Lahr Viel Arbeit für die Polizei

Seit zwei Jahren wohnt Elvis Okwa in dem Heim am Flugplatz. Das Leben dort sei nicht allzu bequem, sagt der Nigerianer, mit dem eine Unterhaltung auf Englisch möglich ist. Aber er habe ein Bett, und wenn er krank werde, erhalte er Medikamente – dafür sei er dankbar.   Die Bewohner: Der 34-Jährige ist einer von 243 Flüchtlingen in der Gemeinschaftsunterkunft, in der deutlich mehr Asylbewerber Platz hätten. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle waren die Zimmer mit jeweils drei Bewohnern belegt, momentan sind es pro Zimmer nicht mehr als zwei Bewohner, einige Zimmer stehen auch leer.

Die Hälfte der am Flugplatz untergebrachten Flüchtlinge kommt aus Gambia. Bundesweit stellen Asylbewerber aus dem 1,8-Millionen-Staat in Westafrika, in dem bittere Armut herrscht, nur eine kleine Gruppe der Flüchtlinge dar. Deshalb werden die Asylanträge für Gambier in nur einer Außenstelle des Bundesamts für Migration bearbeitet, in Karlsruhe. Flüchtlinge aus Gambia werden daher im Südwesten untergebracht, darunter eben auch am Lahrer Flugplatz. Andere Bewohner der Containerunterkunft haben sich aus Nigeria, Afghanistan, Iran, Irak oder Eritrea nach Deutschland durchgeschlagen. Menschen aus insgesamt 18 Nationen leben am Flugplatz auf engem Raum zusammen – ausschließlich Männer über 18 Jahren.

  Die Heimleiterin: Die Unterkunft ist von einem hohen Zaun umgeben. Als der Berichterstatter dem Wachdienst an der Pforte sagt, dass er mit Heimleiterin Stefanie Ziegler verabredet ist, darf er rein.

Die 24-Jährige erzählt, dass die Bewohner kommen und gehen dürfen, wie es ihnen beliebt, auch nachts. Doch für Gäste von außen gelten Besuchszeiten von 8 bis 22 Uhr – und sie dürfen das Gelände nur betreten, wenn sie sich ausweisen und am Eingang sagen können, zu wem sie wollen. Um 22 Uhr ist Zapfenstreich für Gäste. "So verhindern wir, dass Bewohner mit Freunden von außen Partys feiern, die die anderen stören", sagt Ziegler. Als Heimleiterin darf sie auch Hausverbote aussprechen für Besucher, die für Unruhe sorgen.

Eine junge Frau als Leiterin einer Unterkunft, in der eine große Anzahl von Männern aus fremden Kulturkreisen lebt – wie funktioniert das? Problemlos, erwidert Ziegler. Sie habe noch nie das Gefühl gehabt, von den Bewohnern nicht respektiert zu werden. Auf dem Gelände trägt sie ein Funk-Notruf-System bei sich, über das sie Hilfe holen kann, sollte sie bedrängt werden. Doch sie habe den Alarm noch nie auslösen müssen.

Eine junge Frau leitet die Unterkunft

Ziegler ist Verwaltungsfachangestellte und im Migrationsamt des Landratsamts beschäftigt. Auf die Stelle der Heimleiterin hatte sie sich intern beworben. Sie trage gern Verantwortung und liebe die Abwechslung bei dieser Tätigkeit, erzählt sie. Während des Gesprächs klingelt alle paar Minuten ihr Diensthandy – so gefragt ist die 24-Jährige.

Die Schwanauerin leitet insgesamt elf Flüchtlingsheime, außer dem auf dem Flugplatz auch die in der Geroldsecker Vorstadt sowie in der Willy-Brandt-Straße in Lahr, in Sulz, Schwanau, Meißenheim, Neuried, Friesenheim, Zell am Harmersbach und Gengenbach. Damit trägt sie die Verantwortung für etwa die Hälfte der Gemeinschaftsunterkünfte im Kreis, in denen etwa 900 Menschen leben. Die Unterkünfte im nördlichen Kreisgebiet werden von Stefanie Frank geleitet.

  Verteilung der Flüchtlinge: Ihre wichtigste Aufgabe sei die Verteilung der Flüchtlinge auf die Unterkünfte, berichtet Ziegler. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle habe sie Monat für Monat rund 200 Menschen oder mehr neu unterbringen müssen, zurzeit würden noch etwa 79 monatlich neu hinzukommen.

Nicht alle sind damit einverstanden, wo sie zunächst einquartiert werden, dann bitten sie Ziegler, in ein anderes Heim umziehen zu dürfen. Begehrt ist etwa die Unterkunft in der Willy-Brandt-Straße, weil sie in der Innenstadt liegt und die Bewohner dort selbst kochen können. Dagegen steht die Containerunterkunft am Flugplatz, inmitten von Industrieansiedlungen und einen rund einstündigen Fußmarsch von der Innenstadt entfernt gelegen, bei den Flüchtlingen nicht so hoch im Kurs, wie das Gespräch mit Ziegler zeigt. Am Flugplatz dürfen die Bewohner auch nicht selbst kochen. In der großen Anlage wäre die Selbstversorgung aus hygienischen Gründen und wegen der Brandgefahr "höchst pro­blematisch", so Ziegler.  Leben in der Unterkunft: Das Heim hat drei zweistöckige Wohnblöcke, in die lange, fensterlose Gänge hineinführen. Rechts und links liegen die rund zwölf Quadratmeter großen Zimmer. Sie sind mit zwei Betten, zwei Spinden und einem Tisch mit zwei Stühlen ausgestattet. Beschäftigungsmöglichkeiten? Hinter den Wohnblöcken, die jeweils aus 64 Containern bestehen, darunter Container mit Sanitäranlagen, gibt’s einen Bolzplatz, eine Sitzecke, über die ein Sonnensegel gespannt ist, eine Tischtennisplatte aus Stahl, einen Basketballplatz und eine kleine Trimmdich-Anlage für Sportübungen. Beim Besuch unserer Zeitung war es aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Bewohner nicht möglich, auf dem Gelände zu fotografieren.

Den Alltag der Flüchtlinge prägt das Warten – auf den nächsten Termin beim Ausländeramt, darauf, wie es generell weitergeht, vor allem natürlich auf den Asylbescheid. Dabei haben viele kaum Chancen, bleiben zu dürfen, werden doch etwa fast alle Asylanträge von Gambiern abgelehnt. So stehen die Flüchtlinge am Flugplatz vor einer ungewissen Zukunft – zwischen der Angst vor Abschiebung und der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Immer wieder bricht Gewalt aus

Die Unterkunft wird von der Firma OLK Objektverwaltungs GmbH mit Sitz in Freiburg im Auftrag des Ortenaukreises betrieben. Wulf Piazolo ist als stellvertretender Objektleiter für die Firma OLK an mindestens fünf Tagen in der Woche vor Ort. Wie ist die Stimmung dort? Das wechselt, antwortet der 43-Jährige – je nachdem, ob die Bewohner gute oder schlechte Nachrichten erhalten. Gewaltausbrüche? "Die kommen vor", so Piazolo. Auseinandersetzungen würden etwa entstehen, wenn ein Bewohner einen anderen des Diebstahls verdächtigt, sich ein Bewohner am Schnarchen seines Zimmerkollegen stört oder einer die (unfertige) Wäsche eines anderen aus der Waschmaschine entfernt, um seine eigenen Sachen zu reinigen. "Trotzdem ist es insgesamt ein gutes Miteinander", stellt Piazolo fest.

Zoff wegen der Einhaltung der Putzdienste – in anderen Flüchtlingseimen kein seltener Grund für Streit – gibt es am Flugplatz nicht, beschäftigt die OLK doch auch Reinigungskräfte, die die Außenanlage und Gemeinschaftsflächen putzen. Das Unternehmen hat auch Mitarbeiter für Hausmeisterdienste, Sicherheit und die Essensausgabe angestellt. Außerdem stellt das Landratsamt Sozialarbeiter, und Ehrenamtliche des Freundeskreises Flüchtlinge bieten Sprachkurse an.

Das Kantinenessen liefert die Bellini-Gruppe aus Freiburg. Am Tag, als der Berichterstatter die Unterkunft besucht, stehen Chili con Carne mit Rindfleisch sowie als vegetarische Alternative Penne mit Tomatensauce auf dem Speiseplan, dazu gibt’s Obst und Gemüse.   Hoffen auf Asyl: Er wisse es zu schätzen, was Deutschland für ihn tue, sagt Elvis Okwa. Sein Leben in Nigeria sei "ein Risiko" gewesen, dort habe er "politische Probleme" gehabt. Er will bleiben, um als Missionar zu arbeiten und den Menschen das Wort Gottes näherzubringen. In Nigeria sei er Geschäftsmann gewesen, habe Waren gekauft und verkauft.

Vor einiger Zeit hat Elvis Okwa den Brief erhalten, den kein Flüchtling erhalten will, die Ablehnung seines Asylantrags. Er hat sich einen Anwalt genommen, um sich vor Gericht das Recht zu erstreiten, im Land bleiben zu dürfen. Die Ungewissheit sei hart, erzählt er.                    Herbert Schabel

Der Lahrer Polizei bereitet das Flüchtlingsheim am Flugplatz eine Menge Arbeit, die Beamten müssen dort regelmäßig Streit schlichten. "Im Sommer mehr als einmal in der Woche", antwortet Felix Neulinger, Leiter des Lahrer Polizeireviers, auf die Frage, wo oft die Beamten zu der Unterkunft ausrücken müssen. Dort würde "eine Vielzahl von Straftaten" begangen – meist Körperverletzungen. Werden auch Einheimische Opfer von gewalttätigen Flüchtlinge? Das passiere "von sehr selten bis gar nicht", antwortet Neulinger. Die Opfer von gewalttätigen Flüchtlingen seien meist selbst auch Flüchtlinge. Zoff würde etwa entstehen, wenn unterschiedliche Ethnien aneinandergeraten. Die genauen Zahlen ihrer Einsätze in der Unterkunft am Flugplatz will die Polizei erst bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik im Frühjahr bekannt geben.

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