Lahr Viel mehr als nur ein beliebtes Fotomotiv

Lahr - In einer Serie der Lahrer Zeitung widmet sich Walter Caroli den über Jahrhunderten in Lahr existierenden Gasthäusern. Heute geht es um das Gasthaus und Hotel Zur Sonne, heute bekannt als "Sonne-Post".

Nicht selten sieht man Besucher der Stadt Lahr mit gezückter Kamera auf dem Sonnenplatz stehen, die ein Erinnerungsfoto der bemalten Fassade des früheren Hotels Sonne-Post schießen. Vielen meinen, etwas besonders Historisches festzuhalten. Dabei hat die Lüftlmalerei, die vor etwas mehr als 20 Jahren entstanden ist, gar keinen historischen Wert.

Nichtsdestotrotz hängt das Herz vieler Lahrer an dieser Fassadengestaltung. Dies zeigte sich besonders im Jahr 2008, als ein Abriss im Raum stand. Eine Bürgerinitiative setzte sich damals für den Erhalt ein. Für die Protestbewegung nahm der Vorgang, der schon zu einem Kaufvertrag geführt hatte, eine "glückliche" Wende: Der damalige Investor musste Insolvenz anmelden. Weil der frühere Hotelbesitzer das Inventar schon verkauft hatte, blieb dem Eigentümer ein leeres Hotelgebäude mit großem Modernisierungsbedarf.

Doch nicht nur die beeindruckende Fassade machen das Gebäudes besonders, es ist auch die bewegte Geschichte des Hauses, in dem sogar Großherzog Leopold von Baden und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben übernachtet haben sollen.

Das Gasthaus Zur Sonne wurde im Jahr 1659 am damaligen Marktplatz (heute Sonnenplatz) von Johann Willig erbaut. Das Haus scheint von Anfang an über repräsentative Räume verfügt zu haben und geräumig gewesen zu sein, denn schon im Gründungsjahr, am 25. September, fand nach der vollzogenen Huldigung des neuen Landesherrn, Markgraf Friedrich IV. von Baden-Durlach ein Mahl statt, an dem außer zwei kaiserlichen Kommissären und einigen badischen Räten alle Schultheißen von Stadt und Land sowie die Lahrer Ratsherren teilnahmen.

1713 zeigte sich: Wirte leben mitunter gefährlich

Von einem weiteren hochoffiziellen festlichen Anlass berichtet das Lahrer Ratsprotokoll vom 30. Juni 1701: Man feierte die Ernennung von Christoph von Bärenfels zum Oberamtmann.

In der oberen Stube des Gasthauses hatte sich am Vormittag eine illustre Gesellschaft eingefunden: Anwesend waren unter anderen der baden-durlachische Landvogt N. von Gemmingen, der Hofratssekretär Rosskopf, der seitherige Oberamtmann Philipp Jakob Vinther, nunmehr Stadtmedicus in Frankfurt, Landschreiber Philipp Moritz Vinther, Amtsschreiber Johann Mylius, Förster Johann Ludwig Fritsch, Stadtschultheiß Johann Georg Schnitzler, die vier Bürgermeister, der Stadtschreiber und die acht Ratsfreunde von Lahr sowie die Schultheißen der nassauischen zur Herrschaft Lahr gehörenden Gemeinden und deren Heimburger (oberster Beamter). Die Personen aus der Herrschaft Lahr gratulierten dem Oberamtmann und gaben Handtreu, das Versprechen der Treue.

In den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts war Johann Christmann Wolff der Sonnenwirt. Im Alter von 47 Jahren starb er an der hitzigen Krankheit. Sein gleichnamiger Sohn, der ein Jahr zuvor Agatha, geborene Irion, geheiratet hatte, übernahm die Wirtschaft.

Dass Wirte zuweilen gefährlich leben, zeigte sich am Ostermontag 1713. Das Ehepaar Wolff geriet in Bedrängnis, als sich Johannes Zankel mit Gästen anlegte und seinen Vater Christian Zankel zu Hilfe holte. Als der Streit eskalierte, wollte die schwangere Wirtin Einhalt gebieten, erhielt aber mit einem Prügel einen Schlag auf den Kopf.

Als der Ehemann von einer Versteigerung zurückkam, bekam er einen Hieb auf die Hand. Über die Verletzungen stellten die Barbiere und Chirurgen Salomon Caroli und Jakob Morstadt am 8. Juni 1713 ein Attest aus. Darin ist unter anderem zu lesen, dass die Wirtin befürchtet hatte, ihr Kind zu verlieren. Das Kind Agatha kam unbeschadet zur Welt, wurde aber nur vier Jahre alt.

Der Name Wolff mit dem charakteristischen Doppel-F kennzeichnet die Wirte fast das ganze 18. Jahrhundert. Auf Johann Christmann Wolff jr. folgte Johann Christian Wolff und auf diesen Johann Michael Wolff. Letzterer berichtete dem Oberamt im Jahr 1787 in verblüffender Offenheit über die Misswirtschaft seiner Eltern, die dadurch das vom Großvater zusammengetragene große Vermögen verspielt hätten.

Er tat dies, um dem Antrag, Bier brauen zu dürfen, Nachdruck zu verleihen. Die Gäste hätten sich wegen deren Nachlässigkeit nach und nach verloren, während zu Lebzeiten des Großvaters noch alle Fremde in der "Sonne" eingekehrt seien. Es sei ihm trotz allem Fleiß nicht möglich, dies wieder zu korrigieren, da die jungen Wirte der anderen Gasthäuser es verstanden hätten, die Kunden an sich zu ziehen. Amtmann Langsdorff und Landschreiber Koch hatten – vorausgesetzt, dass Gebühren von rund 140 Gulden bezahlt würden – nichts einzuwenden.

So kam es zum Zusatz "Post"

Die Hochzeit mit Katharina Elisabeth Schötter im Jahr 1785 bescherte dem Wirt mittelfristig ein zusätzliches wirtschaftliches Standbein, denn der Schwiegervater Ludwig Schötter war Posthalter. Fortan war die "Sonne" mit der Posthalterei verbunden.

Beim frühen Tod des Sonnenwirts 1797 notierte der Pfarrer folgerichtig "Postexpeditor und Sonnenwirt". Wolffs Witwe verheiratete sich mit dem Postexpeditor Johann Gottfried Eberlin aus Kehl, der nun die Wirtschaft übernahm. Dessen Nachfolger wurde sein Sohn August Adolph Eberlin (1806-1876).

1870 kaufte der Koch Louis Nassoy die Gastwirtschaft mit Inventar für 90 000 Reichsmark und führte sie weiter. In seiner Zeit hielten die Jagdgesellschaften ihre Zusammenkünfte und Gastmähler in der "Sonne" ab. 1906 wurde der Frankfurter Wilhelm Kleiner neuer Wirt. Er veranlasste einige Umbauten.

Müller plante sogar den separaten Bau eines Vereinslokals für die "Hammerschmiede". Der vom renommierten Architekten Hermann Müller gefertigte Entwurf für den Hotelumbau ist nur ansatzweise umgesetzt worden.

Die nächsten Wirtinnen und Wirte waren von 1919 bis 1932 Rudolf Engel, Wilhelm Stolz, Hermann Knötsch, Ferdinand Willibald, Wilhelm Lehmann, Karl Ade und Emilie Daligo.

Im Mai 1933 erhielt Urban Schädler vom Lahrer Bezirksamt die Konzession zum Betrieb der Realgastwirtschaft "Sonne". Zusammen mit seiner Frau hatte er zuvor die Wirtschaft Zum Badischen Hof geführt. Zum Ausschank wurden alle Arten von geistigen und nichtgeistigen Getränken zugelassen.

Nächster Betreiber war der aus St. Blasien stammende Küchenchef Rudolf Velhagen, der Hotel und Wirtschaft im Jahr 1939 übernahm. Nachdem der Wirt als Soldat bei einem Fliegerangriff ums Leben gekommen war, führte seine Witwe die Gastwirtschaft weiter.

Nach Kriegsende wurde das Haus von der französischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und erst 1953 wieder freigegeben. Von der Kronenbrauerei Offenburg erwarb der Danziger Hotelier Rudolf Wetzel das Anwesen für 90 000 D-Mark.

Deshalb prangt heute noch über dem Eingang neben dem Lahrer auch das Danziger Wappen. Nach mehrmonatigen Um- und Aufbauarbeiten konnte das Hotel im Februar 1954 eröffnet werden. Eine Tageszeitung beschrieb das umgebaute Hotel als "Haus mit moderner Behaglichkeit". Prachtstück sei der geräumige Saal.

Oberbürgermeister Heinrich Friedrich sagte bei der Eröffnung, "das Hotel stellt in seiner neuen Gestalt ein Meilenstein in der Geschichte der Lahrer Gaststätten dar, zumal nun der Mangel an einem modernen Haus beseitigt sei". Wetzel verkaufte das Hotel an Anton Schmalz, der es bis zum Weiterverkauf vermietete und verpachtete.

Was bringt die Zukunft?

Wie auch immer die Zukunft des Hotels Sonne-Post aussehen mag, abgerissen wird das stadtbildprägende Gebäude wohl nicht. Ende 2017 ist es in den Besitz eines Investors aus dem Raum Karlsruhe gegangen. Man darf gespannt sein, welche weiteren Nutzungen (Geschäfte, Wohnungen, gastronomische Angebote) künftig auf dem 1200 Quadratmeter großen Grundstück infrage kommen und in welchem Maße hinter der Fassade saniert und modernisiert werden wird.

Ältere Lahrerinnen und Lahrer verbinden emotionale Erinnerungen mit der "Sonne-Post“. Viele von ihnen – darunter der Autor – haben als Tanzschüler im verspiegelten Tanzsaal des Hotels ihren Abschlussball gefeiert.

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