Mittleres Kinzigtal Hochwasser bleiben in Erinnerung

Mittleres Kinzigtal - Wie jeder Fluss tritt auch die Kinzig gelegentlich über die Ufer. Meistens verursachen diese Überschwemmungen keine Schäden. Manche Katastrophen sind jedoch im Gedächtnis der Bevölkerung haften geblieben.

Nach dem Jahrhunderthochwasser von 1919 gehören die Ereignisse von 1990 und zu Beginn der 2000er dazu.

Der Februar 1990 geht wohl als verrücktester Monat in die Wettergeschichte des Kinzigtals ein. Frühlingshafte Tage wechselten sich in rascher Folge mit sintflutartigen Regenfällen ab. Die Orkane Vivien und Wiebke fegten Ende des Monats über das Land. Sie sorgten dafür, dass Teile der Wolfacher Fasnet ausfallen mussten. Am 12. und 13. Februar fielen etwa 17 Liter Regen pro Quadratmeter, im Bergland als Schnee. Teilweise war die Decke mehr als 30 Zentimeter dick. Einen Tag später zeigte sich das Wetter wieder milder und die Niederschläge gingen auch in den höheren Lagen in Regen über. Bis zum Abend kamen bis zu 55 Liter pro Quadratmeter herunter. In der Nacht hielt der Regen an. Die Kombination aus hohem Niederschlag und Schneeschmelze führte am 15. Februar zu einer Hochwasserlage, die das Kinzigtal lange nicht erlebt hatte.

Bereits am Vorabend war die Feuerwehr im Einsatz, um Keller leer zu pumpen, Sandsäcke zu füllen und angesichts der sich ankündigenden Katastrophe vom Hochwasser gefährdete Gebäude abzuschotten.

Fischerbach und Lachen nicht mehr erreichbar

Der Schulunterricht fiel am nächsten Tag steilweise aus. Es kam zu Stromausfällen, Keller liefen voll, Brücken wurden überflutet. Um 15 Uhr brach der Damm zwischen B 33 und Kinzig kurz unterhalb der Kinzigbrücke. 200 Meter Damm wurden fortgerissen. Der Steinacher Ortsteil Lachen war nicht mehr erreichbar, das Unterdorf stand unter Wasser.

Haslach blieb zum größten Teil verschont. Dort waren fast nur Flurschäden zu beklagen. Dass das Wasser am Gewerbekanal am Damm "knabberte", wurde rechtzeitig bemerkt. Mit großen Steinen und eigens geschlagenen Tannen konnte eine Überflutung verhindert werden.

Anders sah es beim Hausacher Hechtsberg aus. Der Bereich zwischen dem dortigen Gasthaus und dem Bahndamm glich am Nachmittag einer Seenplatte. Die ansässigen Firmen hatten massive Schäden zu beklagen. Bei der Spedition Gass wurde beispielsweise eine Luftdruckhalle zerstört. Die B 33 war nicht mehr befahrbar. Das Verbandsklärwerk hatte dermaßen mit den Wassermassen zu kämpfen, dass es ausfiel.

Auch die Feuerwehr Fischerbach war im Dauereinsatz. Als das Hochwasser die K 5357 überflutete, musste sie gesperrt werden. Fischerbach war abgeschnitten. Im Obereschau auf dem Anwesen des Obstbauern Braig wurden Flächen überschwemmt, Aufschüttungen von Sand und Kies verhinderten aber Schlimmeres.

Am härtesten traf das Hochwasser Wolfach: Noch in der Nacht überstieg der Pegel die Dämme, die Vorstadt wurde überflutet. An die 200 Häuser liefen voll und wurden beschädigt. Das Wasser stand teilweise 3,70 Meter hoch – normalerweise hat die Kinzig eine Tiefe von gerade mal 35 Zentimetern. Wäre der Pegel nur ein paar Zentimeter höher gestiegen, wäre die gesamte Innenstadt überschwemmt worden. Nachdem ein Teil der Straße Schwarzenbruch weggeschwemmt worden war, war das obere Wolftal fast von der Außenwelt abgeschnitten und nur über Schleichwege erreichbar. Auch Oberwolfach war betroffen: Dort versank das damalige Neubaugebiet Mühlegrün/Grünau in den braunen Fluten. Keller liefen voll, teilweise schwappte die Brühe sogar ins Wohnzimmer.

Am schwersten traf das Hochwasser in Hornberg den Bereich zwischen Frombach und Triberger Straße. Hier wurde das Freibad überschwemmt, aber die Schäden waren gering. Auf den dortigen Tennisplätzen war das Gegenteil der Fall: Sie waren komplett zerstört. Auch die Kleingartenanlage der Firma Ketterer war vollkommen verschlammt.

Kommunen gründen Zweckverband

Im gesamten Kinzigtal war der Verkehr stark beeinträchtigt, wenn er nicht sogar ganz zum Erliegen kam. So war zum Beispiel die Straße zwischen Schiltach und Schenkenzell nicht mehr befahrbar, bei Triberg rauschte das Wasser durch die Tunnel der B 33. Hier gab es auch drei Todesopfer zu beklagen: Zwei junge Männer stürzten mit ihrem neuen Wagen in die Gutach und ertranken. Außerdem wurde die Leiche einer 83-jährige Gutacherin aus den Wassermassen geborgen.

Am späten Vormittag ließ der Regen endlich nach und die Lage entspannte sich allmählich. Zumindest stiegen die Pegel nicht weiter. Bis dahin waren in Wolfach 97 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. In Verbindung mit der Schneeschmelze sorgte dies für die schlimmste Überschwemmung seit 1919. Laut Franz Schmalz von der Wetterwarte Wolfach sei die Katastrophe von 1990 als ein 30-jähriges Hochwasser einzuordnen.

Anfang der 2000er-Jahre traf es insbesondere Hofstetten heftig. Im Jahr 2006 zerstörte ein Hochwasser die Brücken der Gemeinde, den Ortskern und forderte auf dem "Untersteinhof" ein Todesopfer. Kaum waren die materiellen Schäden beseitigt – was gut eineinhalb Jahre dauerte, wie sich Altbürgermeister Henry Heller im Abschiedsinterview erinnerte – machte 2008 das nächste Hochwasser alle Mühen zunichte. Hofstetten lag wieder in Trümmern.

Die tragischen Ereignisse sorgten allerdings dafür, dass das Thema Hochwasserschutz in der Raumschaft verstärkt angegangen wurde. Die Kommunen schlossen sich zu einem entsprechenden Zweckverband zusammen, der inzwischen umfangreiche Maßnahmen in und um Hofstetten sowie Mühlenbach und Haslach realisiert hat. Als nächstes Großprojekt steht das Steinacher Rückhaltebecken an.

Mit der Sommerserie "Unser Wasser im Kinzigtal" hat unsere Redaktion sich mit Fragestellungen um die Kinzig und die Wasserversorgung im Tal beschäftigt. Im letzten Teil am kommenden Samstag, 8. September, beleuchten wir den Fall der Haslacher B 33-Umfahrung, die in die Hochwasserzone der Kinzig gebaut werden soll.

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