Lahr Selbst durch Familien geht ein Riss

Die "Theaterbühne im Keller" hat mit der Erstinszenierung von Hans Weides Roman "Rote Sonne – dunkle Nacht" ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Ungemein engagiert, taucht das Stück auf einer sehr persönlichen Ebene in die Zeitgeschichte ein.

Lahr. Der mehr als vier Jahrzehnte zurückliegende Widerstand gegen den Bau eines Kernkraftwerks in Wyhl hat Geschichte geschrieben. Engagierte Bürger aus den Dörfern am Kaiserstuhl lehnten sich auf und nahmen den aussichtslos erscheinenden Kampf gegen das von der Landesregierung vehement unterstützte Projekt auf. Das Aufbegehren der badischen und elsässischen Bürgerinitiativen unter der Parole "Nai hämmer gsait" wurde zum Synonym für den bundesweiten Kampf gegen den Atomstrom. An der "Natorampe", im Wald bei Wyhl, wurden entscheidende Impulse für die Entstehung der Antikernkraftbewegung und der Umweltbewegung gesetzt bis hin zur Gründung der "Grünen" im Jahr 1980.

"Rote Sonne – dunkle Nacht", der 2016 erschienene Roman von Hans Weide, blickt wie das nun von Christopher Kern in Kooperation mit dem Autor entwickelte Theaterstück nur sehr bedingt auf die politische Dimension der Ereignisse. Stattdessen stehen Menschen im Fokus, die aus Sorge um ihre Heimat mutig aufstanden und alles riskierten. Hier wird der Riss deutlich, der Familien und Gemeinden gespalten hat, aber auch die Kraft, die bürgerliches Engagement zu entwickeln vermag.

Hans Weide, der als Einsatzleiter der Polizei 1975 die zweite Räumung des besetzten Bauplatzes verweigerte, setzte dem Widerstand von einst ein ganz eigenes, auf einer zwischenmenschlichen Ebene angesiedeltes Denkmal, das Christopher Kern mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl auf die Bühne gebracht hat. Den Rest besorgt ein ungemein engagiert auftretendes Laienensemble, dass bei der Premiere des Stücks, am Dienstagabend förmlich über sich hinausgewachsen ist. Die Aufführung erzeugte mehr als einmal das mit einer prickelnden Gänsehaut verknüpfte Gefühl von Ergriffenheit. Das Publikum durfte miterleben, wie es sich anfühlt, wenn Widerstand geboren wird, wenn berechtigter Zorn und persönliche Standhaftigkeit über eigene Ängste, Anfeindungen und Bedrohungen Andersdenkender obsiegen. Kern ist eine beeindruckende Inszenierung gelungen, die, ein paar Längen zum Trotz, immer wieder unter die Haut geht. Die ganz nebenbei auch noch mit subtilem Humor und einer bemerkenswerten Empathie für die von Weide entworfenen Figuren aufwartet.

Erzählt wird die Geschichte des im Grunde erzkonservativen Winzers Georg Endriß (Siegfried Wacker) und seiner Frau Lina (Gisela Griesbaum), die sich gegen alle Anfeindungen mit einer Handvoll Mitstreiter an die Spitze des im Dorf entstehenden Protests stellen. Schwiegertochter Elke (Daniela Heß), eine "Reingeschmeckte" aus dem hohen Norden, steht an ihrer Seite. Sohn Wolfgang (Matthias Göbbels), ein Amtsrichter in Freiburg, tritt vehement für den Bau des Kernkraftwerks, für den Schritt in eine goldene Zukunft der Region ein. Durch die Familie geht ein Riss, der alles zu bedrohen scheint.

Vor dem Hintergrund dieser familiären Geschichte wird die Geburt des Widerstands bis zur ersten Platzräumung und der Wiederbesetzung lebendig. Weide selbst setzt mit einer kurzen Passage vom Ende des Buches den Epilog, dann stimmen alle gemeinsam die in Wyhl geborene Neufassung der "Wacht am Rhein" an. Die Premierenvorstellung im Stiftsschaffneikeller endet mit stehenden Ovationen.

  Ein 13-köpfiges Ensemble steht auf der Bühne: Daniela Heß, Matthias Göbbels, Gisela Griesbaum, Siegfried Wacker, Bärbel Huck, Bernhard Krämer, Mathias Haas, Katija Rothbächer, Ralf Kuchhäuser, Ewald Krieg, Johannes Krämer und Reinhard Kattinger.

  Das Stück wird 2018 noch drei Mal aufgeführt: Am Freitag, 16. November, bei der Kleinkunstbühne "s’Fenster" in Weisweil; am Samstag, 17. November, in der Spitalkirche in Breisach; und am Mittwoch, 12. Dezember, im "Salmen" in Offenburg. 2019 sind dann noch weitere Vorstellungen geplant.

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