Lahr Nutria: "Möglichst nicht anfassen"

Lahr -  Im Seepark lebt eine Nutria-Familie, die aus einem Dutzend Tieren besteht. Das hat Stefan Isenmann von der LGS-Gesellschaft auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt. Einzelne Tiere sind auch bereits, wie berichtet, im Wasser gesehen worden. Wie es mit den Nutrias dort weitergehen kann – darüber haben wir uns mit Fanny Betge unterhalten. Die Biologin forscht an der Uni Freiburg über Wildtiere, die es in Lebensräume nah beim Menschen zieht.

Frau Betge, würden Sie in einem See schwimmen, der das Revier einer Nutria-Familie ist?

Ja. Normalerweise teilt man natürliche Gewässer ja auch mit Bibern, Bisamratten, Enten und anderen Wildtieren. Ich hätte da keine Bedenken.

Im LGS-See sollen die Lahrer im Sommer baden, jetzt sind dort Nutrias aufgetaucht. Sollte die Stadt die Tiere vertreiben oder töten lassen?

Es wäre nicht sinnvoll, sie zu vertreiben. Anscheinend kommen in diesem Gebiet schon über mehrere Jahre Nutrias vor. Wenn es attraktiv für die Tiere ist, werden sich dort nach kurzer Zeit vermutlich andere Nutrias ansiedeln. Und die Bejagung auf dem Gelände ist problematisch, da der Siedlungsraum nach Paragraph 13 des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes Baden-Württemberg als befriedeter Bezirk gilt, in dem die Jagd nicht ohne Weiteres möglich ist. Es gibt Ausnahmeregelungen, zum Beispiel kann zur Abwehr von Gefahren durch Tierseuchen eine Jagderlaubnis erteilt werden.

Und übertragen Nutrias Krankheiten? Oder sind sie auf andere Weise für Menschen gefährlich?

Nutrias sind, wie viele andere Nagetiere auch, in der Lage, Krankheitserreger zu übertragen, etwa Salmonellen oder Streptokokken. Wenn man aber auf normale Hygieneregeln achtet und nach dem Kontakt mit einem Tier die Hände wäscht, besteht da keine Gefahr. Generell können die meisten Wildtiere Krankheiten übertragen, daher gilt immer: Möglichst nicht anfassen.

Woher könnten die Nutrias auf dem LGS-Areal kommen?

Nutrias kommen in Baden-Württemberg hauptsächlich in der Oberrheinebene, im Kraichgau und am Bodensee vor. Sie verbreiten sich entlang von Gewässern. Vermutlich sind die Nutrias entlang der Nebenflüsse des Rheins und entlang von Gräben und Bächen in das Gebiet gewandert.

Über Nutrias ist im Internet zu lesen, dass sie standorttreu sind und ihr Revier verteidigen. Was bedeutet das?

Wenn sie ein Revier mit guten Bedingungen gefunden haben, können sie über mehrere Jahre dort bleiben. Junge Weibchen bleiben oft bei der Mutter und bilden so kleine Familiengruppen, während männliche Jungtiere abwandern. Reviere werden mit Urin markiert und gegen fremde Artgenossen verteidigt.

Angenommen, die Tiere tauchen auf, während im Sommer dort Besucher baden. Wie sollten sich die Badegäste dann verhalten?

Nutrias sollten auf keinen Fall gefüttert werden, auch wenn es Freude bereitet, die Tiere nah an sich heranzulocken. Durch die Fütterung verlieren sie zunehmend die Scheu und beginnen, um Futter zu betteln, was zu unangenehmen Situationen führen kann. Auch ist eine gewisse Vorsicht geboten, denn es handelt sich immer noch um Wildtiere, die in der Not sehr wehrhaft werden können. Außerdem kann die Fütterung zu einer raschen Vermehrung der Tiere führen. Junge Nutrias müssen dann nicht mehr abwandern, bleiben im Gebiet, und so wächst die Population schnell an.

Die Nutrias auf dem LGS-Gelände sind recht zutraulich. Woher kommt diese fehlende Scheu Menschen gegenüber?

Die Tiere lernen schnell, dass ihnen vom Menschen keine Gefahr droht. Wahrscheinlich wurden sie bereits von Besuchern gefüttert, was möglichst unterlassen werden sollte.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Nutrias gemacht?

Ich hatte erst wenige Begegnungen mit Nutrias. Als Kind habe ich eine große Kolonie an der Saale beobachten können und war fasziniert von der Größe der Tiere und ihrer Zutraulichkeit. Heute weiß ich natürlich, wie problematisch die fehlende Scheu sein kann.Die Population der Nutrias hat in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen, was nicht alle Menschen gern sehen.

Wie ist diese Skepsis den Tieren gegenüber entstanden?

Die Nutria stammt ursprünglich aus Südamerika, und aus ökologischer Sicht ist die Ausbreitung einer neuen Art in einem Gebiet oft schwierig, wenn diese die vorhandenen Arten zurückdrängt und gefährdet. So hat sich durch Nutrias in einigen Gebieten der Pflanzenbewuchs sehr verändert, weil die Nagetiere die meisten Wasserpflanzen wie Schilf und Seerosen gern als Nahrung nutzen. Auch die Rinde mancher Baumarten können sie mit ihren scharfen Zähnen schälen, was besonders Förster nicht gerne sehen. Durch ihre Wühltätigkeit kann es aber auch zu wirtschaftlichen Schäden kommen, wenn Dämme oder Deiche betroffen sind.

Ist es denn nun ein Grund zur Freude oder zur Sorge, dass sich Nutrias auf dem Landesgartenschau-Gelände in Lahr niedergelassen haben?

Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, ein Wildtier aus der Nähe zu betrachten. Die Nutrias halten sich schon mehrere Jahre auf dem Gelände auf und haben bisher keinen Schaden angerichtet. Ich denke, solange man das Wachstum der Population der Nutrias nicht durch Fütterung fördert und keine Schäden erkennbar sind, kann man sich mit ihnen arrangieren.

Zur Person: Fanny Betge ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Professur für Wildtierökologie und Wildtiermanagement der Universität Freiburg. Sie betreut unter anderem die Internetseite www.wildtiere-stadt.wildtiere-bw.de, die viele Infos und Ratschläge zu Wildtieren im Siedlungsraum liefert. Auf der Meldeplattform www.bw.wildenachbarn.de kann jeder Nutriasichtungen und andere Wildtierbeobachtungen eintragen und so zur Forschungsarbeit von Fanny Betge und ihrem Team beitragen.

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