Lahr Volksbegehren: Stirbt diese Kulturlandschaft?

Lahr/Friesenheim - Winzer und Landwirte in der Ortenau sehen mit großem Bangen dem geplanten Volksbegehren "Rettet die Bienen" entgegen. Sie fürchten um ihre Existenz, sollten Pflanzenschutzmittel künftig in Naturschutzgebieten ganz verboten werden.

Die Aktion klingt vernünftig und hat einen einfachen Namen: "Rettet die Bienen" lautet das Motto des Volksbegehrens, das von der Initiative "Pro Biene" angekurbelt wurde. Das Stuttgarter Innenministerium prüft derzeit die Zulässigkeit des Volksbegehrens, für das bereits rund 36 000 Unterschriften gesammelt wurden. Ist es zulässig, müssen die Initiatoren etwa 770 000 Unterschriften zusammen bekommen, um erfolgreich zu sein.

In Bayern lief eine ähnliche Aktion, mit bundesweiter Resonanz. Doch die Kampagne in Baden-Württemberg geht mit ihren Zielen spürbar über die bayerische hinaus, mit fatalen Folgen für viele Landwirte und Winzer auch in der Ortenau. Gefordert wird etwa ein generelles Verbot von Pflanzenschutzmittel in Naturschutzgebieten.

Weinbau am Lahrer Schutterlindenberg wäre sofort unmöglich.

Einer von ihnen ist Markus Wöhrle, Chef des gleichnamigen Weinguts in Lahr, mit Weinbergen am Lahrer Hausberg, dem Schutterlindenberg. Wöhrles kultivieren dort seit fast 30 Jahren ihre Reben so umweltfreundlich, wie möglich, der Betrieb ist zertifiziert für ökologischen Weinbau. Doch bei Markus Wöhrle schrillen die Alarmglocken: "Wenn die jetzt aufgestellten Forderungen für unsere Weinlagen im Naturschutzgebiet am Schutterlindenberg tatsächlich so kommen, wie geplant, können wir dicht machen." Keine Überlebenschance? "Nein, definitiv nicht, sagt Wöhrle ernst.

Die angestrebte Schonung von Nützlingen, wie in der Bienen-Kampagne beschworen, könne er grundsätzlich voll und ganz unterschreiben. Aber ein vollständiges Verbot mancher Pflanzenschutzmittel, die sogar für seinen Bio-Betrieb zugelassen sind, das wäre das Ende. "Wir setzen natürliche Mittel wie Schwefel, Kupfer und Backpulver ein, ohne das geht es einfach sonst nicht", erklärt er.

Sein Betrieb, dessen Lagen vor allem in naturgeschützen Bereichen liegen, wäre voll betroffen. Auch am Kaiserstuhl wären mit einem Schlag 95 Prozent der Weinreben erledigt. Hopfen- und Apfelanbau am Bodensee träfe es gleichermaßen.

Und es könnte laut Wöhrle schneller gehen, als man denke. "Wenn das alles so läuft, wie es sich die Initiatoren vorstellen, dann können wir schon im nächsten Jahr dicht machen".

Auch in der Bezirksgeschäftsstelle des Bauernverbands BLHV herrscht Alarmstimmung: "Viele Landwirte sind ernsthaft in großer Sorge, wie es weitergeht. Wir bekommen viele Anfragen. Bei vielen Betrieben steht die Hofübergabe an, da machen sich die Jungen Gedanken, ob es überhaupt weitergehen kann, wenn neue, scharfe Gesetze greifen und eine Bewirtschaftung vieler Lagen unmöglich machen. Da stecken jede Menge Existenzen dahinter", weiß die Bezirksgeschäftsführerin Petra Breitenfeldt. Und auch die Banken seien schon hellhörig. "Wenn neue Gesetze kommen, wackeln so manche Höfe, weil ihnen plötzlich Flächen fehlen. Das kann das wirtschaftliche Aus bedeuten", sagt die Bauernverband-Chefin aus Herbolzheim.

Frank Erb aus Friesenheim, Winzermeister und Landwirt vom Ziegelhof, versteht die Welt nicht mehr: "Wir haben unseren Beruf gelernt, uns ständig fortgebildet, nach neuen Möglichkeiten gesucht, so naturnah wie möglich zu arbeiten und stehen jetzt da mit einem Gefühl, alles falsch zu machen". 32 ist er, sein halbes Leben schon arbeitet er in der Reben und auf den Äckern des väterlichen Hofes. Ein konventioneller Betrieb, aber einer, das sich seit langem müht, so naturnah wie möglich zu wirtschaften. Fast zehn Prozent der 60 Hektar Ackerflächen sind sogenannten Bienenweiden vorbehalten. Äcker also, auf denen Wildblumen vielerlei Art wachsen, ein Paradies für Insekten, aber auch Hasen und anderes Getier. Auf anderen Flächen baut Erb nach der Getreideernte Mischungen aus Erbsen, Wicken und Buchweizen an, die blühen und dann über den Winter wieder vergehen und Humus bilden. Ganz ohne chemischen Dünger. Überhaupt, so sagt er, würden seine Kollegen und er nur das einsetzen, was unbedingt nötig sei. "Keiner schüttet mehr auf die Felder als unbedingt notwendig. Das kostet ja alles auch viel Geld. Oder, noch als Beispiel, wenn er von seinem Hof zum Schutterlindenberg hinüber blickt, sei die eigene Wetterstation der Winzer zu nennen. "Da sammeln wir Wetterdaten, um ganz gezielt und möglichst sparsam Pflanzenschutzmittel einzusetzen.

Erb räumt ein, dass "in der Vergangenheit nicht alles gut gelaufen sei", in der konventionellen Agrarwirtschaft. Aber jetzt alles komplett in Frage zu stellen, Höfe in den Ruin zu treiben und die Idee der regionalen Erzeugung zu beerdigen, das gehe ihm entschieden zu weit. "Was wir Landwirte für die Natur heute leisten, geht in der aktuellen Diskussion völlig unter."

Und wenn es die Bauern nicht mehr gebe, die sich um die Felder und Fluren kümmern würden, dann werde der Landschaftsschutz schlagartig unbezahlbar teuer.

Der BLHV, so wurde am Dienstag bekannt, hat ein Gespräch mit der Aktion "Pro Biene" in Lahr ausgemacht, es soll im November stattfinden.

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