Lahr "Viele nutzen im Homeoffice die Zeit jetzt auch für Neues"

 Foto: Privat

Lahr - Tausende Menschen im Raum Lahr sind derzeit in Homeoffice. Sie sind seit vielen Monaten räumlich weit entfernt von ihrem regulären Arbeitsplatz, haben oft mehr Zeit zum Nachdenken, kommen ins Grübeln. Was macht das mit diesen Angestellten? Was löst das Zuhausearbeiten bei ihnen aus? Wir sprachen darüber mit der Lahrer Coachin Ilona Rau, die vor allem Existenzgründer und Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit berät.

Frau Rau, Homeoffice und Kurzarbeit: Viele Angestellte haben jetzt mehr Zeit zum Nachdenken. Machen sich die Mitarbeiter in Coronazeiten mehr Gedanken über ihre Arbeit, über ihr Tun, ihre Potenziale?

Absolut, das kann man sagen. Seit Ausbruch der Pandemie werde ich immer häufiger mit Anfragen für Coachings zur beruflichen Veränderung angefragt. Es sind ängstliche, unsichere, aber auch engagierte und neugierige Anfragen. Sowohl die Kurzarbeit als auch die Arbeit im Home-Office führen dazu, dass die Menschen jetzt mehr über sich und ihre Arbeit nachdenken.

Was kommen da für Gedanken?

Natürlich die Sorge um einen Jobverlust und die Befürchtung, durch Kurzarbeit Einkommenseinbußen hinnehmen zu müssen. Viele fragen sich, ob jetzt überhaupt der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel oder gar Ausstieg ist. Vor allem Ältere haben Angst, für den Arbeitsmarkt nicht mehr attraktiv zu sein.

Es gibt aber auch diejenigen, die darüber nachdenken, was sie wirklich wollen, was jetzt wirklich zählt. Manche möchten sich komplett umorientieren, einige wünschen sich einfach nur einen anderen Arbeitgeber. Andere wiederum merken aber auch, dass der Job, den sie aktuell ausüben, eigentlich doch ganz gut passt.

Corona bietet Chancen und Risiken?

Ja, das kann man so sagen. Wenn ich dem Corona-Virus bisher überhaupt etwas Positives abgewinnen kann, dann ist es, dass er Raum schafft für Neues.

Sie beraten Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Wagen jetzt mehr Berufstätige diesen Sprung?

Wenn ich meine Workshops zu diesem Thema als Gradmesser nehme, lautet die Antwort: Ja. Mein letzter Workshop "Wege in die Selbstständigkeit" war ausgebucht. Die meisten wollen sich allerdings nur im Nebenerwerb selbstständig machen, sich ein zweites wirtschaftliches Standbein schaffen. Da nimmt das Interesse zu.

Was raten Sie Interessierten, die über den Sprung in die Selbstständigkeit nachdenken?

Ich würde es nicht als Sprung bezeichnen. Eine gute Planung und eine Schritt-für-Schritt-Vorgehensweise finde ich wichtig. Dazu gehört es, sich über die persönliche Motivation und Qualifikation für eine Selbstständigkeit klar zu werden. Wesentlich ist auch, zu überprüfen, ob die Geschäftsidee erfolgversprechend ist, welche Risiken damit verbunden sind und wie ich zahlende Kunden am besten erreiche.

Und? Nutzen die Menschen diese Zeit?

Ja, das würde ich sagen.

Macht die Corona-Situation einen solchen Schritt in die Selbstständigkeit schwerer als früher?

Teils ja. Corona ist nicht Teil des Business-Plans gewesen. Auf uns kommen plötzlich Herausforderungen zu, von denen wir bis vor Kurzem noch nichts ahnten. In dieser Situation werden viele Pläne hinfällig. Der Umgang mit den Behörden, mit der Bürokratie ist derzeit schwieriger, auch neue Kunden zu gewinnen ist aktuell nicht so einfach.

Jetzt ist aber auch die Chance da, mit bisherigen Gewohnheiten zu brechen und sich zu fragen, welche neuen Bedürfnisse die Krise persönlich für einen schafft. Sie kann ein guter Anlass sein, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, neue Ideen umzusetzen. Gerade im Hinblick auf die Digitalisierung schlummern noch viele Potenziale.

Wenn sich Mitarbeiter zu Hause mehr Gedanken darüber machen, ob sie in ihrem bisherigen Job bleiben wollen: Was sollten da die Arbeitgeber tun?

Sie sollten ihre Mitarbeiter nicht aus dem Blick verlieren. Denn ihnen wird in der aktuellen Situation auch einiges abverlangt: Neue Arbeitsformen, mehr Selbstverantwortung, Kurzarbeit, fehlender Kontakt zu den Kollegen und so weiter. Fühlen sich die Mitarbeiter in dieser Situation vom Unternehmen im Stich gelassen, besteht die Gefahr, dass sie die nächste Gelegenheit zu einem Jobwechsel nutzen.

Oh, oh...

Ja, Führung in Online-Zeiten ist für die meisten neu und auch nicht so einfach. Es braucht Vertrauen in die Mitarbeiter. Die Führungskräfte sollten gut zuhören können. Der Dialog mit dem Team muss ganz oben auf der To-do-Liste stehen.

Auch eine gemeinsame Erarbeitung von Teamvereinbarungen zum Arbeiten im Homeoffice kann die Zusammenarbeit erleichtern. Mir ist eine Firma aus der Ortenau bekannt, die neben den Teamsitzungen per Video auch virtuelle Kaffeepausen einrichtet, in denen ein reger Austausch auch über private Dinge stattfindet. Damit soll sichergestellt werden, dass den Mitarbeitern nicht die Decke auf den Kopf fällt.  Fragen von Jörg Braun

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