Lahr Umzugscrasher: Pöbel-Gruppen in der Ortenau

Jugendliche und Alkohol werden immer mehr zum Problem bei der Fastnacht. Aktuell kämpft die Polizei in der Region mit wahren Horden von einfallenden Pöbel-Besuchern. Foto: Symbolfoto: Pleul

Südliche Ortenau - Sie kommen zu Hunderten, sind oft sturzbetrunken und vor allem auf Ärger aus: Jugendgruppen aus dem Großraum Freiburg schlagen vermehrt bei der Fastnacht in der südlichen Ortenau auf – und halten Polizei und Veranstalter in Atem.


Absichtliches Betrinken

Einzelne Heranwachsende, die ihren Alkoholkonsum (noch) nicht im Griff haben, sorgen an Fasent regelmäßig für Kummer und Sorgen. Das Phänomen, das die Polizei nun wahrnimmt, ist jedoch keine unschöne Randerscheinung mehr. Es sind junge Leute, die sich in Gruppen bewusst betrinken, um sich auf der Straße daneben zu benehmen – und zwar weit weg von zu Hause.

Vier Massenbewegungen in der südlichen Ortenau

Im Offenburger Präsidiumsbereich hat die Polizei in diesem Jahr bereits vier regelrechte Massenbewegungen registriert – alle in Richtung südliche Ortenau. "Zu den Umzügen in Ringsheim, Lahr, Sulz und Ettenheim waren haufenweise Jugendliche angereist", berichtet Polizeisprecher Wolfgang Kramer der Lahrer Zeitung.

Um die Dimensionen klar zu machen: Die Rede ist nicht von ein paar Dutzend, sondern von jeweils mehreren Hundert. "In Ringsheim waren es etwa 600, in Lahr rund 1200", sagt Kramer.

Jugendliche und junge Erwachsene als Pöbel

Das Klientel ist laut Kramer zwischen "14 und Anfang 20". Viele hätten schon bei der Ankunft deutlich zu viel intus – und weiteres Hochprozentiges im Gepäck. Weil die Polizei mittlerweile weiß, wo die "Einflugschneisen" liegen, kann sie entsprechend reagieren. "Die Jugendlichen kommen vornehmlich mit dem Zug", sagt Kramer. Schon Stunden vor Veranstaltungsbeginn sind Uniformierte an den Bahnhöfen präsent.

Die Polizisten nehmen die potenziellen Ärgermacher in Empfang, ihnen wenn nötig den Alkohol ab und ziehen die schlimmsten Fälle aus dem Verkehr. Kramer: "In Ringsheim und Lahr musste eine Handvoll Personen medizinisch behandelt werden."

Unterstützung von der Bundespolizei

Neben Beamten des Lahrer Reviers seien auch Bundespolizisten und solche des Präsidiums Einsatz (früher: Bereitschaftspolizei) unterwegs. Man habe Unterstützung angefordert, sagt der Sprecher, behält die genaue Zahl der eingesetzten Beamten aber für sich. Doch woher kommen die Horden von Jugendlichen? "Aus dem Raum Freiburg und dem Markgräflerland", sagt Kramer. Dort hat man schon einen Namen für die Gruppen: "Umzugscrasher", also Umzugszerstörer. Berichte über sie mehren sich.

Bewegung auch in der Ortenau

Offensichtlich ist es im Süden des Landes zum Sport geworden, die närrischen Lindwürme zu sabotieren und damit anderen den Spaß an der Fasent zu nehmen. Und offensichtlich ist diese Bewegung nun in die Ortenau geschwappt. "Solche extreme Fälle wie sie rund um Freiburg vorgekommen sind, gab es bei uns Gott sei dank noch nicht", sagt Kramer. Ein Problem sei die betrunkene Jugend aber allemal: "Wir beobachten die Entwicklung mit Sorge, sie bereitet uns viel Arbeit."

Rennen zwischen Hase und Igel

Die, die es von den Bahnhöfen auf die Umzüge schaffen, hätten meist nur eines im Kopf: Ärger machen. "Vor allem gegen Hästräger wird gestichelt", sagt Kramer. Die Arbeit der Beamten gleiche nicht selten dem berühmten Rennen zwischen Hase und Igel: "Wenn die Kollegen zu einer Ecke gerufen werden, ist es dort meistens schon wieder vorbei, dafür brennt es an zwei anderen Stellen." Zumindest bei der Abreise gelinge es der Polizei meist, die Gruppen zu separieren. Hästräger werden zu ihren Bussen begleitet, die Jugendlichen an den Bahnhof – ähnlich wie bei Fußballfan-Gruppen.

Nur wenige Anzeigen nach den Crashs

Das Paradoxe: Strafrechtlich Relevantes notieren die Beamten selten. Kramer: "Wir haben rund um die betroffenen Veranstaltungen immer nur eine Handvoll Anzeigen vorliegen." Und diese seien dann oft gar nicht einschlägig. Etwa Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, wenn irgendwo ein Joint auftaucht. "Körperverletzungen gibt es selten", sagt Kramer.

Der Fall in Sulz etwa, bei dem ein Hästräger von einem Jugendlichen verprügelt worden war, sei nicht dem reisenden Klientel zuzuschreiben: "Da dachte ein junger Mann, er müsse eine Bekannte beschützen und schoss dabei deutlich übers Ziel hinaus."

Verabredungen über soziale Netzwerke

Indes ist anzunehmen, dass der Pöbel-Pulk Taten begangen hat, für die es keine Zeugen gibt und die ihm deshalb nicht zuzuordnen sind. So zog sich nach dem Umzug in Ettenheim eine Spur der Verwüstung durch die Stadt – herausgerissene Laternen, zerstörte Sitzbänke, demolierte Briefkästen. "Nicht unwahrscheinlich, dass es da einen Zusammenhang gibt", sagt Kramer.

Wenn mehrere Hundert Jugendliche gemeinsam einen Ort ansteuern, ist das wohl eher kein Zufall. Die Vermutung liegt nahe, dass sich die problematischen Besucher dazu verabreden, etwa über soziale Netzwerke. Die Polizei hat das laut dem Sprecher auf dem Schirm. "Konkrete Erkenntnisse liegen uns aber nicht vor." Man stehe in Kontakt mit den Kollegen in Freiburg, "um entsprechende Entwicklungen frühzeitig zu erkennen".

Veranstalter setzen auf Prävention

Ordnungshüter, Veranstalter und Gemeinden setzen vor allem auf Präventivmaßnahmen, um der jugendlichen Meute Herr zu werden. Seit Jahren wird für jede närrische Großveranstaltungen im Vorfeld ein Sicherheitskonzept erarbeitet. Längst Standard ist, dass Zünfte für ihre Events private Sicherheitskräfte engagieren.

In Ettenheim haben die "Hoorig" in diesem Jahr überdies entschieden, nur Hästräger ins Partyzelt zu lassen, die Ringsheimer "Rämässer" schenkten im Narrendorf keinen harten Alkohol aus. In Friesenheim hat die Gemeinde nach schlechten Erfahrungen in den vergangenen Jahren ein halbes Dutzend bekannte Störer angeschrieben und ihnen für dieses Jahr ein Besuchsverbot erteilt.

Heiße Phase steht noch bevor

Die heiße Phase der Fasent, dessen ist man sich bei der Polizei bewusst, kommt erst noch. Vom Schmutzigen Donnerstag bis Rosenmontag werde "weiter mit viel Personal Präsenz gezeigt", sagt Kramer. Allerdings: "Angesichts der Vielzahl von Terminen müssen wir Schwerpunkte an den heißesten Plätzen setzen."

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