der Unfallverursacher gefasst worden. Auf der Flucht hatte der Todesfahrer einen entscheidenden Fehler gemacht. -

Rückblick – 16. April 2016, gegen 11.15 Uhr auf der B 523: Die Feuerwehr muss einen 44-Jährigen aus seinem völlig zerstörten VW schneiden, rettet ihn schwer verletzt nach einer halben Stunde. Zuvor war der Mann mit offenbar hoher Geschwindigkeit in den Gegenverkehr gerast und mit einem entgegenkommenden Seat zusammengestoßen.

Die 58 Jahre alte Fahrerin aus Appenweier ist sofort tot, zwei weitere Familienangehörige – eine 63-Jährige und ein 61 Jahre alter Mann – werden schwer verletzt. Der 61-Jährige starb kurz darauf aufgrund seiner lebensgefährlichen Verletzungen.

Zeugenaussagen sorgten im Anschluss für Entsetzen. Sie schilderten, dass der Unfallverursacher zuvor rücksichtslos überholt hatte. "Der hat nicht überholt wenn frei, sondern nur wenn es gefährlich war", erzählte ein Zeuge im Nachgang unserer Redaktion. Was zu diesem Zeitpunkt offiziell noch nicht bekannt war: Der Unfallverursacher, der in Tuttlingen gewohnt hatte, war zum Zeitpunkt des Unfalls stark alkoholisiert.

Acht Monate nach dem schrecklichen Verkehrsunfall war die gerichtliche Aufarbeitung geplant. Doch im Amtsgericht Villingen blieb der Stuhl des Angeklagten an jenem 15. Dezember 2016 leer. Auch eine sofort alarmierte Polizeistreife konnte den Unfallverursacher nicht an seiner Wohnadresse antreffen. Sein Verteidiger, der seinen Mandanten kurz zuvor noch gesehen hatte, konnte sich das Fehlen ebenfalls nicht erklären. Die Folge: Der zuständige Richter erließ Haftbefehl wegen Fluchtgefahr. Doch der Mann war bereits auf der Flucht, blieb in der Folge verschwunden.

Flucht führt in die Vereinigten Staaten

Recherchen unserer Zeitung ergaben kurz darauf, dass der Mann seine Havanna-Bar, die er in Tuttlingen betrieben hatte, in der Folge des Unfalls aufgegeben hatte. Mehr noch. In seinem Umfeld war vermutet worden, dass er sich nach Kuba abgesetzt hatte. Dorthin war er erst kurz vor dem Unfall gereist – offenbar um die Familie zu besuchen. Der Gastronom ist in Kuba geboren worden, hat aber die deutsche Staatsangehörigkeit.

Die Polizei erwirkte daher einen internationalen Haftbefehl. Denn tatsächlich ergaben Recherchen der Ermittlungsbehörden, dass er sich in den lateinamerikanischen Raum abgesetzt hatte. Allerdings stellte das Polizei und Staatsanwaltschaft vor eine besondere Herausforderung. So gibt es mit Kuba kein Auslieferungsabkommen. Daher sei eine Auslieferung vom "Goodwill" des Staates abhängig. Die Hoffnungen der Justiz auf einen Prozess schwanden.

Doch es kam ganz anders. Der zur Fahndung ausgeschriebene Mann ging den Behörden in den Vereinigten Staaten ins Netz – nach einer Flucht über mehrere Länder. Bernhard Lipp, Pressesprecher des Amtsgerichts Villingen, erklärte auf Anfrage unserer Redaktion: Kurz vor der Verhandlung setzte sich der mittlerweile 50-Jährige in die Schweiz ab, anschließend ging es nach Holland und dann tatsächlich nach Kuba.

Dorthin habe er noch familiäre Verbindungen. Die Erkrankung seiner Lebensgefährtin zwang ihn nach Angaben des Pressesprechers aber zu einem Ortswechsel über Staatsgrenzen hinweg. Die Flucht ging schließlich in die USA, dort habe er gar mehrere Jahre als Metzger gearbeitet.

"Der illegale Aufenthalt ist in den USA anscheinend verhältnismäßig leicht möglich", so Lipp. Es scheint also, als wähnte sich der Todesfahrer dort in Sicherheit, denn ihm unterlief ein entscheidender Fehler. So beantragte er in den Vereinigten Staaten eine Aufenthaltsberechtigung. "Im Rahmen deren Prüfung wurde die Ausschreibung zur Verhaftung aus Deutschland gefunden", erklärte der Pressesprecher.

Die Folge war im April eine Verhaftung und eine mehrwöchige Inhaftierung zur Abschiebehaft in den USA und anschließend die Überstellung nach Deutschland. Und hier holte ihn seine Vergangenheit wieder ein – Ende Mai saß der Mann auf der Anklagebank im Villinger Amtsgericht. Allerdings ohne, dass die Hauptverhandlung öffentlich angekündigt wurde.

Urteil lautet auf zwei Jahre Haft

Die Vorwürfe: fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs, fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. Ein Sachverständiger erklärte bei der aufwendigen Beweisaufnahme, dass beim Angeklagten ein Promillewert von 2,08 gemessen wurde – anhand der Rückrechnung seien es beim Unfall höchstens 2,88 Promille gewesen. Die Unfallrekonstruktion ergab zudem, dass die getötete Seat-Fahrerin kurz vor der Kollision noch versucht hatte, auszuweichen. Vergeblich.

Eine Strafmilderung kam für den zuständigen Richter Christian Bäumler nicht in Betracht. Fast sechs Jahre nach der Flucht des Angeklagten folgte schließlich das Urteil: eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung. Für die Überlebende des Unfalls dürfte dies angesichts des Todes zweier Familienangehöriger jedoch nur ein schwacher Trost sein. Sie hatte der Ortenau nach den schrecklichen Ereignissen den Rücken gekehrt und ist an die bayerische Grenze gezogen

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