Live in Berlin So erlebte unser Reporter das DFB-Pokalfinale

Felix Gieger

Auch für Sportredakteur Felix Gieger hieß es am Wochenende: "Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin." In der Hauptstadt begleitete er die Fans des SC Freiburg von der Anfahrt am Freitag bis zur bitteren Niederlage im Elferschießen.

Alles beginnt mit einer Nachricht vom Leiter der Sportredaktion aus Oberndorf. "Willst du für uns zum DFB-Pokalfinale?", steht da auf dem Bildschirm. Am Tag vorher hat der SC Freiburg in Hamburg gewonnen und zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte das Ticket für das Finale der Profis gebucht. Sofort kommt Euphorie in mir auf, ein DFB-Pokalfinale im Olympiastadion erlebt man schließlich als Lokalsportredakteur nicht alle Tage.

Vier bange Tage des Wartens auf die DFB-Akkreditierung

Es folgen bange Tage des Wartens. Wird meine Akkreditierung bestätigt? Jedes Mal, wenn das Briefumschlagsymbol im Mailprogramm blinkt, steigt die Spannung. Bei jedem Fehlalarm sinkt die Stimmung. Was, wenn ich nicht akkreditiert werde? "Du wirst ins Stadion dürfen", sagt ein Kollege. Es klingt wie ein Mantra dieser Woche, in der ich den einen oder anderen in meinem Umfeld verrückt mache. Doch vier Tage nach Ende der Frist ist es soweit: DFB-Pressemitarbeiter Stephan Eiermann sendet die erlösende E-Mail: Ich fahre nach Berlin.

Wie wohl die meisten Fans fiebere auch ich dem Finaltag entgegen, am Freitagmorgen geht es dann los. Schon im Zug bekomme ich einen Eindruck, was die kommenden beiden Tage passieren wird. Überall sieht man Trikots und Fanschals, die Stimmung ist gelöst. Während es die Anhänger sofort nach der Ankunft in Berlin in die Innenstadt zieht, fahre ich erst Mal zum Stadion: Erst muss die Akkreditierung abgeholt werden, danach trainiert der SC für 15 Minuten öffentlich. Anschließend noch ein kurzer Blicks ins Stadion. Mein erster Gedanke: Wow. Die Vorfreude auf das Spiel steigt weiter. Noch schnell ein letzter Post im Live-Blog, der das ganze Wochenende über läuft – dann ist Feierabend.

Ein paar Stunden später ist Finaltag – und die Stadt fest in Freiburger Hand. So wird das kurze Sightseeing am Checkpoint Charlie und dem Brandenburger Tor zur Arbeit, denn überall sind Fans, die sich bereitwillig und gut gelaunt für den Blog fotografieren lassen. Schon hier wird klar: Das wird ein arbeitsreicher Tag. Diese Vermutung bestätigt sich am Breitscheidplatz, wo schon am frühen Mittag Tausende Fans feiern. Auch einige meiner Kumpels sind – als Fans – in Berlin. Nach einem Getränk (eins ist keins) verabschiede ich mich mit den Worten: "Bis gleich." Dass wir uns im Berliner Getümmel nicht mehr wiederfinden werden, kann zu diesem Zeitpunkt noch keiner wissen.

Stattdessen trifft man einige Leute aus der Ortenau. Der Lahrer Stadtrat Roland Hirsch ist mit seiner Frau auf dem Fanfest, ebenso Norbert Großklaus, Präsident des Offenburger FV. Während wir uns in Berlin unterhalten, bereitet sich die OFV-Mannschaft gerade auf das Spiel in Weil vor. Auch seine Gedanken sind natürlich zu diesem Zeitpunkt beim Team, am Morgen hat er ihm noch per Sprachnachricht Erfolg und Glück gewünscht.

An jeder Ecke trifft man ein bekanntes Gesicht aus der Heimat

Abends ist der OFV-Präsident dann als Unterstützer in Berlin gefragt, er ist einer von gut 30 000 Freiburger Fans im Stadion. Vorher lief ein Großteil gemeinsam zum Olympiastadion, es waren unfassbare Bilder, niemand, der dabei war, wird den Fanmarsch je vergessen. Und während für die Zuschauer dann das Vergnügen im Stadion so richtig beginnt, herrscht auf der Pressetribüne geschäftiges Treiben. Viele – auch ich – schreiben bereits Online-Berichte über die Flut von Freiburgern in Berlin.

Gleichzeitig versuchen jedoch auch die Pressevertreter, die Atmosphäre aufzusaugen, vor allem die Stimmung in der SC-Kurve ist schon lange vor dem Anpfiff fantastisch. Aus dem Block erreichen mich immer wieder Bilder und Nachrichten. Der Tenor: Der Wahnsinn, was hier abgeht.

In den Katakomben des Stadions ist es dagegen ruhig, die grauen Wände im schlecht ausgeschilderten Treppenhaus sorgen für eine kühle Atmosphäre. Hier ergeben sich ganz neue Probleme: Denn das Stadion ist extrem weitläufig – zudem ist der Pressebereich während des Finales nicht im Pressebereich des Stadions, sondern in der Aufwärmhalle. Hier bereiten sich bei Leichtathletik-Events die Sportler vor – am Finaltag wird hier die Pressekonferenz abgehalten, Journalisten können hier zudem in Ruhe arbeiten.

Auf dem Weg dorthin verliert man aber schnell die Orientierung. Also noch mal zurück und einen fachkundigen Ordner fragen. "Keine Ahnung. Ich verlauf’ mich hier auch ständig", sagt einer der Sicherheitsmänner mit Berliner Akzent und lacht. "Aber wenn du den Weg kennst, sag Bescheid – mich fragen die Leute ja ständig danach." Hat man den Weg aber einmal raus, ist es ganz einfach, aber laufintensiv.

Als um 20 Uhr das Finale angepfiffen wird, sitze ich neben zahlreichen Kollegen auf der Pressetribüne und verfolge das Spiel – und die extrem bittere Niederlage des SC Freiburg. Schon währenddessen wird eifrig getippt, der erste Text geht kurz nach dem Spiel online. Um kurz nach halb eins ist dann Feierabend, in der S-Bahn stehe ich mit den Leipziger Fans, die den selben Stadionausgang nutzen.

Nach dem Abpfiff ist der SC Freiburg wenigstens "Pokalsieger der Herzen"

Die Stimmung ist verhalten und stützt die These, dass der Falsche gewonnen hat. Denn bei aller gebotenen Neutralität: Auf der Pressetribüne waren die Sympathien klar verteilt. Doch den Freiburgern bleibt am Ende nur der Titel "Sieger der Herzen". Ein einmaliges Erlebnis war es dennoch. Für Spieler, Fans – und Reporter aus dem beschaulichen Südbaden. Und eines ist sicher: Die Akkreditierung, die im Vorfeld so viel Nerven gekostet hat, wird gut aufbewahrt.

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