Lahr Tödlicher Leichtsinn auf dem Rhein

Marco Armbruster und Herbert Schabel

Unglück: Bootsfahrer haben Warnhinweise übersehen oder missachtet / Suche nach vierjährigem Kind

Schwanau/Lahr - Am Tag nach dem Unglück auf dem Altrhein wurde immer deutlicher, dass den Bootsfahrern ihr Leichtsinn zum Verhängnis geworden ist. Drei Menschen verloren ihr Leben. Sie sollen Medienberichten zufolge aus Wolfach und Freudenstadt kommen.

Manches war am Tag danach noch nicht ganz klar, auch deshalb, weil die Offenburger Polizei mit Verweis auf französische Zuständigkeiten keine Nachrichten herausrückte. Fest stand, dass noch nach einem vierjährigen Mädchen gesucht wurde, das bei dem Unfall von einem Strudel unter Wasser gezogen worden war.

Wie ist es zu dem Unglück gekommen?

Zwei Männer, 27 und 29 Jahre alt, und zwei Mädchen, vier und sechs, stiegen am Donnerstagvormittag auf der deutschen Seite des Altrheins in ein rund drei Meter langes, olivgrünes Schlauchboot, das mit einem kleinen Außenbordmotor ausgerüstet war. Sie ließen das Boot etwa 400 Meter oberhalb eines Stauwehrs ins Wasser, das dort noch ruhig ist. Keiner im Boot soll Zeugen zufolge eine Schwimmweste getragen haben. Und keiner an Bord ahnte offenbar, dass sich weiter flussabwärts eine Wehrwalze befindet, vor der die Strömung immer stärker wird.

Die Probleme begannen wohl recht bald nach dem Ablegen. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung soll der Elektromotor ausgefallen sein. Obwohl Paddel an Bord waren, trieb das Boot auf das Wehr zu, bei dem das Wasser gut zwei Meter in die Tiefe fällt. Beim Sturz über die Wehrwalze kippte das Boot dann um. Nur dem 27-Jährigen Erwachsenen gelang es, sich an einem Beton-Vorsprung festzuhalten. Er wurde später schwer verletzt geborgen und in ein Krankenhaus gebracht.

Der 27-Jährige ist mit dem Leben davongekommen, die anderen drei Bootsinsassen wurden jedoch vom Wasser mitgerissen. Sie sind tot oder werden vermisst. Außerdem verlor ein Zeuge sein Leben, der das Unglück mitangesehen hatte. Er sprang ins reißende Wasser, um zu helfen, erlitt einen Herzinfarkt und starb an der Unfallstelle. Zwei weitere Zeugen, die ebenfalls ins Wasser gesprungen waren, konnten sich wieder an Land retten.

Was haben die Bootsfahrer falsch gemacht?

Sie hätten an der Stelle kein Boot zu Wasser lassen dürfen – das ist aus Sicherheitsgründen ebenso untersagt wie das Schwimmen und Angeln.

Weshalb haben sie die Gefahr unterschätzt?

Wenn nicht zwei Schlauchboote der deutsch-französischen Wasserpolizei am Freitagmittag auf dem Rhein bei Ottenheim kreuzen würden, könnte man die Tragödie vom Tag zuvor kaum ahnen. Der Rhein, das blühende Ufer, kleine Inseln im Strom scheinen wie die reinste Idylle. Blickt man ans französische Ufer, so liegt der Fluss ruhig da, schlägt nur leichte Wellen – eher wie ein langgestreckter See. An der Oberfläche ist keine Strömung auszumachen. Das hat wohl auch die Opfer des Bootsunglücks getäuscht. Nur in der Entfernung ist ein Rauschen zu hören – dort stürzt das Wasser über das Stauwehr zwei Meter hinab.

In regelmäßigen Abständen führen steinerne Treppenstufen direkt ans Ufer, an manchen Stellen kann man auch bequem ein Boot ins Wasser lassen. Und doch: in regelmäßigen Abständen finden sich am Rheinufer zwischen Nonnenweier und Ottenheim Warnschilder – auf Deutsch, Französisch, manche zeigen sogar Totenköpfe.

Was hat die Bootsfahrer getrieben?

Markus Ridder von der Wasserschutzpolizei in Kehl zuckt ratlos mit den Schultern, konfrontiert mit dieser Frage. Und dann vermutet er doch: "An den Rhein kann man bequem mit dem Auto fahren, man zahlt keinen Eintritt und kann den Grill gleich mitnehmen", so Ridder am Freitagmittag im Gespräch mit unserer Zeitung. Mit seinen deutschen und französischen Kollegen steht er nördlich von Ottenheim am deutschen Rheinufer und überwacht die Suchaktion. Zwar stehe die Operation unter französischer Leitung, von deutscher Seite seien aber Boote besser ins Wasser zu lassen, so der Polizist.

Wie lief die Arbeit der Retter am Vatertag ab?

Thomas Happersberger, Kommandant der Lahrer Feuerwehr, wurde am Donnerstag um 12.15 Uhr alarmiert, eine Dreiviertelstunde nach dem Unglück, und eilte dann sofort los. Happersberger übernahm vor Ort koordinative Aufgaben; Einsatzleiter war Bernd Leppert, der Kommandant der Schwanauer Feuerwehr. Insgesamt waren rund 150 deutsche und französische Einsatzkräfte an der Rettungsaktion beteiligt, Taucher, Feuerwehrleute, DLRG, Wasserwacht, Wasserschutzpolizei und Polizei. Die binationale Zusammenarbeit habe sehr gut geklappt, so tags darauf das Fazit von Happersberger. Das Ergebnis sei aber schlecht, weil man niemand habe retten können.

Als Happersberger eintraf, wurde gerade das sechsjährige Mädchen von Sanitätern reanimiert; es starb später im Krankenhaus. An der Unglücksstelle spielten sich dramatische Szenen ab, Notfallseelsorger betreuten die Angehörigen der Opfer, die unter Schock standen.

Am Freitagmittag sind entlang des Rheins zwischen Nonnenweier und Altenheim nur noch zwölf Beamte auf Booten unterwegs. Sie suchen die Rheinufer ab, erklärt Ridder. Es gelte, die vermisste Vierjährige zu finden.

Wie lange wird die Suche fortgesetzt?

"Schon noch eine Weile", so Ridder und schaut betreten drein: "Wir hoffen, das Mädchen zu finden." Er sagt "finden", klingt aber, als würde er "bergen" meinen. "Es sind jetzt mehr als 24 Stunden", erklärt der Polizist auf die konkrete Nachfrage mit einem Kopfschütteln. "Die Angehörigen brauchen Gewissheit – und wir auch."

Wer sind die Opfer?

Medienberichten zufolge war die Touristenfamilie aus Wolfach und Freudenstadt die rund 60 Kilometer an den Rhein gefahren, um sich einen schönen Tag zu machen, zu picknicken und zu paddeln. Laut französischen Behörden handelt es sich um Deutsche und Rumänen. Die deutsche Polizei hielt sich auch am Freitag mit Hinweisen auf die Opfer und den Unfallhergang bedeckt. Begründung: Das Unglück habe sich auf französischer Gemarkung ereignet; daher seien französische Behörden auskunftspflichtig. Bei dem Helfer, der von der deutschen Seite aus ins Wasser gesprungen war und dann starb, soll es sich um einen Deutschen handeln.

Die Tagesschau sendete am Donnerstag in ihrer 20 Uhr-Ausgabe einen Filmbeitrag, der SWR und viele weitere überregionale Medien berichteten ebenfalls. Der Bild-Zeitung war das Unglück am Altrhein am Freitag den Aufmacher wert. Besonders nah dran am Geschehen war die elsässische Zeitung "Dernières Nouvelles d’Alsace", von deren Internetseite etliche deutsche Medien Informationen übernahmen.