Lokales 30 Schüsse, noch mehr Fragen

Lahr/Rot am See/Ellwangen - Sechs Tote. Erschossen bei einem Blutbad im Januar, mutmaßlich von einem jungen Mann, der aus Lahr stammt. Seit Montag läuft die Verhandlung. Nicht nur in Rot am See hoffen die Bürger auf Klarheit, wie es zu dieser Familientragödie kommen konnte. Sonntagabend, Tatort-Zeit. Im 5000-Seelen-Ort Rot am See, hoch oben im Norden Baden-Württembergs, ist Ruhe eingekehrt. Stille liegt über der Bahnhofstraße, man hört nur Vögel den Abend anzwitschern. Am kleinen Bahnhof kommt der Regionalzug an. Ein VfB-Fan im Vereinstrikot, um die 40, steigt aus, frisch aus Cannstatt, wo er mit anderen Fans den Wiederaufstieg seiner Schwaben in die Bundesliga vor dem Stadion mitverfolgt hat. Er läuft die wenigen Schritte hinab Richtung Dorfmitte und kommt am "Deutschen Kaiser" vorbei. Einem Lokal, dessen Wirt auch glühender VfB-Fan war. Bis er am 24. Januar brutal erschossen wurde. So wie fünf weitere Familienangehörige.

Die Kerzen erloschen, Blumen vertrocknet. Doch die Abscheu vor der Tat glimmt weiter.

Tatort-Zeit. Die herrscht in Rot seit gut fünf Monaten. Das Familien-Blutbad, angerichtet mutmaßlich von einem jungen Mann, der lange in Lahr lebte, es machte das beschauliche Örtchen bundesweit bekannt. Sechs Tote, zwei Verletzte und weitere Familienmitglieder, die gerade noch vor tödlichen Schüssen flüchten konnten. Ein schreckliches Drama.

Ja, klar wisse er, dass der Prozess gegen den Angeklagten Adrian S. am Montag beginne. "Das weiß hier jeder", sagt der VfB-Fan. Rot am See war traumatisiert, als die schreckliche Tat die ganze Republik aufwühlte. 1000 Einwohner waren zur Trauerfeier für die Opfer gekommen. Jetzt, fünf Monate danach, erhoffen sich die Bürger zumindest ein bisschen Klarheit in der Frage, wie das alles hatte geschehen können. "Aber man kann in die Köpfe der Leute eben nicht hineinsehen", meint der Fußballfan und läuft weiter.

Vorbei am Gasthaus, vor dem noch immer Absperrband der Polizei im Wind flattert, zwischenzeitlich vergilbt. Vorbei an mehreren Dutzend Kerzen, die im Januar vor das Haus gestellt wurden. Vorbei an längst vertrockneten Blumen, die traurig neben Bildern stehen, die Freunde aufgestellt haben, mit Motiven der Getöteten. Auch vom Wirt der beliebten Wirtschaft. Ein Zettel eines Freundes liegt neben den Kerzen und erzählt, dass sie sich bei Toren in VfB-Spielen immer gegenseitig angerufen haben. Das letzte VfB-Tor sei der letzte Anruf gewesen. Nun sei der Freund tot. Im Kasten neben der polizeilich versiegelten Gasthaustüre gaukelt ein Hinweis Passanten vor, der "Kaiser" sei heute ab 17.30 Uhr geöffnet. Das Wirtshaus wird nicht mehr öffnen.

Alle Rollläden des Gebäudes aus Sandstein sind heruntergelassen. Ein Nachbar führt seinen Hund Gassi. Ja, es sei wieder Ruhe im Ort eingekehrt, meint er. Doch der blutigen Januartag hat sich fest in sein Gedächtnis eingebrannt: "Ich hatte Spätschicht und war zu Hause. Die Schüsse hab’ ich gehört und gedacht, es schlägt jemand auf ein Blech: Bumm, bumm, bumm, bumm. Immer wieder. Immer wieder. Meine Frau hat rübergeschaut zur Wirtschaft. Da stand eine Frau am Fenster, Hände am Glas. Meine Frau dachte, die putzt die Scheiben. Aber, komisch, die Frau hatte keinen Lappen in der Hand".

Wenig später ist klar: Die Frau putzt keine Scheiben, sie wird bedroht, sieht eine Neun-Millimeter-Pistole auf sich gerichtet und steht in Todesangst mit den Händen am Glas. Kurz darauf sind sechs Menschen erschossen, manche regelrecht hingerichtet, mit Kopfschüssen. Insgesamt fallen 30 Schüsse, zählen die Ermittler später. Eine Familie ausgelöscht, mutmaßlich von einem Mann, der vor wenigen Jahren aus Lahr hierher zog.

Über ihn, Adrian S., wird im Ort viel geredet, erzählt der Nachbar. Er habe ständig in seinem Zimmer gesessen und Playstation gespielt. Wie das auch schon Bekannte der Familie in Lahr der LZ aus seiner Zeit dort berichtet haben. Ein Eigenbrötler, mit wenig Kontakt zur Umwelt. Vielleicht habe er Minderwertigkeitskomplexe gehabt, sagt der Nachbar. "Kein Job, kein Erfolg, der war hier immer der Looser", meint der Nachbar. Ein Verlierer. "Das hat wohl etwas mit ihm gemacht", ahnt der Mann.

Kein Job und keine Anerkennung. Was hat das mit dem jungen Mann aus Lahr gemacht?

Was das mit Adrian S. gemacht hat, was diese Bluttat ausgelöst hat, die auf sein Konto gehen soll, das soll der Prozess klären, der am Montag in Ellwangen begonnen hat, eine Dreiviertelstunde von Rot am See entfernt. Vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts wird der Januartag im Detail aufgerollt. Und geklärt, ob Adrian S. schuldfähig war, als er Mutter, Vater, Halbschwester, Halbbruder, Tante und Onkel erschoss, wie die Staatsanwaltschaft ihm nachgewiesen haben will. Auch ein Überlebender der Bluttat hatte am Montag Rederecht im Gerichtssaal: der 14-jährige Junge der getöteten Halbschwester von Adrian S.. Er wollte unbedingt aussagen – und durfte das am Ende auch.

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