Mahlberg "Verhältnisse wie bei Großschlachter"

Immer wieder gibt es Diskussionen über dei Arbeits- und Wohnverhältnisse von Paketzustellern – seit einigen Wochen auch in Orschweier. Foto: Symbolfoto: Skolimowska

Orschweier - Die Wohnsituation von Paketzustellern in Orsch­weier beschäftigt die Behörden. Dass sich etwas daran ändert, ist aber fraglich. Stadt und Landratsamt sehen sich gegenseitig in der Verantwortung.

Zahlreiche Beschwerden von Nachbarn

Beschwerden von Nachbarn gab es in der Vergangenheit schon öfter, bei der Ortschaftsratssitzung im Juni wurde der Fall öffentlich gemacht – und sorgte in der Folge für Diskussionen über die Dorfgrenzen hinaus: In einem Haus in der Orsch­weierer Hauptstraße sollen, verteilt auf drei Wohnungen, zeitweise 23 Menschen gelebt haben, allesamt osteuropäischer Herkunft und hier für einen Paket-Dienstleister tätig.

"Nachdem der Fall in den Zeitungen stand, hat der Vermieter reagiert. Mittlerweile ist nur noch gut die Hälfte der Personen an der Adresse gemeldet", berichtete Bürgermeister Dietmar Benz am Mittwoch im Gespräch mit der LZ. Informationen, wo die Menschen untergekommen sind, lägen ihm nicht vor, sagt der Rathauschef. Ausschließen, "dass sie sich zwar abgemeldet haben, aber immer noch im Haus leben", könne er nicht.

Gesundheitsrisiko für die Allgemeinheit?

Neben Problemen durch Lärm, Müll und wild abgestellte Fahrzeuge beschäftigt Benz vor allem die Frage nach einem möglichen Gesundheitsrisiko für die Allgemeinheit. "Die Menschen sind eng auf eng zusammen, haben durch ihre Arbeit täglich Kontakt mit einem großen Personenkreis. In Pandemie-Zeiten halte ich das zumindest für bedenklich."

Schon vor Wochen hat Benz ans Landratsamt geschrieben. Sein Anliegen: Ist die Art der Unterbringung mit der Corona-Verordnung vereinbar? Behördensprecherin Gabriele Schindler bestätigt auf LZ-Nachfrage, dass der Fall aktuell geprüft wird – baurechtlich. Dabei gehe es unter anderem um die Frage des Brandschutzes und "allgemein darum, ob das Haus grundsätzlich für die vorliegende Nutzung geeignet ist". Ein abschließendes Ergebnis sei in den nächsten Wochen zu erwarten. Bezüglich Corona verweist Schindler indes zurück an die Stadt: Diese sei "als Ortspolizeibehörde für die Überwachung und Einhaltung der Regelungen verantwortlich".

Behörde sehe keine Probleme 

Von der LZ über die Einschätzung der Behörde informiert, schüttelt der Bürgermeister den Kopf: "Ich habe meine Bedenken geäußert, für das Verhängen von Bußgeldern ist das Landratsamt als untere Verwaltungsbehörde zuständig." Offenburg, so Benz weiter, habe ihm mitgeteilt, dass man keine Probleme sehe, weil die Bewohner zu einem Hausstand zählten. Dass sie nicht miteinander verwandt seien, würde keine Rolle spielen.

Für den Rathauschef "ist das Thema damit erledigt" – auch wenn es ihn hörbar verärgert: "Für mich sind das Wohnverhältnisse ähnlich der bei Großschlachtern." Eine Parallele zum Tönnies-Skandal in Nordrhein-Westfalen, wo sich Tausende Arbeiter mit Covid-19 infizierten hatten – ist das nicht etwas hochgegriffen? Nein, sagt Benz. "Man muss nicht in eine Großstadt gehen, um Missstände zu finden."

Das Objekt in der Orschweierer Hauptstraße sei nicht das einzige "überbevölkerte" in Mahlberg. "Insgesamt sind im Stadtgebiet in der Regel 60 bis 80 Arbeiter aus Osteuropa gemeldet." Nicht nur in der Paket-Branche, vor allem auch im Baugewerbe seien sie tätig. Benz’ Erfahrung nach lebten die Menschen "immer unter maximaler Ausnutzung des Wohnraums". Unter diesen Umständen, sagt der Bürgermeister, "dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir eine zweite Corona-Welle bekommen".

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